Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Gefährliche Alternativmedizin: Mit Aprikosenkernen gegen den Krebs

Von Silvio Duwe

Ärzte begegnen immer wieder solchen Fällen: Susanne Reichardt vertraute ihrem Mann, dem Heilpraktiker, auch als sie an Brustkrebs erkrankte. Sie aß Aprikosenkerne und verzichtete auf eine Chemotherapie - der Tumor erreichte Herz und Lunge.

Als Susanne Reichardt vor fünf Jahren einen kirschkerngroßen Knoten an ihrer Brust entdeckt, wendet sie sich sofort an einen vermeintlichen Experten: ihren Mann Siegfried Reichardt. Er ist Heilpraktiker und behauptet, Krebsspezialist zu sein. Ohne Ultraschall- oder Röntgenuntersuchung erklärt er ihr, der Knoten sei lediglich eine Zyste, und gibt ihr eine homöopathische Salbe.

Susanne Reichardt vertraut ihm. Es ist der Beginn eines Martyriums, das bis heute andauert und die 55-Jährige zu einer todkranken Frau gemacht hat.

Obwohl der Knoten wächst und die Schmerzen unerträglich werden, kann sich Susanne Reichardt erst nach drei Jahren durchsetzen und eine Frauenärztin aufsuchen. So lange lehnt ihr Mann jegliche Untersuchung durch einen ausgebildeten Mediziner ab. Der Befund ist eindeutig: Die angebliche Zyste ist ein bösartiger Tumor, die Ärzte wollen schnell mit einer Chemotherapie beginnen. Doch Siegfried Reichardt überredet seine Frau, auf erprobte Behandlungsmethoden zu verzichten. "Er hat gesagt, Chemotherapie bringt nichts, und du hast die ganzen Nebenwirkungen dadurch. Es gehen dir die Haare aus."

Aprikosenkerne und Heilstrahlen

Stattdessen behandelt der Heilpraktiker seine Frau selbst - mit einer Palette wirkungsloser Mittel: An Vitaminpräparate, Homöopathie, AHCC, ein Nahrungsergänzungsmittel aus japanischen Shiitake-Pilzen, und Omega-3-Kapseln erinnert sich Susanne Reichardt unter anderem. Einige der Mittel sind giftig, beispielsweise das mittlerweile verbotene MMS. Ihr Mann habe ihr die gesundheitsschädliche Chlorbleiche zum Trinken gemischt, sagt Susanne Reichardt. Die ganze Wohnung habe nach Chlor gerochen, viel extremer als im Schwimmbad.

Auch Aprikosenkerne gelten in der Naturheilkunde-Szene als Heilmittel gegen Krebs. Bis zu 60 Stück am Tag habe sie auf Anraten ihres Mannes gegessen, so Susanne Reichardt. Dabei können die Kerne im Körper Blausäure freisetzen, das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) warnt ausdrücklich davor, mehr als zwei täglich zu verzehren. Sonst kann es zu schweren Vergiftungen und im Extremfall sogar zum Tod kommen. Belege dafür, dass Aprikosenkerne gegen Krebs wirken, gibt es dagegen nicht.

Um seine kruden Therapien zu unterstützen, schickt Siegfried Reichardt seine Frau zudem zum Bruno-Gröning-Freundeskreis. Die esoterische Heilergruppe lebt vom Kult um den 1959 an Magenkrebs verstorbenen Bruno Gröning. Seine Anhänger glauben, dass Gröning bis heute Heilstrahlen aussendet, die alle Krankheiten besiegen können.

Doch alle Therapieversuche des Heilpraktikers bleiben wirkungslos - die Schuld daran gibt er seiner Frau. "Ich hätte diese Mittel mit viel mehr Liebe zu mir nehmen müssen, damit sie etwas bewirken", erinnert sich Susanne Reichardt an die Schuldzuweisungen ihres Mannes.

Unerträgliche Schmerzen - Selbstmordversuch

Weil die Schmerzen durch den Tumor unerträglich werden, versucht die krebskranke Frau, sich im September 2014 das Leben zu nehmen. Ihr Mann bemerkt ihr Vorhaben und ruft den Notarzt. Susanne Reichardt wird in die Hunsrück-Klinik in Simmern eingeliefert. Dort erhält sie eine erschreckende Diagnose: Der Tumor ist bereits durch die Brustwand gewachsen und hat Herz und Lunge beschädigt.

Ohne Chemotherapie würde sie nur noch sechs Wochen leben, eine Chance, den Krebs vollständig zu besiegen, gibt es nicht mehr. Susanne Reichardt nutzt trotzdem die letzte Möglichkeit und lässt sich in der Klinik behandeln. Tatsächlich schrumpft der Tumor, die Beschwerden nehmen ab. Mittlerweile ist sie nach Stuttgart in eine eigene Wohnung gezogen, um Abstand von ihrem Mann und seinen Heilmethoden zu gewinnen.

Siegfried Reichardt weist die Vorwürfe seiner Frau von sich. Er habe sie nicht davon abgehalten, sich von Ärzten behandeln zu lassen. Eine Klinik in Bad Bergzabern habe ihm außerdem bestätigt, dass seine Behandlungsmethoden "absolut richtig" seien. Krebs sei sein Fachgebiet, einige Kollegen hätten sogar Patienten an ihn zur Behandlung überwiesen. Seine Praxis habe er geschlossen, allerdings berate er weiter kostenlos Menschen, die bei ihm Hilfe suchen. Die Vorwürfe seiner Frau erklärt er damit, dass die Krebsmedikamente, die sie derzeit einnimmt, sie psychisch verändern würden. Sie sei eine Lügnerin.

Kein Einzelfall

Immer wieder kommt es vor, dass Heilpraktiker ihre Patienten mit wirkungslosen oder sogar gefährlichen Therapien behandeln. Manfred Hofmann, ärztlicher Direktor der Gynäkologie am Marienhospital Stuttgart, erinnert sich an drei Patientinnen, die allein im vergangenen halben Jahr zu ihm kamen, nachdem sie ihre Krebserkrankung zuvor ausschließlich von einem Heilpraktiker kurieren lassen wollten.

In allen drei Fällen war die Krankheit bereits so weit fortgeschritten, dass eine Heilung nicht mehr möglich war. Eine Brustkrebspatientin sei erst im Sterben zu ihm gekommen. Viele Fälle, in denen Patienten durch Heilpraktiker zu Schaden kommen, würden gar nicht bekannt, fürchtet Hofmann. "Es gibt keine Qualitätsprüfung. Der Heilpraktiker kann im Grunde eine Pseudobehandlung machen, bis ein Diabetiker im Koma stirbt, und niemand bekommt etwas mit."

Auch die Regeln für die Ausbildung und Zulassung von Heilpraktikern reichen nicht aus, um Patienten zu schützen. Für eine Heilpraktikererlaubnis sind nur ein Hauptschulabschluss, ein amtliches Führungszeugnis und eine ärztliche Bescheinigung notwendig, die besagt, dass man für den Beruf gesundheitlich geeignet ist. Nicht einmal der Besuch eines Lehrgangs ist zwingend vorgeschrieben. Lediglich einen Multiple-Choice-Test und eine mündliche Prüfung beim Amtsarzt müssen Heilpraktikeranwärter bestehen. "Da werden aber nur Basics der Medizin abgefragt. Man muss nicht einmal wissen, wie eine Krankheit entsteht", so Hofmann.

Auch der Heilpraktiker Siegfried Reichardt, der seine Frau mit MMS, Aprikosenkernen und Bruno Grönings Heilstrom vom Krebs befreien wollte, hat die gesetzlichen Voraussetzungen erfüllt.

Hinweis: Mehr zu dem Fall erfahren Sie bei SPIEGEL TV Magazin, 16. August, 22:25, RTL.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels stand, dass Heilpraktikeranwärter lediglich einen Multiple-Choice-Test beim Amtsarzt bestehen müssen. Tatsächlich ist auch eine mündliche Überprüfung nötig, der ein Arzt vorsitzt.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Gesundheit auf Twitter

Über diesen Account erreichen Sie das Ressort und verpassen keinen Artikel:



Gesundheit auf Twitter

Über diesen Account erreichen Sie das Ressort und verpassen keinen Artikel: