Alzheimer "So viel Freiheit wie möglich"

Demenzkranke ringen um Worte, erkennen die Familie nicht mehr. Heilung gibt es nicht. Neue Ansätze versuchen, den Patienten besser gerecht zu werden - etwa mit Architektur und Gestaltung der Umgebung.

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Erst ist es die Suche nach dem Schlüssel, dann die vergessene Verabredung, später wird der Heimweg schwer - und die eigenen Kinder werden zu Fremden. Demenz lässt Menschen im Vergessen versinken. Manche laufen immer wieder weg, denn selbst die eigene Wohnung oder das Zimmer im Pflegeheim sind plötzlich fremd - sie wollen einfach nur "nach Hause".

Manche Heime bauten Bushaltestellen auf, an denen Bewohner dann warteten - ohne dass je ein Bus hielt. Davon kommt man inzwischen eher wieder ab. Immer mehr Heime haben aber in den Gärten Wege, die im Kreis führen. Verlaufen ist hier unmöglich, aber die Menschen können ihr starkes Bewegungsbedürfnis gefahrlos ausleben.

Suchte man über Jahrzehnte vor allem nach Therapien und hoffte auf eine Impfung, so bemühen sich Betreuer, Ärzte und Architekten seit einigen Jahren verstärkt, auch mit der Gestaltung von Räumen auf die schwindenden geistigen Fähigkeiten einzugehen.

Den Spiegel umhängen als simple Lösung

"Wenn der Mensch sich nicht mehr an die Umwelt anpassen kann, dann muss sich eben die Umwelt an den Menschen anpassen", sagt Birgit Dietz, Leiterin des Bayerischen Instituts für Alters- und Demenzsensible Architektur. Licht, Farben, Gerüche, Akustik und Bildzeichen können dabei unterstützen: "Wie können die Menschen eine Art persönlichen Stadtplan im Kopf entwickeln? Das eigene Haus oder Zimmer erkennen, wie kommen sie zur Toilette?", fragt Dietz. Manchmal machten ganz banale Dinge Probleme wie etwa ein Spiegel, der an der Toilettentür hängt. Wenn sich ein Demenzkranker darin sehe, könne er denken, die Toilette sei besetzt. Den Spiegel umzuhängen ist dann die simple Lösung.

Mehr als 1,6 Millionen Menschen in Deutschland haben eine Demenz, zwei Drittel davon Alzheimer. Bis 2050 wird bei steigender Lebenserwartung mit drei Millionen Demenzpatienten gerechnet. Bis heute ist die Krankheit unheilbar.

In der Klinik der Technischen Universität München für Psychiatrie und Psychotherapie probierten die Leiterin der Demenzambulanz, Janine Diehl-Schmid, und die Architektin Dietz unterschiedliche Dinge aus, um den Menschen mehr Sicherheit und Orientierung zu bieten. So können Bewegungsmelder und Lichtstreifen Wege weisen, farbige Markierungen lassen Lichtschalter, Waschbecken, Toilettenbrillen oder Teller besser erkennen. Beschriftungen oder Bilder an Schränken erleichtern es, Dinge zu finden, selbst abschaltende Elektrogeräte bannen Gefahren.

"Das Nächste wird sein: Wie können Digitalisierung und Smartphone-Anwendungen weiterhelfen?", sagt Diehl-Schmid. "Ich habe immer mehr Patienten, die Tracker tragen."

Wie sieht die Welt der Betroffenen aus?

Es gehe darum, sich in die immer mehr in Einzelteile zerfallende Welt hineinzudenken, sagt Dietz. Wenn etwa schwarze Muster im Boden als Löcher wahrgenommen werden, könnte man daraus folgern: "Lasst uns keine schwarzen Gullideckel machen." Wer von einer Situation ein Schwarz-Weiß-Foto ansehe, erkenne leicht, wo Probleme entstehen könnten. Weiße Streifen etwa, die Sehbehinderten zur Orientierung dienen, können für Demenzpatienten zur Stolperfalle werden - weil sie darin eine Stufe sehen. "Diese Zielkonflikte müssen uns bewusst sein, um vorsichtige Abwägungen bei der Planung treffen zu können."

Die Entdeckung der Volkskrankheit
Als erster erkannte Alois Alzheimer vor über 100 Jahren die dann nach ihm benannte Form der Hirnerkrankung. Der Gedächtnisverlust der 51-jährigen Auguste Deter gab den Ärzten Rätsel auf. Alzheimers Dialog mit ihr ging in die Medizingeschichte ein: «Wie heißen Sie?» - «Auguste.» - «Familienname?» - «Auguste.» - «Wie heißt ihr Mann?» - «Ich glaube Auguste.» Nach ihrem Tod entdeckte er in ihrem Hirn einen massiven Zellschwund und ungewöhnliche Eiweiß-Ablagerungen. Diese gelten als Hauptursache für die Alzheimer-Krankheit, indem sie etwa Nervenzellen zerstören, Entzündungsreaktionen auslösen und die Signalübertragung zwischen den Nervenzellen behindern.

Wie weit dürfen Helfer im Umgang mit verwirrten Menschen gehen? Dürfen Systeme Türen sperren, wenn sie sich nähern? Verletzen Haltestellen-Attrappen die Würde? Sind Demenzdörfer wie im dänischen Svendborg, im niederländischen De Hogeweyk und bei Hameln eine Lösung?

Alpakas für die Therapie

In vielen Heimen wird angepasst, ausprobiert, umgestaltet. Im Park des Münchenstift-Hauses St. Martin wurde eine Haltestelle abgebaut. Wer sie noch als solche erkenne, wisse, dass nie ein Bus halte und werde frustriert, sagt die Leiterin des beschützenden geschlossenen Bereichs, Laura Otto.

Aus der Stationstür wurde das Milchglas entfernt. "Jetzt sehen die Bewohner, was sich draußen bewegt", sagt die Mitarbeiterin der Münchenstift-Geschäftsführung, Susanne Krempl. Das könne zwar mehr Unruhe bringen, aber: "Wir wollen so viel Freiheit wie möglich." Anstelle der Bushaltestelle ist ein Kleintiergehege geplant. "Tiere sind wie Musik oft der Schlüssel zu dementen Menschen." Die Congregatio Jesu in Neuburg an der Donau, ein Frauenorden aus dem 17. Jahrhundert, nahm beispielsweise kürzlich Alpakas als Therapietiere für demenzkranke Schwestern auf.

Neben der Gestaltung der Umgebung gebe es "ein ganz wichtiges Thema: den Pflegenotstand", sagt Diehl-Schmid. "Bevor ich die Architektur anpasse, wünsche ich mir ausreichend viele demenzversierte Pflegekräfte." Dietz sagt: "Wir brauchen beides, denn Architektur kann ganz konkret Pflege unterstützen und entlasten."

mah/ Sabine Dobel, dpa



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dasfred 20.09.2018
1. Gut, dass es so viele verschiedene Ansätze gibt
Bis heute hat man ja leider keine ideale Behandlung gefunden. Auch der Verlauf der Demenz, die sich über Jahre hinziehen kann ist unterschiedlich aber immer eine Belastung für den Betroffenen und seine Angehörigen. Ich habe selbst Erfahrungen sammeln dürfen mit meinem Wohnungsnachbarn, dessen Bruder plötzlich starb. Wenn man mitbekommt, wie ein Demenzkranker anfangs mit etwas Hilfe und Unterstützung noch einigermaßen selbständig leben kann, bis er plötzlich vergisst zu essen oder die Nacht zum Tag macht, dann ist das ein gleitender Prozess, bei dem der demente Patient individuell, seiner Wahrnehmung angepasst betreut werden muss. Wenn ich sehe, wie viele Familienangehörige oder Bekannte im Alter erkrankten, ist es bedauerlich, dass es nicht die eine richtige Umgehensweise gibt und sich der Betreuer jedem Betreuten individuell anpassen muss.
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