Klinische Studie : Medikament soll Alzheimer stoppen, bevor es beginnt

Immer wieder sind Wissenschaftler und Patienten bei der Suche nach einem Medikament gegen Demenz enttäuscht worden. Nun soll ein kolumbianischer Familienclan mit einem schlimmen Schicksal die Forschung voranbringen.

Alzheimerpatientin (in Portugal, 2009): Schwierige Suche nach MedikamentenZur Großansicht
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Alzheimerpatientin (in Portugal, 2009): Schwierige Suche nach Medikamenten

Berlin - In und um Medellin fürchten sie sich vor La Bobera, der Verrücktheit. Rund 5000 Menschen gehören zu der erweiterten Großfamilie, die von dem genetisch bedingten Leiden heimgesucht wird. Mit Mitte 40 bauen die Betroffenen geistig stark ab, ab Anfang 50 sind sie stark dement.

Das Schicksal des kolumbianischen Familienclans liegt in den Erbanlagen seiner Mitglieder begründet - doch das Leiden peinigt Menschen in der ganzen Welt. In Deutschland sind mehr als 1,2 Millionen Menschen von einer Demenzerkrankung betroffen, in den USA sind es 5,4 Millionen. Und weltweit steigen die Fallzahlen: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) rechnet bis zum Jahr 2030 mit 66 Millionen Demenzkranken weltweit.

Die kolumbianische Großfamilie - hier wird das Leiden dank einer Mutation auf dem Gen PSEN1 dominant weitervererbt - soll nun dabei helfen, lange gesuchte Medikamente gegen die Krankheit zu entwickeln. Bisher hat der pharmakologische Kampf gegen die Demenz trotz großem Aufwand kaum zählbare Erfolge gebracht. In einem groß angelegten Feldversuch sollen ab Anfang des kommenden Jahres nun vor allem junge Probanden einen Wirkstoff testen, der ihr - noch funktionsfähiges - Gehirn so gut wie möglich schützen soll.

Da klar ist, dass die Versuchsteilnehmer ohne Behandlung in jedem Fall ein großes Risiko für Alzheimer haben, soll sich so der Erfolg des Wirkstoffs namens Crenezumab zeigen lassen. Die monoklonalen Antikörper wurden ausgewählt, weil sie neben dem erhofften therapeutischen Effekt möglichst wenige Nebenwirkungen haben sollen. Crenezumab soll die Ablagerung von gefährlichen Beta-Amyloid-Peptiden im Gehirn verhindern. Dieser Mechanismus gilt unter vielen Forschern als Auslöser der Krankheit. Gänzlich unumstritten ist diese These aber auch nicht.

Crenezumab wird bereits in anderen Versuchsreihen getestet. Dabei erhalten Patienten in den USA, Kanada und Westeuropa, die leichte oder mittelschwere Demenzsymptome zeigen, den Wirkstoff. Für den 100 Millionen Dollar teuren Test in Kolumbien arbeitet das Pharmaunternehmen Genetech (Beteiligung: 65 Millionen Dollar) mit dem staatlichen National Institute of Health (NIH, Beteiligung: 16 Millionen) und der privaten Banner Foundation (Beteiligung: 15 Millionen) zusammen.

Es sei das erste Mal, das man sich auf Menschen konzentriere, die noch keine kognitiven Probleme haben, aber höchstwahrscheinlich in der Zukunft Alzheimer entwickeln, sagte NIH-Direktor Francis Collins in der "New York Times". Insgesamt sollen 300 Familienmitglieder an dem Test teilnehmen. Ein Drittel von ihnen wird den Wirkstoff erhalten, ein Drittel ein Placebo - eine ethisch durchaus schwierige Konstellation. Dazu kommt eine ebenfalls 100 Freiwillige umfassende Kontrollgruppe, die ebenfalls ein wirkungsloses Präparat erhält. In dieser Gruppe sind aber nur Familienmitglieder, die die Mutation nicht tragen, es aber nicht wissen.

Der Versuch soll fünf Jahre lang laufen, allerdings hoffen die Forscher bereits nach zwei Jahren auf erste Zwischenergebnisse. Dabei geht es um die Frage, wie stark sich die Hirnleistung der Probanden verschlechtert. Zum Einsatz kommen insgesamt fünf Tests, von denen sich in der Vergangenheit bereits gezeigt hat, dass sie auch feinste kognitive Verschlechterungen verlässlich nachweisen können.

Im Rahmen des DIAN-Netzwerks ("Dominantly Inherited Alzheimer Network") wollen Forscher ähnliche Versuche auch in den USA und Europa starten. Sie hoffen, dass Testreihen mit vergleichsweise jungen Probanden ein Schlüssel zur Lösung des Problems sein könnten. Das liegt daran, dass Alzheimer oft lange unerkannt wütet, bevor sich Symptome zeigen. Bisher sind allerdings zahlreiche Versuche mit möglichen Alzheimer-Medikamenten fehlgeschlagen. Die US-Regierung hat sich in einem neuen Aktionsplan vorgenommen, bis zum Jahr 2025 eine Behandlung für Alzheimer entwickeln zu lassen.

chs

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  • Mittwoch, 06.06.2012 – 08:10 Uhr
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Die wichtigsten Fragen zur Alzheimer-Erkrankung (AD)
Bei den meisten Menschen nimmt das Erinnerungsvermögen mit zunehmendem Alter leicht ab. Altersbedingte Vergesslichkeit kann man deshalb nicht immer von den ersten Anzeichen einer Alzheimer-Erkrankung unterscheiden. Im Fachjargon sprechen Forscher von "Mild Cognitive Impairment" (MCI), also der milden Beeinträchtigung kognitiver Fähigkeiten. Viele Menschen mit MCI bekommen zwar Alzheimer - trotzdem ist MCI noch lange keine Diagnose dafür. Alzheimer-Patienten verlieren häufig nach und nach das sogenannte episodische Gedächtnis. Sie erinnern sich zum Beispiel nicht mehr, dass ein Gespräch vor einem Tag stattfand. Andere typische Merkmale sind: Der Betroffene hat Wortfindungsstörungen oder Probleme mit der räumlichen Wahrnehmung (beispielsweise Schwierigkeiten beim Krawatte knoten oder Auto einparken). Oder aber der Patient verliert die Orientierung - und vertut sich etwa mit der Zeit oder geht in eigentlich bekannten Umgebungen verloren.





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