Alzheimer-Demenz Wenn der Vater langsam verschwindet

Als Annegret 15 ist, diagnostizieren die Ärzte bei ihrem Vater Alzheimer. Elf Jahre sind seitdem vergangen. Wie geht man damit um, wenn ein geliebter Mensch Stück für Stück die Kontrolle verliert?

Annegret Frenzels Vater ist an Alzheimer erkrankt
TMN

Annegret Frenzels Vater ist an Alzheimer erkrankt


Annegret Frenzel war 15 Jahre alt, als sie merkte, dass etwas anders war. Ihre Mutter war im Urlaub, hatte Vater und Tochter Bargeld da gelassen. Schon am ersten Tag war alles weg. "Ich fragte meinen Vater, was er damit gemacht hat, aber er wusste es nicht." Geglaubt hat sie ihm nicht. "Ich vermutete, er könnte alkohol- oder spielsüchtig sein."

Als die Mutter zurück war, sprachen sie über das Ereignis und stellten fest: In letzter Zeit häuften sich merkwürdige Kleinigkeiten. "Zum Glück war meine Mutter sehr rigoros", sagt Frenzel. "Sie hat ihn von Arzt zu Arzt geschleppt, bis wir eine Diagnose bekamen: Alzheimer im Frühstadium." Das ist inzwischen elf Jahre her.

Die heute 26-jährige Sozialpädagogin aus Waldenburg in Sachsen empfand die erste Zeit als verwirrend. "Meine Gefühle schwankten zwischen Mitleid und Wut." Sie wusste zwar von der Krankheit, aber konnte sich nicht vorstellen, dass er sich wirklich an Dinge nicht erinnerte. "Ich dachte immer, der will mich doch foppen."

Erste Phase der Verdrängung

Susanna Saxl von der Deutschen Alzheimer Gesellschaft kennt diese erste Phase der Verdrängung: "Wenn die Angehörigen an einen Punkt gekommen sind, an dem sie nicht mehr gegen die Krankheit kämpfen, wird es leichter für sie", sagt sie. Auch Frenzel sagt heute: "Es hat lange gedauert, das zu akzeptieren. Als ich es geschafft habe, mich auf seine Welt einzulassen, wurde es besser."

Alzheimer ist eine Krankheit, die das Hirn betrifft. Charakteristisch sind Störungen von Gedächtnis, Orientierung, Sprache sowie Persönlichkeitsveränderungen. "Gerade weil die Fähigkeiten abnehmen, sollte man sich als Angehöriger auf das konzentrieren, was noch geht", rät Saxl.

Wenn Alltagssituationen wie Tisch decken zur Herausforderung werden, können Angehörige die Handlung in kleine Schritte aufteilen: "Stell doch schon mal drei Teller auf den Tisch." Als nächstes dann: "Hol bitte das Besteck, Gabel und Messer fürs Fleisch." Auf diese Weise, so Saxl, fühlt sich der Erkrankte weiterhin nützlich.

"Gehirnareale, die benutzt werden, bleiben länger stabil", sagt auch Joachim Bauer, Neurowissenschaftler der Universität Freiburg. Daher sollten Angehörige darauf achten, was der Kranke noch selbst tun kann, um eine angemessene Balance aus Selbstständigkeit und Fürsorge zu finden.

"Er war einfach nicht mehr derselbe Mensch"

Schmerzhaft ist der Prozess des langsamen Abbaus dennoch. "Auch wenn man weiß, dass es passieren wird, trifft es die meisten unvorbereitet, wenn die eigenen Eltern den Namen ihres Kindes vergessen", sagt Saxl. Wichtig sei, sich klarzumachen, dass der Erkrankte auch unabhängig von Erinnerungen an Namen oder Zuordnung die Verbindung spüre: "Hier ist eine Person, die mir sehr nahe steht."

Es fiel Frenzel besonders schwer, anzusehen wie der Vater, den sie liebte und kannte, immer mehr verschwand. "Er war einfach nicht mehr derselbe Mensch", erzählt sie. "Früher war er extrem auf andere bedacht, tat alles für mich und nahm sich selbst zurück."

Plötzlich habe er sich gar nicht mehr für die Probleme seiner Tochter interessiert. Er war geistesabwesend, zugleich nervös und fühlte sich schnell überfordert oder angegriffen. "Weil ich selbst noch so jung war, habe ich leider oft zurückgegiftet." Heute weiß sie: "Er ist krank, und ich muss die Erwachsene sein."

Aggressivität: Oft im Verhalten begründet

Sind Menschen mit Demenz aggressiv, hat das nur selten mit Veränderungen in ihrem Gehirn zu tun. Meist sind äußere Faktoren schuld an dem Verhalten wie zu laute Geräusche, Situationen, die ihnen Angst machen, oder häufige Kritik, durch die sie sich bevormundet fühlen, sagt Saxl. Verändert sich das Umfeld, verbessert sich meist auch das Verhalten.

"Alzheimer-Kranke werden nur dann aggressiv, wenn sie sich respektlos behandelt fühlen", sagt auch Bauer. "Ihre Gefühlswelt ist lange Zeit noch intakt, und sie spüren sehr genau, wenn sie gekränkt oder ungut behandelt werden." Die beste Prävention gegen Aggressivität sei eine freundliche Behandlung.

Vor drei Jahren gab es einen Schlüsselmoment für Familie Frenzel, in dem klar wurde: Es geht nicht mehr. "Mein Vater wollte Wasser aufkochen und hat die falsche Herdplatte angemacht, auf der noch ein Topf mit Essensresten stand." Ein Fehler, der jedem hätte passieren können. "Doch dann fing es an zu brennen, und er saß seelenruhig in der völlig verrauchten Küche und hat Zeitung gelesen."

Es brauchte viel Kraft und eine Beinahe-Katastrophe für diese Entscheidung, doch Mutter und Tochter erkannten, dass es keinen anderen Weg mehr gibt: "Heute ist mein Vater in einem Pflegeheim ganz in unserer Nähe." Die festen Strukturen dort geben ihm ein Gefühl von Sicherheit. Frenzel besucht ihn oft. "Dennoch können wir auch mal was essen gehen oder in den Urlaub fahren in dem Wissen: Er ist in guten Händen."

Von Ines Schipperges, dpa/irb



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brucewillisdoesit 15.09.2017
1. Wird noch besser
Das unschöne daran ist: Demenz trifft uns alle. Ausnahmslos und jeden einzelnen, sofern wir nur alt genug werden, und nicht vorher an irgendetwas anderem sterben (wie die meisten Menschen)..
Dr. Metro 16.09.2017
2. Pflegeheim ist die wirklich bessere Alternative
speziell für an Alzheimer Erkrankte. Ungeschulte Privatpersonen können längst nicht bieten, was für derartige Patienten notwendig ist. Zumal professionelles Pflegepersonal sich nach 7-8 Stunden Arbeitszeit REGELMÄSSIG erholen und regenerieren kann. Ein perfekter VORTEIL! Nicht gleichzusetzen mit Abschieben, sondern wirklich das Allerbeste für Alzheimer Patienten. Das sage ich sowohl aus Erfahrung, als auch aus Überzeugung
ruhepuls 16.09.2017
3. Schon richtig...
Zitat von brucewillisdoesitDas unschöne daran ist: Demenz trifft uns alle. Ausnahmslos und jeden einzelnen, sofern wir nur alt genug werden, und nicht vorher an irgendetwas anderem sterben (wie die meisten Menschen)..
Stimmt. Das ist die Kehrseite der längeren Lebenserwartung. Wer (früher) mit 65 an einem Herzinfarkt starb, musste sich über die Demenz mit 85 keine Sorgen machen. Heute überleben viele ihren Infarkt - und werden damit zum Anwärter auf andere Krankheiten. An irgendwas stirbt man schließlich...
Currie Wurst 16.09.2017
4.
Zitat von Dr. Metrospeziell für an Alzheimer Erkrankte. Ungeschulte Privatpersonen können längst nicht bieten, was für derartige Patienten notwendig ist. Zumal professionelles Pflegepersonal sich nach 7-8 Stunden Arbeitszeit REGELMÄSSIG erholen und regenerieren kann. Ein perfekter VORTEIL! Nicht gleichzusetzen mit Abschieben, sondern wirklich das Allerbeste für Alzheimer Patienten. Das sage ich sowohl aus Erfahrung, als auch aus Überzeugung
Ich stimme insofern zu, als dass ab einem bestimmten Stadium die Pflege zu Hause nicht mehr möglich ist. Insofern ist das Pflegeheim kein Abschieben, sondern einfach das vorweggenommene Ende. Ebenfalls aus Erfahrung weiß ich, dass es dann rapide bergab geht. Schon nach 4 Wochen ist das meiste Leben entwichen, weil die Patienten ohne die vertraute Umgebung extrem abbauen. Komplett widersprechen muss ich Ihnen in puncto professionelles Pflegepersonal: 1. der Schlüssel zwischen professionellem und noch anzulernendem Pflegepersonal ist so aufgeteilt, dass oft genug sich auch mal nur das ungeschulte Personal unmittelbar kümmert, während irgendwo noch eine professionelle Kraft für 30 Leute den Oberaufseher spielt. 2. das ist ein unglaublicher Knochenjob. Ins Bett hieven, Windeln wechseln, Beschimpfungen ertragen, Schichtdienst etc. Regelmäßige Erholung und Regeneration gibt es da nicht, 7 Stunden Heim sind mindestens wie 12 Stunden Büro. 3. Ausreichendes professionelles Personal und einen passenden Schlüssel gibt´s bestenfalls in Heimen, die sich kaum ein Normalsterblicher leisten kann. Mein Vater war in zwei Heimen: das erste war schon saumäßig teuer und wie wir dank unserer regelmäßigen Besuche feststellen konnten, hat man sich völlig unzureichend gekümmert. Das zweite Heim war deutlich besser und an der Grenze dessen, was man leisten kann, kostete aber über 5.000 Euro, von denen man einen Teil über die Pflegestufe, einen weiteren Teil über die Rente finanziert und den Rest privat reinbuttert. So etwas werde und will ich mir gar nicht mehr leisten. Wer ein Pflegeheim einmal als Besucher erlebt hat, wird es sicher nicht mehr als Dauergast erleben wollen.
freiheitimherzen 16.09.2017
5. Kleine Hilfestellung
Ein wenig hilft es, wenn man versteht, daß der Geist eines geliebten Menschen bei Alzheimer unverändert bleibt und "nur" das Werkzeug, d.h. der Körper, aufhört zu funktionieren. Kann man sich noch mit der Idee anfreunden, daß der Geist an sich unzerstörbar ist und sich beliebig oft eine Existenz sucht, kann man sich noch weiter entspannen ohne sich in Realitätsflucht zu verlieren. Es ist dann immer noch nicht schön, aber die Situation verliert an Absolutheit, Sie geht für alle Betroffenen vorbei. Ist nur eine kleine Erfahrung aus 7 Jahren, in denen meine Frau Ihre an Alzheimer erkrankte Mutter betreut hat. Viele Grüße
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