Alzheimer Enkel entwickelt Überwachungssocken für Opa

Immer wieder büxte sein an Alzheimer erkrankter Opa aus, eines Nachts stand er sogar auf der Bundesstraße. Aus Sorge um ihn erfand sein 16-jähriger Enkel ein Alarmsystem zum Überziehen.

Safewander

Kenneth Shinozukas musste zusehen, wie sein Opa immer weiter die Orientierung in seinem Leben verlor. Die ersten Anzeichen der Alzheimer-Krankheit zeigten sich bereits, als Kenneth vier Jahre alt war. Damals verirrte sich sein Großvater bei einem gemeinsamen Besuch im Park. Seitdem schritt die Krankheit voran, zwölf Jahre lang.

Zum Vergessen kam wie bei vielen Demenzpatienten die Unruhe. Immer wieder irrte der Großvater in der Nacht durch das Haus der Familie in New York. Manchmal verletzte er sich bei seinen Ausflügen, manchmal verließ er das Haus. "Einmal weckte uns ein Polizist, weil Opa auf die Bundesstraße gelaufen war. Das war wirklich beängstigend", erzählt Kenneth Shinozukas, der heute 16 Jahre alt ist.

Seine Tante begann, auch nachts über den Großvater zu wachen. Alle Ausflüge konnte sie jedoch nicht verhindern. Das brachte Shinozukas auf eine Idee. Der Junge hatte sich schon immer für Technik begeistert. Als er sah, wie sein Großvater aus dem Bett stieg und dessen Fuß den Boden berührte, kam ihm der Gedanke: Weshalb nicht einen Sensor in die Socken einbauen, der die nächtliche Bettflucht über das Smartphone meldet?

75.000 US-Dollar an Preisgeldern

Er begann, das "Safewander"-System zu entwickeln. Als erstes schuf er einen Sensor für die Socke, der auf Druck reagiert. Dieser musste so dünn und leicht sein, dass er nicht stört. Anschließend brauchte Kenneth eine Funkverbindung, die extrem wenig Energie benötigt. Er entschied sich für einen Bluetooth-Chip, betrieben von einer Batterie so groß wie eine Münze. Dann folgte Schritt drei: Monatelang bastelte Kenneth an einer App, die bei einem Signal des Sensors Alarm schlägt.

Nach einem Jahr bestaunte die Familie das erste Mal, wie die Socke die Bettflucht des Großvaters meldete. Seitdem habe seine Tante keinen Ausflug des Opas mehr verpasst, erzählt Kenneth bei einem TED-Talk, einer weltweit erfolgreichen Veranstaltungsreihe für innovative Ideen. Seit ein paar Monaten testen Demenzpatienten in 13 kalifornischen Pflegeheimen die Innovation. "Der Sensor ist nicht sichtbar und es gab bisher keine Fehlalarme", sagt Jacqueline Dupont, Gründerin der "Irivine Cottages"-Gruppe mit den Pflegeeinrichtungen. "Wir erleben damit eine Win-win-Situation für uns alle."

Auch Jurys konnte Kenneth überzeugen. Mit seiner Socke gewann der Schüler im vergangenen Jahr den mit 50.000 US-Dollar dotierten Scientific American Award. Das Davidson Institute for Talent Development gab ihm weitere 25.000 US-Dollar, auch ein Patent hat der 16-Jährige für seine Erfindung angemeldet.

Auch in Deutschland sind unruhige demente Patienten eine Herausforderung in der Pflege. Wie geht man damit um, wenn die Krankheit sie umhertreibt? Eine Antwort darauf findet sich in der letzten Demenzleitlinie der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde. Darin heißt es: "Bei schwerer psychomotorischer Unruhe, die zu deutlicher Beeinträchtigung des Betroffenen und/oder der Pflegenden führt, kann ein zeitlich begrenzter Therapieversuch mit Risperidon (ein Neuroleptikum - d. Red.) empfohlen werden."

Wenn beruhigende Medikamente nicht helfen, geht es in vielen Pflegeheimen noch einen Schritt weiter. Dann droht die Fixierung mit Gurten. Zwar muss eine solche Freiheitsberaubung bei Dementen richterlich genehmigt werden, für die Betroffenen und Angehörige ist sie dennoch brutal - vor allem, weil durchaus Alternativen existieren.

"Ich nenne des Folter"

Eine heute in Deutschland schon angewendete und der Socke sehr ähnliche Lösung bietet eine Sensormatte. Vor dem Bett platziert, löst sie bei Betreten Alarm aus. Befragt man Sozialpädagoge und Autor Claus Fussek, einen deutschen Pflegeexperten zu Innovationen wie der "Safewander"-Socke, sagt er: "Die Idee ist in Ordnung und sicherlich humaner, als die Patienten mit Medikamenten zu sedieren oder sie zu fixieren." Dennoch sei auch die Socke "eine freiheitsentziehende Maßnahme, die genehmigt werden muss".

Fussek arbeitet seit 37 Jahren bei der Vereinigung Integrations-Förderung (VIF), einem ambulanten Münchner Beratungs- und Pflegedienst. Seit Jahren kritisiert er Missstände in der Altenpflege mit deutlichen Worten: "Kettet man einen Elefanten im Tierpark an einem Pfosten fest, regen sich alle auf. In Pflegeheimen werden täglich Tausende ihrer Freiheit beraubt. Ich nenne das Folter."

Wann die Supersocken in den USA auf den Markt kommen, hängt vom weiteren Testverlauf ab. Die Socken sollen pro Paar für weniger als 70 US-Dollar zu haben sein, natürlich waschbar. Zum Vergleich: Die Sensormatte aus deutschen Heimen kostet pro Stück fast 700 Euro. "Ich bin mir sicher, dass wir mit neuen Technologien viele Probleme des Alltags lösen werden", glaubt Kenneth Shinozuka. Seine Socken sind ein guter Anfang.

Zum Autor
  • Lichtblick
    Matthias Lauerer, Jahrgang 1975, freier Journalist. Hat nach dem Volontariat bei der "Neuen Westfälischen" unter anderem für "Stern" und stern.de gearbeitet.

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insgesamt 47 Beiträge
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Seite 1
querollo 27.04.2015
1. Definition
Eine "freiheitsentziehende Maßnahme" können diese Socken gar nicht sein. Denn im Gegensatz zu Fixierung oder Sedierung schränken sie die Bewegungsfreiheit des Anwenders gar nicht ein. Sie zeichnen seine Bewegungen lediglich auf. Das ist ja nun ein großer Unterschied.
xvxxx 27.04.2015
2.
Freiheitsentziehend ist die Massnahme in sofern, weil Alarm ausgelöst wird, und , ähnllich wie bei der elektronischen Fussfessel, damit natürlich verhindert werden soll dass jemand seinen "erlaubten Bereich" verlässt. Aber halt passiv. Und das ist das gute daran. Das ist kein Vergleich mit der Sedierung mit Medikamenten oder gar mit "ans Bett fesseln". Super Sache, hoffentlich nutzt das vielen Menschen und man wählt nicht die einfachen und weniger arbeitsintensiven Lösungen.
Pete_2718 27.04.2015
3. Na ja,...
Zitat von querolloEine "freiheitsentziehende Maßnahme" können diese Socken gar nicht sein. Denn im Gegensatz zu Fixierung oder Sedierung schränken sie die Bewegungsfreiheit des Anwenders gar nicht ein. Sie zeichnen seine Bewegungen lediglich auf. Das ist ja nun ein großer Unterschied.
...ich würde allein schon die Verpflichtung zuhause überhaupt Socken tragen zu müssen als Freiheitsentzug betrachten. Und bezüglich der Bewegungsaufzeichnung wäre schon zu klären,ob da wirklich der Weg aufgezeichnet wird, oder - wie beim Schlüsselfinder - nur das Ziel geortet wird.
Koalabärin 27.04.2015
4. @ querollo
Hallo, soweit ich das verstanden habe zeichnen die Socken noch nicht mal die Bewegung auf, sondern geben nur ein Signal, wenn der Träger auf den Füßen steht, was er ja im liegen nicht machen sollte. In diesem Zusammenhang von "freiheitsentziehenden Maßnahmen" zu sprechen, finde ich persönlich allerdings weit hergeholt. Festgurten oder sedieren bis zum sabbern sind da wesentlich härtere Geschütze, die auch eher unter diese Kategorien fallen.
Abbo Theke 27.04.2015
5. Ein sehr krativer Lösungsansatz,
der wohl auch im Sinne der Erkrankten sein wird. Schade, wenn diese Erfindung an rechtlichen Bedenken scheitern sollte. Wer diese Socken nicht tragen will, kann sich ja lieber auf der Bundesstraße überfahren lassen. Ich sehe eigentl. nur ein kleines technisches Problem: jeder nächtliche Gang zur Toilette wird dann wohl auch den Alarm auslösen?
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