Alzheimer-Forschung Dement durch Feinstaub?

Alzheimer scheint viele Auslöser zu haben. Ein Studie benennt nun eine weitere mögliche Ursache, die schon jetzt hitzig diskutiert wird - die Belastung durch Feinstaub.

Gehirnproben aus einer US-Studie, Februar 2018: Immer mehr Forscher versuchen, Alzheimer als eine das Gehirn verändernde Krankheit zu ergründen - und nicht als bloßes Demenz-Syndrom, das Verhalten verändert.
AP

Gehirnproben aus einer US-Studie, Februar 2018: Immer mehr Forscher versuchen, Alzheimer als eine das Gehirn verändernde Krankheit zu ergründen - und nicht als bloßes Demenz-Syndrom, das Verhalten verändert.

Von


Forscher der University of Montana haben zum Wochenende eine Alzheimer-Studie veröffentlicht, die das Zeug hat, die Diskussion um die Belastung der Städte mit Feinstaub weiter anzuheizen.

Die im "Journal of Environmental Research" erschienene Studie zeigt eine direkte Korrelation zwischen der Ablagerung bestimmter Proteine (Tau und Beta-Amyloide), was als früher Indikator für eine spätere Alzheimer-Erkrankung gilt, und der Menge messbarer Spuren von Feinstaub im Körper. Belastungen durch Feinstaub und Ozon über die gesetzten Richtwerte hinaus, konstatieren die Forscher, stellten ein Alzheimer-Risiko dar.

Die Studie basiert auf der Analyse der Daten aus 203 Autopsien von Menschen zwischen elf Monaten und 40 Jahren, die in Mexiko City - einem städtischen Ballungsraum mit mehr als 20 Millionen Einwohnern und zeitweilig extremen Umweltbelastungen - lebten und starben.

Feinstaub aus der Verbrennung von Kohlenstoffverbindungen gehört zu den brisantesten Umweltthemen. Er ist einer der maßgeblichen Belastungsfaktoren, die das Leben in der industriellen Welt ungesund machen: Man weiß, dass er die Ursache für Allergien, Lungen- und Herz-Kreislauferkrankungen ist und dass manche Stäube auch krebsauslösend wirken können. Sollte sich darüber hinaus bestätigen, dass Feinstaub ein maßgeblicher Faktor bei der Verursachung von Alzheimer wäre, dürfte das die Diskussion darüber verschärfen.

Ab wann beeinflusst Alzheimer das Leben?

Außer Frage steht, dass schon sehr frühe Stadien der Alzheimer-Erkrankung Einfluss auf das Leben der Betroffenen haben. So wiesen Forscher im September 2017 nach, dass die Ablagerung von Beta-Amyloiden schon in einer sehr frühen Phasedie olfaktorische Wahrnehmung der Betroffenen einschränkte - Geruchs- und Geschmacksinn gingen zurück.

Diese koreanische Studie weckte Hoffnungen auf einfache und kostengünstige Tests zur Früherkennung der Erkrankung, Jahrzehnte vor den ersten Demenz-Symptomen. Wie früh Alzheimer tatsächlich einsetzt, machte nun die Mexiko-Studie klar: Der jüngste Patient, bei dessen Autopsie die Forscher erhöhte Beta-Amyloid-Niveaus im Gehirn nachweisen konnten, war erst elf Monate alt.

Mexico City: Städtischer Ballungsraum mit 20 Millionen Einwohnern.
REUTERS

Mexico City: Städtischer Ballungsraum mit 20 Millionen Einwohnern.

Alzheimer: Die modernes-Leben-ist-ungesund-Krankheit?

Die Untersuchungen reihen sich in eine Vielzahl von Studien der vergangenen Jahre ein, die eine wachsende Zahl von Risikofaktoren benennen, die alle die Wahrscheinlichkeit von Alzheimer-Erkrankungen erhöhen (oder senken) könnten.

Dazu gehören

  • genetische Faktoren: Es gibt genetische Prädispositionen, die eine Erkrankung wahrscheinlicher machen. In vielen Familien gibt es messbare Häufungen von Erkrankungen, hier erscheint die Krankheit fast "erblich". Andererseits gibt es offenbar Menschen, die weitgehend gegen Alzheimer gefeit zu sein scheinen. Seit Dezember 2017 läuft eine genetische Studie über amerikanische Amishe, unter denen Alzheimer auffällig selten ist. Die Forscher hoffen darauf, den Grund für die Resistenz zu finden.
  • durch Ernährung und Lebensweise bedingte Faktoren: als Risikofaktoren gelten auch Stoffwechselerkrankungen, Störungen des Blutkreislaufes, eine zu zuckerreiche Ernährung sowie Traumata wie Schlaganfälle.
  • Stress, Schlafmangel und -störungen: Eine ebenfalls am Freitag vorgestellte Studie amerikanischer Gesundheitsbehörden dokumentiert eine direkte Korrelation zwischen Schlafmangel und -störungen und die vermehrte Ablagerung sogenannter Beta-Amyloide, die man als Hauptverursacher der Alzheimer Demenz sieht. Der Studie zufolge sei bereits durch eine Nacht Schlafentzug ein Effekt nachzuweisen. Das korreliert mit früheren Studien über Stress als Mit-Ursache für Alzheimer-Erkrankungen.
  • entzündliche Prozesse in Gehirn und Körper: Schon seit der "Nonnenstudie" Mitte der Achtziger stehen entzündliche Prozesse im Gehirn als Symptom, Ursache oder Auslöser für Alzheimer im Verdacht. Im März 2018 zeigte eine spanische Studie, dass besonders bei Frauen auch entzündliche Veränderungen der Blutgefäße mit einer Alzheimer-Erkrankung einhergehen.
  • Prionen: Alzheimer lässt sich im Tierexperiment auch verursachen, indem man Eiweiße ins Gehirn einbringt, die dort verklumpen.
  • Bildung als "Schutzfaktor": Mehrere Studien zeigen, dass ein hoher Bildungsstand Alzheimer entweder verhindern oder verzögern kann. Auch hier ist die Unterscheidung von Korrelation und Kausalität aber schwierig: "Trainieren" Gebildete ihr Gehirn mehr, so dass mehr "Reserven" vorliegen, die die Effekte der Erkrankung verhindern oder verzögern? Oder geht Bildung mit einem anderen Lebensstil, einer besseren Ernährungsqualität, weniger Stress oder anderen Faktoren einher, die die Wahrscheinlichkeit von Alzheimer senken?

Etwa 14 Millionen Menschen leiden weltweit an einer akuten Alzheimer-Demenz. Am Ende "löscht" die Krankheit erst Erinnerungen und die Persönlichkeit des Betroffenen, bevor er nach einer Phase des kaum mehr bewussten Siechtums stirbt - ein Prozess, der für die Patienten wie für ihr Umfeld sehr schwer erträglich ist. Alzheimer wird in der industrialisierten Welt deutlich häufiger diagnostiziert als anderenorts. Viele Forscher halten ihre Häufung - ähnlich wie bei Diabetes Typ 2 - für eine Begleiterscheinung ungünstiger moderner Lebensweisen.

Anmerkung der Redaktion: Im zweiten Absatz wurde die Bezeichnung der Protein-Ablagerungen korrigiert. Eine Aussage über einen möglichen Zusammenhang von Feinstaub und Suiziden haben wir aus dem Text entfernt, weil die Datenbasis der Studie dazu relativ klein war.

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.