Zwischenbilanz Neu-Medikamente nützlicher als erwartet

Die Pharmaindustrie hat das neue Preisgesetz für Arzneimittel gefürchtet. Jetzt aber zeigt eine erste Bilanz: Zwei Drittel der eingeführten Medikamente bringen dem Patienten tatsächlich mehr Nutzen als bisherige Therapien. Die Bestnote ist allerdings noch nicht vergeben.

Tabletten: Das Nutzenbewertungsgesetz bremst pharmazeutische Innovationen offenbar nicht so, wie von der Industrie befürchtet
DPA

Tabletten: Das Nutzenbewertungsgesetz bremst pharmazeutische Innovationen offenbar nicht so, wie von der Industrie befürchtet


Es hatte für reichlich Aufregung in der Pharmaindustrie gesorgt: Das Gesetz zur Neuordnung des Arzneimittelmarkts (Amnog) sollte Arzneihersteller in die Schranken weisen. Denn diese können Preise für ihre neuen patentgeschützten Arzneimittel nicht mehr uneingeschränkt selbst bestimmen. Stattdessen müssen sie belegen, dass das neue Medikament gegenüber einer "zweckmäßigen Therapie" einen deutlichen Zusatznutzen aufweist. Noch im Juni, als das erste Medikament auf diese Weise die Preisverhandlungen durchlief, warnte der Verband der forschenden Pharmaunternehmen (vfa), Innovationen in Deutschland würden praktisch nicht mehr verfügbar.

Doch eine erste Bilanz zerstreut jetzt offenbar diese Befürchtungen. Sie zeigt, dass 16 Prozent der geprüften Neu-Präparate den Patienten im Vergleich zu bisherigen Therapien beträchtlich mehr bringen. Die Bilanz stammt von dem für die Bewertung zuständigen höchsten Gremium im Gesundheitswesen, dem Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA). "In fast zwei Dritteln der Fälle hat der G-BA insgesamt einen Zusatznutzen anerkannt", sagte der Vorsitzende Josef Hecken. In dem Gremium entscheiden Vertreter der Ärzte, Krankenkassen und Kliniken auf wissenschaftlicher Basis unter anderem über den Nutzen neuer Therapien.

Bisher bewertete der G-BA 25 neue Mittel gegen gravierende Krankheiten wie Herzleiden oder Krebs. Die Medikamente wurden von Pharmafirmen in der Regel nach jahrelanger Entwicklung mit immensen Umsatzhoffnungen auf den Markt gebracht.

Zahlen widerlegen die Befürchtungen der Pharmafirmen

"Die Zahlen widerlegen auch das Argument, mit den Prüfungen werde einseitig zu Lasten der Patienten Sparpolitik betrieben und Innovationen würden kaputtgeprüft", sagte Hecken. Pro Jahr gebe es nach internationalen Erfahrungen bei neuen Arzneien etwa 15 bis 20 Prozent echte Innovationen.

Unter den 25 geprüften Wirkstoffen konnte nach Angaben des G-BA bei 64 Prozent ein positiver Zusatznutzen - gemessen an der bisherigen Standardversorgung der gesetzlichen Krankenversicherung - festgestellt werden. Dabei stuft der G-BA den Zusatznutzen als "gering", "beträchtlich" oder "nicht quantifizierbar" ein. Vier Wirkstoffe erhielten demnach das Prädikat beträchtlicher Zusatznutzen, neun konnten immerhin einen geringen Zusatznutzen vorweisen. Lediglich die höchste Zusatznutzenkategorie "erheblich" konnte bisher noch an kein Produkt vergeben werden. Bei drei Bewertungen ließ sich der Zusatznutzen zwar nicht quantifizieren, war aber dennoch positiv, berichtet der G-BA.

Früher stellte sich aus Sicht von Pharmakritikern zu häufig heraus, dass die neuen Mittel nicht viel besser wirken als alte - dafür aber wesentlich teurer sind als diese. Die Anfang 2011 in Kraft getretene schwarz-gelbe Pharmareform Amnog legt fest, dass die Bewertung durch den G-BA Basis für die Preisverhandlungen zwischen Hersteller und Kassenverband sind. Demnach darf nur, was dem Patienten mehr bringt, auch mehr kosten. Zuvor hatten die Firmen die Preise frei festlegen können.

Um den Zusatznutzen prüfen zu lassen, müssen die Arzneihersteller zunächst beim Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) ein Dossier vorlegen. Die Preisverhandlungen bei innovativen Mitteln mit Zusatznutzen übernimmt wiederum der GKV-Spitzenverband der Krankenkassen.

"Im Vorfeld wurde gesagt, dass durch die frühe Nutzenbewertung in Deutschland vieles kaputtgespart würde", sagte Hecken. Die Befürchtungen der Pharmaindustrie, das Gesetz würde Patienten den Zugang zu Innovationen versperren, sei nun ad absurdum geführt, so der G-BA-Chef. Der 53-Jährige führt den Ausschuss seit Juli, zuvor war er Familienstaatssekretär, Chef des Bundesversicherungsamts und Landesminister.

Demzufolge liegt das deutsche Verfahren mit dieser Bilanz insgesamt deutlich im positiven Bereich und entspricht im europäischen und internationalen Vergleich den Ergebnissen von Arzneimittel-Bewertungen in Frankreich, Großbritannien, Kanada oder Australien.

Eine Reihe neuer Mittel sind nach Heckens Worten von den Firmen nicht zur Prüfung angemeldet worden, weil diese wohl Probleme erwartet hätten. "In anderen Fällen werden Mittel auf Patienten beschränkt, die wirklich davon profitieren." Hersteller strebten dagegen eine breite Anwendung an. "Den Patienten wird auf verschiedene Weise geholfen", meinte der Ausschuss-Chef. "Übertriebene Hoffnungen in ein Präparat werden verhindert, das Risiko zu großer Nebenwirkungen minimiert."

cib/dpa

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Seite 1
forkeltiface 03.09.2012
1. optional
Der Bericht ist wirklich reines Orwell 2.0. Je mehr staatliche Einmischung desto besser! Begrenzung ist Freiheit! Schei** ist das neue "gut".
xmix 03.09.2012
2.
Na, das war ja mal eine nützliche Idee. Wie gut, dass es funktioniert!
7eggert 03.09.2012
3.
Zitat von sysopDPADie Pharmaindustrie hat das neue Preisgesetz für Arzneimittel gefürchtet. Jetzt aber zeigt eine erste Bilanz: Zwei Drittel der eingeführten Medikamente bringen dem Patienten tatsächlich mehr Nutzen als bisherige Therapien. Die Bestnote ist allerdings noch nicht vergeben. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/0,1518,853520,00.html
Oder anders ausgedrückt: 1/3 aller neuen Medikamente, die wir teuer und mit Preisbindung bezahlen und zu denen wir vor der "staatlichen Einmischung" nicht einmal die Alternative angeboten bekamen, ist selbst dann noch alter Wein in neuen Schläuchen, wenn die Pharmaindustrie damit rechnet, daß sie die Hälfte der so aufgefrischten Medikamente garnicht mehr einreichen braucht. Nun gut, wenn sich jeder Patient vor dem Kauf eines unmittelbar notwendigen Medikaments eine Woche lang auf Recherchetour begeben würde, statt das zu kaufen, was der Arzt verordnet, dann könnten wir auch das Gleiche erreichen, aber die Kosten wären dann auch für jeden Einzelnen und für jedes Medikament eine Woche Arbeit ohne Bezahlung.
forkeltiface 03.09.2012
4.
Zitat von sysopDPADie Pharmaindustrie hat das neue Preisgesetz für Arzneimittel gefürchtet. Jetzt aber zeigt eine erste Bilanz: Zwei Drittel der eingeführten Medikamente bringen dem Patienten tatsächlich mehr Nutzen als bisherige Therapien. Die Bestnote ist allerdings noch nicht vergeben. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/0,1518,853520,00.html
"Wir nähern uns mit dieser absurden Gesetzesnovelle sozialistischen Verhältnissen" sagt Pharmaexperte Dr. Bodo Antonic. "Niemand würde akzeptieren, wenn Automobilhersteller einen Festpreis für ihre Fahrzeuge vorgeschrieben bekämen, wenn sie nicht einen erhöhten Nutzwert gegenüber anderen Autos nachweisen könnten". Doch über die enorme Restriktion der Pharmabranche scheint es kaum Aufregung zu geben. Das Ergebnis der beschriebenen Maßnahmen ist indes leicht zu prognostizieren: sinkende Investitionen in Forschung und Entwicklung und dann der Abbau von Hochtechnologie-Arbeitsplätzen in Deutschlands forschungsintensivster Branche.
udolf 03.09.2012
5.
Da lassen Pharmafirmen Medikamente die einfach nur mit Vitaminen aufgefrischt werden weg und dann sind immer noch nur 16% der "neuen" Medikamente sind nützlicher? Und das soll eine positives Ergebnis sein?
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