Arzneimittelbewertung: Neue Medikamente sind nur selten besser

Das Arzneimittelgesetz fordert für neue Medikamente den Nachweis eines Zusatznutzens gegenüber bereits zugelassenen Präparaten. Eine erste Bilanz zeigt jetzt: Nur eins von fünf neuen Produkten ist deutlich besser.

Apothekerin: Vergleich von Alt- und Neu-Medikamenten Zur Großansicht
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Apothekerin: Vergleich von Alt- und Neu-Medikamenten

Berlin - Viele Pharmahersteller fürchten diese Frage: Ist ein neu zugelassenes Medikament automatisch besser als jene, die es zuvor auf dem Markt gab? Genau damit beschäftigt sich seit Geltungsbeginn des neuen Arzneimittelgesetzes Amnog, das höchste Gremium im Gesundheitswesen, der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), dem Vertreter von Ärzten, Krankenkassen und Kliniken angehören.

Jetzt hat der G-BA eine Bilanz gezogen, doch die fällt nicht besonders gut aus: Zwar helfen demnach zwei von drei neuen Arzneimitteln gegen schwere Krankheiten den Patienten mehr als die bisher gängigen Medikamente. Doch die Bescheinigung eines wirklich beträchtlichen Zusatznutzens verfehlten die allermeisten dieser Präparate gegen Krebs, Bluthochdruck, Diabetes und andere Leiden.

Das geht aus der offiziellen G-BA-Prüfung hervor, die der Deutschen Presseagentur (dpa) vorliegt. Im Detail sieht die G-BA-Bilanz gut zwei Jahre nach Inkrafttreten der Arzneireform so aus: Von 37 überprüften Mitteln erkannte der G-BA in sieben Fällen einen beträchtlichen Zusatznutzen. In 14 einen geringen und in drei einen nicht näher bestimmbaren. Den meisten anderen Medikamenten wurde kein Mehrwert oder das Fehlen vollständiger Nachweise bescheinigt.

Strittig ist im Gesundheitswesen, wie die Erfahrungen mit diesen Bewertungen zu beurteilen sind. Denn noch steht eine neue, weit größere Welle solcher Arznei-Überprüfungen an. Dazu sagte der G-BA-Vorsitzende Josef Hecken, nun zeige sich, dass die Bewertungen seines Gremiums fair seien. "Damit liegen wir deutlich über den Bewertungsergebnissen in anderen Vergleichsstaaten."

Vertreter der Pharmaindustrie hatten dagegen immer wieder vor den Bewertungsverfahren gewarnt. Die Geschäftsführerin des Verbands forschender Arzneimittelhersteller (vfa), Birgit Fischer, sagte, durch die Bewertungen komme die Versorgung mit innovativen Arzneimitteln in der Realität nur noch bei wenigen an. Als Begründung führte sie an, dass der G-BA zwar für ähnlich viele Medikamente einen Zusatznutzen definiere wie Prüfinstanzen in anderen Ländern. "Durch seine Entscheidungspraxis beschränkt der G-BA diesen Zusatznutzen aber tatsächlich auf einen kleineren Teil der Patienten."

Unterschiedliche Bewertung für verschiedene Patientengruppen

Hintergrund ist, dass der G-BA bei der Bewertung eines einzelnen Mittels zwischen dem Zusatznutzen für verschiedene Patientengruppen unterscheidet, bei denen das Mittel angewendet wird. Fischer warf dem G-BA vor, die Zahl der Patienten, für die ein Zusatznutzen herausgearbeitet werde, dabei künstlich klein zu halten.

Vor einem Jahr führten erstmals ein Pharmahersteller und die Krankenkassen Preisverhandlungen über ein neues Arzneimittel infolge dieser Bewertungen zum Abschluss. Nur was wirklich mehr bringt, soll auch mehr kosten, so sieht es das Amnog vor.

Mit Spannung wird nun auch die Bewertung schon länger auf dem Markt befindlicher Arzneimittel erwartet. Diese Prüfung des sogenannten Bestandsmarkts hatte der G-BA im April beschlossen. Als erstes stehen Wirkstoffe zur Behandlung von Volkskrankheiten wie Diabetes, Osteoporose und Depressionen auf der Liste des Gremiums.

Politisches Ziel der Bewertungen sind Einsparungen in Milliardenhöhe. So sollen jetzt die umsatzstärksten Mittel geprüft werden, die unter Patentschutz stehen und oft bereits seit Jahren millionenfach verordnet werden. Laut Hecken haben die für die erste Runde ausgewählten Medikamente ein Umsatzvolumen von zusammen etwa fünf Milliarden Euro. Der G-BA stellt sie auf Basis einer wissenschaftlichen Expertise und Dossiers der Hersteller auf den Prüfstand. Die ersten Dossiers müssen die Firmen laut Hecken am 15. Oktober vorlegen.

cib/dpa

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insgesamt 32 Beiträge
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    Seite 1    
1. Ich möchte das nicht bestimmen.
Kapuz 10.05.2013
Was ist es Wert, wenn ein patient 3 Monaten, anstatt 2 1/2 lebt (im statistischen mittel)? Was ist es Wert, wenn das Sodbrennen weg ist oder da? Was ist es Wert, ein Tablette pro Tag anstatt 3/Tag? Ich möchte diese Fragen nicht beantworten müssen. Dazu kommt die gaußsche Glockenkurve, so das der eine Wirkstoff schlicht gar nicht wirkt, und der Andere "wirkgleiche" mit einer OH-Gruppe mehr doch. Wie soll man sowas bewerten?!?! Bin gespannt wie sich das entwickelt.
2.
effemm 10.05.2013
Mein aktuelles Smartphone hat nur einen geringen Zusatznutzen gegenüber meinem vorherigen. Mein aktueller Wäschetrockner hat nur einen geringen Zusatznutzen gegenüber seinem Vorgänger. Besser sind aber beide Geräte. So wie offenbar 24 von 37 getesteten Arzneimitteln besser waren, also zumindest einen geringen Zusatznutzen brachten. Die Überschrift "Neue Medikamente sind nur selten besser" ist also sachlich falsch. Es bleibt natürlich die Frage, ob der Aufpreis für die neuen Medikamente in einer Relation zum Zusatznutzen steht. Aber das ist ja weder Bestandteil der IQWiG-Prüfung, noch dieses Artikels. Wie wäre die Überschrift "Fast zwei Drittel aller neuen Medikamente bringen Zusatznutzen für Patienten!!!"? Ebenfalls reißerisch, zusätzlich aber sachlich korrekt...
3. Wo ist das Problem?
marimba 10.05.2013
Wenn es denn wirklich kaum wahrnehmbare Unterschiede gibt, kann der Verbraucher ja offensichtlich zum alten Medikament greifen. Selbiges wird nach einiger Zeit evt. auch als Generikum angeboten. Ich begreife nicht, warum sich eine wild gewordene Meute aus Politikern und Ängstlichen eine Branche piesaken, wenn dazu kein Anlass besteht. Persönlich hätte ich nur dann ein Problem, wenn das alte Produkt bewusst nicht optimal worden wäre, um zu einem späteren Zeitpunkt einen entscheidenden Fortschritt verkünden zu können.
4. So wichtig es auch ist, ...
mikra54 10.05.2013
... nicht immer nur neue Medikamente zu bekommen, die auch nicht mehr können als die alten, so prohibitiv sind dennoch unsere Zulassungsbestimmungen, die über jahre verhindern, dass ein neues medikament auf den markt kommen kann. Kein Wunder, dass immer mehr Pharmaunternehmen nicht mehr forschen sondern nur noch Generika herstellen. Wie wäre es damit: Wir sorgen dafür, dass Medikamente bei uns nicht ein Vielfaches von dem kosten, was in allen anderen Ländern dafür bezahlt wird (haben sie schon mal Aspirin oder Voltaren im Ausland gekauft - sie werden sich wundern), dafür aber Forschung und Marktzulassung neuer Entwicklungen erleichtert wird. Es geht bei der Verzögerung durch die Aufsichtsbehörden ja leider nicht wirklich um Medikamentensicherheit, sondern um Bürokratie...
5. Wer trägt die Kosten der Forschung?
WolfHai 10.05.2013
Zitat von sysopEine erste Bilanz zeigt jetzt: Nur eins von fünf neuen Produkten ist deutlich besser.
Ob die neuen Produkte wirklich besser oder nicht bessser sind, weiß ich wirklich nicht. Das Problem, dass ich sehe, ist: wenn die forschenden Pharmafirmen keine Möglichkeit mehr haben, ihre Forschungskosten durch den Verkauf der neuentwickelten Medikamente zu hohen Preisen wieder zurückzuverdienen, dann werden sie in Zukunft ihre Forschungen vermindern oder einstellen und die Chancen, dass zukünftige Patienten bessere Medikamente bekommen, vermindern. Wollen wir das?
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