Ein rätselhafter Patient Jung, blass, verwirrt

Eine junge Frau hat nach einem Unfall links plötzlich weniger Kraft als rechts, ihr ist schwindelig, sie ist verwirrt und lethargisch. In ihrem Blut finden die Ärzte nur eine mögliche, dafür aber sehr ungewöhnliche Ursache.

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Äußere Verletzungen hat die blasse 20-Jährige nicht, die nach einem Autounfall ins Bridgeport Hospital in US-Bundesstaat Connecticut gebracht wird. Auf alle Fragen antwortet sie klar und orientiert. Aber nachdem sie für einige Minuten das Bewusstsein verloren hatte, klagt sie jetzt über Schwindel und verschwommene Sicht.

In der Notaufnahme der Klinik hat sie plötzlich Schmerzen in der Brust. Auch der Schwindel plagt sie weiter und sie empfindet Licht als zunehmend unangenehm. Außerdem spürt sie, dass sie in der linken Hand und dem linken Bein weniger Kraft hat als auf der rechten Seite.

Als die Ärzte ihre Kraft prüfen, bemerken sie ebenfalls einen deutlichen Unterschied, ansonsten gibt es aber keine Seitendifferenzen oder andere Auffälligkeiten. Trotzdem sind die Mediziner alarmiert, denn eine Schwäche in einer Körperhälfte kann immer ein Zeichen für einen Schlaganfall oder eine Hirnblutung sein. Aufgrund des Alters der Frau und dem vorangehenden Unfall halten die Mediziner eine Blutung für möglich und lassen sofort Computertomografie-Aufnahmen (CT) von ihrem Kopf machen.

Heftige, lange Monatsblutungen

Die Bilder sind unauffällig. Zumindest eine größere Blutung ist damit ausgeschlossen. Ein Schlaganfall aber, also ein Minderdurchblutung des Gehirns, wird im CT meist erst verzögert sichtbar, die Mediziner müssen zu einem späteren Zeitpunkt erneut Bilder machen lassen.

Allerdings finden die Ärzte im Blut der Patienten etwas Auffälliges: Sie hat eine schwere Anämie, eine Blutarmut. Der Hämoglobinwert, der bei Frauen normalerweise zwischen 12 und 16 Gramm pro Deziliter liegen sollte, beträgt bei ihr nur 5,8 Gramm pro Deziliter. Der rote Blutfarbstoff Hämoglobin transportiert Sauerstoff in die Körperzellen und ist damit von entscheidender Bedeutung für die Organversorgung. Auch verschiedene Eisenwerte - Eisen ist in Hämoglobin eingebaut - sind zu niedrig, die übrigen Blutwerte aber normal.

Bis zu vier Prozent aller Frauen unter 50 Jahren haben eine Anämie, schreiben die Ärzte um Kavitha Gopahlratnam in ihrem Fallbericht über ihre ungewöhnliche Patientin in "Case Reports in Medicine". Ursachen können eine zu geringe Eisenzufuhr mit der Nahrung sein, Störungen im Verdauungssystem oder Blutungen. Häufig sind diese im Magen-Darm-Trakt zu finden.

Ein rätselhafter Patient - das Bilderquiz

Als die Ärzte die Frau erneut befragen, berichtet sie, sie leide immer wieder unter langen und heftigen Monatsblutungen. Schon oft sei ihr deswegen schwindelig gewesen oder sie sei in Ohnmacht gefallen. Sie habe deshalb des öfteren Ärzte aufgesucht, es sei aber nie eine Ursache gefunden worden.

Eine Infektion im Gehirn?

Der Patientin geht es zunehmend schlechter. Sie bekommt leichtes Fieber, ist mitunter verwirrt und lethargisch. Insbesondere ihren linken Arm kann sie schlechter bewegen als den rechten. Bei verschiedenen neurologischen Untersuchungen zur Koordination - zum Beispiel zeigt man in einem großen Bogen mit dem Zeigefinger auf die eigene Nase - ist sie allerdings auf beiden Seiten unsicher. Für eine einseitige Störung im Gehirn ist das untypisch.

Aufgrund des Fiebers punktieren die Mediziner den Rückenmarkkanal und entnehmen Nervenwasser. Sie wollen überprüfen, ob sich eine Infektion im Zentralen Nervensystem abspielt. Aber sie finden keinerlei Entzündungszeichen.

Erst eine Kernspinuntersuchung des Kopfes zeigt jetzt, was die Ursache für die Beschwerden und die Veränderung der Patientin ist: In beiden Hälften des Kleinhirns und im linken Hinterhauptslappen des Großhirns hat sie Schlaganfälle erlitten.

Kann Blutarmut einen Schlaganfall auslösen?

Infarkte bei so jungen Menschen sind höchst ungewöhnlich. Ursachen können Gerinnungsstörungen sein, Aussackungen in den hirnversorgenden Gefäßen, Herzrhythmusstörungen oder auch Fehlbildungen im Herzen. Nichts dergleichen können die Ärzte bei der Frau finden. Der einzige pathologische Wert bleibt das niedrige Hämoglobin.

Als Ursache für einen Schlaganfall kommt eine Blutarmut nur selten in Betracht, es wurden allerdings in der Literatur schon einige Fälle geschildert, in denen ein Zusammenhang wahrscheinlich erschien. Als mögliche Entstehungsmechanismen vermuten Ärzte, dass das Blut aufgrund der veränderten Zusammensetzung langsamer strömen und verwirbeln könnte, so dass sich Blutgerinnsel in den Arterien bilden, schreiben die Autoren.

Ebenso könnte die Unterversorgung mit Sauerstoff zu einem Untergang von Hirngewebe führen, oder aber es entwickeln sich Thrombosen in den Venen des Kopfes. Bei Babys wurden solche Zusammenhänge deutlich öfter beschrieben als bei jungen Erwachsenen.

Ob bei der Patientin der Unfall eine zusätzliche Rolle gespielt haben könnte, diskutieren die Ärzte in ihrem Fallbericht nicht. Sie geben ihr mehrere Bluttransfusionen und Eisentabletten. Dadurch verbessern sich ihre Blutwerte und die Anämie wird ausgeglichen.

Auch die Schwäche in ihrer linken Körperhälfte, die Lethargie und die Unsicherheit bei Koordinationsübungen verschwinden wieder. Bei mehreren Nachsorgeuntersuchungen geht es der Patientin wieder gut. Ihre Blutwerte lässt sie nun regelmäßig kontrollieren.



insgesamt 12 Beiträge
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Ulenvater2 02.07.2017
1. 'Rätselhafte[r] Patient[in]': Verwirrung als FOLGE oder als Ursache ?
Medien sollten freiwillig die Verpflichtung auf sich nehmen, in einer Intensität wie für FUSSBALL permanent in allen passenden & unpassenden Sparten über menschliche NOT-WENDIGE Körperfunktionen aufzuklären wie Sauerstoff-Versorgung, Kreislauf-Flüssigkeit, Nikotion- + Zucker- + Weizenmehl-Verbrauchsfolgen u.v.a.m., denn immer noch nicht wird nachdrücklich genug darüber aufgeklärt. Aus Versehen lebe ich in einem Bundesland [BW], wo schon erheblich mehr Grundsätze eines GESUNDEN Miteinanders Selbstverständlichkeit geworden sind: Spreche ich im Hbf. Rauchende [im Verbotsbereich] an, woher sie kommen, sind das STETS andere Gebiete. Außer mir benutzt nur eine Minderheit Rolltreppen & Aufzüge ! Wer höhere Bildungsmöglichkeiten besuchte, sollte 'wie aus der Pistole geschossen' mitteilen können, daß [Industrie-]Zuckerkonsum eine Vitamin-'B'-minderung auslöst & Zucker-Sucht als Circulus Vitiosus z.B. & sollte auch die Minder-Wissenden 'nervend' daran erinnern - wenn er als ERWACHSEN gelten will !
fedbc 02.07.2017
2. War bei mehreren Ärzten - HB von 5,8 wurde aber offenbar nicht bemerkt
Zitat: "Schon oft sei ihr deswegen schwindelig gewesen oder sie sei in Ohnmacht gefallen. Sie habe deshalb des öfteren Ärzte aufgesucht, es sei aber nie eine Ursache gefunden worden. " Zitat: "Der Hämoglobinwert, der bei Frauen normalerweise zwischen 12 und 16 Gramm pro Deziliter liegen sollte, beträgt bei ihr nur 5,8 Gramm pro Deziliter." Hat man ihr nur teure CTs, MRTs, Ultraschalluntersuchungen und Co. angedreht, aber an den 5-10€ für eine Blutuntersuchung gespart? Da es die USA sind, sollte sie die Ärzte mal verklagen - vielleicht wäre es nie zu dem Unfall gekommen, wenn sie mit einem normalen HB-Wert fitter und aufmerksamer gewesen wäre.....
fedbc 02.07.2017
3. War bei mehreren Ärzten - HB von 5,8 wurde aber offenbar nicht bemerkt
Zitat: "Schon oft sei ihr deswegen schwindelig gewesen oder sie sei in Ohnmacht gefallen. Sie habe deshalb des öfteren Ärzte aufgesucht, es sei aber nie eine Ursache gefunden worden. " Zitat: "Der Hämoglobinwert, der bei Frauen normalerweise zwischen 12 und 16 Gramm pro Deziliter liegen sollte, beträgt bei ihr nur 5,8 Gramm pro Deziliter." Hat man ihr nur teure CTs, MRTs, Ultraschalluntersuchungen und Co. angedreht, aber an den 5-10€ für eine Blutuntersuchung gespart? Da es die USA sind, sollte sie die Ärzte mal verklagen - vielleicht wäre es nie zu dem Unfall gekommen, wenn sie mit einem normalen HB-Wert fitter und aufmerksamer gewesen wäre.....
chestbaer 02.07.2017
4.
Und jemand der mit MISSIONARISCHEM Eifer seine mitmenschen ERZIEHEN will, als stolzer und stattlicher Württemberger oder Gelbfüßler, der sollte natürlich wie aus der PISTOLE geschossen bei jedem auch nur halbwegs relatierten Thema seinen Schmarren dazugeben. Der Fall hingegen ist Interessant, unklar bleibt ob die zumindest teilweise lateralisierte Symptomatik zum MR Befund passt, und ob es sich um Granzzoneninfarlte handeln könnte.
der_unbekannte 02.07.2017
5. Nicht zu glauben
nach ihrer Aussage war sie schon bei mehreren Ärzten, warum hat keiner die Blutwerte überprüft? Das ist doch Routine. Möglicherweise wäre es dann nie zu den Schlaganfällen gekommen. Interessant wäre in diesem Zusammenhang ihr Essverhalten, der niedrige Eisengehalt muss ja einen Grund haben.
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