3-D-Körper zum Selberbasteln: Schere, Kleber, Papier

Von

Ein Herz dauert zwei Nachmittage, eine Leber länger: Der computer-affine Bauingenieur Horst Kiechle bastelt menschliche Organe aus Papier. Seine raffinierten Falt-Anleitungen sind ein Renner im Internet. Jetzt will er eine Version für Schüler entwickeln.

Mit Schere und Kleber: Papierorgane zum Selberbasteln Fotos
Horst Kiechle / archisculpture

Während Horst Kiechle sich zu Hause Opern anhört, greift er am liebsten zu Papier, Schere und Klebstoff. Dann schneidet und faltet er mitunter stundenlang - bis sich nach und nach ein dreidimensionales weißes Objekt aus Papier formt. "Auch beim Sportschauen falte ich sehr gerne nebenher", sagt der 53-Jährige. "Das ist doch besser als zu Bier und Chips zu greifen. Am Ende habe ich etwas in der Hand und nicht nur im Bauch."

Sein wohl außergewöhnlichstes Papierwerk: ein Torso. Der dreidimensionale Körper ist lebensgroß, die Oberfläche von Dreiecken unterschiedlicher Größe überzogen. Sie erinnert ein wenig an grafische 3-D-Avatare aus Science-Fiction-Filmen der achtziger Jahre. Über Brust und Bauch des Papier-Torsos prangt eine Art Fenster, im Inneren liegen die einzelnen Organe: links und rechts die Lungenflügel, dazwischen das Herz, im unteren Bereich sind obenauf Dick- und Dünndarm zu sehen. Ob Bauchspeicheldrüse, Magen, Leber oder Nieren, sämtliche Papierorgane lassen sich einzeln herausnehmen und wieder einbauen - so wie man es von Anatomiemodellen aus dem Biologieunterricht kennt.

Von Pappmaché zu Papier

Dabei hatte Kiechle eigentlich gar nichts mit Anatomie zu tun. Bis eines Tages sein Sohn von der Schule nach Hause kam. Damals lebte Kiechle mit seiner Familie auf den Fidschi-Inseln. Für ein Schulprojekt sollte die Klasse ein Modell des Planetensystems aus Pappmaché basteln. Doch die Arbeit mit all dem Kleister war zäh.

Kiechle, der zuvor für andere Projekte ein Computerprogramm entwickelt hatte, konnte helfen: Die Software berechnet aus virtuellen 3-D-Modellen eine Art Schnitt- und Faltmuster, die man anschließend auf Papier drucken kann. Schnell hatte Kiechle Bastelvorlagen für Kugelmodelle von Erde, Mond und Co. beisammen.

Nicht nur die Schüler waren begeistert, auch der Lehrerin gefielen die Papierarbeiten. Als sie für das "Science Lab" der Schule nach anatomischen Modellen suchte, kam Kiechle der Gedanke, es mal mit Organen aus Papier zu probieren. "Fidschianer sind für Rugby bekannt, aber nicht gerade für delikate Papierarbeiten", erzählt er via Skype von dem Augenblick, als die Idee geboren wurde. "Mir war klar, dass wahrscheinlich die Lungen als Rugby-Bälle durchs Klassenzimmer fliegen würden."

Dennoch machte er sich an die Arbeit und suchte sich über das Internet die notwendigen anatomischen Informationen zusammen. "In den Buchhandlungen auf Fidschi bin ich nicht fündig geworden", sagt er. Kiechle, der in Deutschland Bauingenieurwesen studiert hatte und sich sowohl mit Supercomputern als auch mit Architektur beschäftigt, war es schon immer ein Anliegen, Ingenieurswissen und Kunst miteinander zu verschmelzen.

Etwa drei Monate dauerte es, bis er aus den Informationen über den menschlichen Körper mit Hilfe seiner Software den ersten vollständigen Torso-Prototypen gefertigt hatte. Erst nahm er sich die Organe vor, dann die Außenhaut des Torsos, zum Schluss kam die Feinarbeit der inneren Torso-Oberfläche, die als Behälter für die Organe dienen sollte. Ein weiteres Jahr benötigte er, um sämtliche Fehler auszumerzen und eine Anleitung zum Selberbauen zu erstellen.

DIN-A4-Papier genügt

Als Gesamtpaket ist der Torso zwar bisher ein Unikat. Doch Kiechle sieht sein Werk nicht als solches - im Gegenteil: Jeden Schritt hat er dokumentiert, die Anleitung hat er auf seine Webseite torso.amorphous-constructions.com und auf YouTube ins Internet gestellt. Der Künstler hofft, dass sein Torso vielleicht eines Tages als Unterrichtsmaterial hilfreich sein könnte. Nicht überall auf der Welt könnten Schulen sich ein anatomisches Anschauungsmodell leisten, sagt er. Alles, was man für seine Organmodelle benötige, sei DIN-A-4-Papier, Schere und Klebstoff.

"Es gibt sehr viele Länder, die wenig Geld haben, wo aber die Menschen sehr viel Zeit haben", sagt Kiechle. Diese sollte man auch einplanen, wenn man selbst tätig werden möchte: "Die einfache Version von einem Herzen kann man an zwei bis drei Nachmittagen fertig haben", schätzt Kiechle. Es gibt aber auch kompliziertere Organe wie die Leber oder den Dünndarm. "Sie sind komplizierter aufgebaut als man denkt", so der Künstler. Mehrere Tage Bastelarbeit seien für manches Organ notwendig.

Derzeit brauche er zwar eine kleine Torso-Pause, sagt Kiechle, der inzwischen in Bangkok lebt. Aber im nächsten Jahr wolle er weitermachen und einfachere Modelle entwickeln, mit denen auch Schulen arbeiten könnten. "Nach dem Motto: ein Organ am Nachmittag", wie er sagt.

Mehr als tausend Downloads seiner Torso-Schnittbögen hat Kiechle schon verzeichnet. Nun wünscht er sich fachmännische Rückmeldung: "Bevor ich mich an die Arbeit für eine einfachere Version mache, wäre es schön, wenn mir ein Mediziner sagen könnte, was man möglicherweise weglassen oder hinzufügen sollte." Dass die Dimensionen der Modelle exakt sind, davon ist er überzeugt. Gleichwohl gibt er zu, mit Anatomie auch heute noch nicht so viel am Hut zu haben: "Ich weiß, wo die Organe sind, aber nicht bei allen, was sie genau machen."

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 12 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Soetwas Schönes entsteht...
mac4ever2 17.07.2013
Zitat von sysopEin Herz dauert zwei Nachmittage, eine Leber länger: Der computer-affine Bauingenieur Horst Kiechle bastelt menschliche Organe aus Papier. Seine raffinierten Falt-Anleitungen sind ein Renner im Internet. Jetzt will er eine Version für Schüler entwickeln. Anatomie: Horst Kiechle bastelt Organe aus Papier - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/anatomie-horst-kiechle-bastelt-organe-aus-papier-a-906918.html)
....wenn sich Ingenieurswissen und Kunst vereinen:-))))
2. Gibt es schon seit Jahren und nennt sich Pepakura.
dagonzo 17.07.2013
Wer über massig Geduld und ruhige Finger verfügt, kann damit günstig die tollsten Dinge basteln. Dauert alles ewig, macht aber Spaß. Oft werden die Papierteile anschließend mit Chemie behandelt und dadurch hart wie Plastik. Gibt fast nichts, was man daraus nicht basteln kann.
3. Lieber SPON
b5200 17.07.2013
es ist mir bekannt, dass journalistische Artikel aus der Einleitung, dem eigentlichen Informationen und des Abspanns besteht. Deswegen lese ich den ersten Teil ueberhaupt nicht, also hier den gesamten Text ueber der Ueberschrift "Von Pappmaché zu Papier" und ueberfliege nur den Abspann. Wenn es schon nicht ohne das bla bla als Einleitung geht, macht sie doch wenigstens kuerzer; haette allerdings auch nichts dagegen, wenn so etwas gar nicht gibt.
4. Nichts wirklich neues
bildermensch 17.07.2013
Kann man seit wenigstens 10 mit dem Pepakura Designer stressfrei selbst gestalten. Also keine echte Innovation ...
5.
bertburk 17.07.2013
Super da hat wer doch tatsächlich die 3d-Modelle von Organen einmal durch den PePaKuRa-Designer geschickt. Reife Leistung.... Ich frage mich ja ob der Herr Ingenieur sein "selbstentworfenes" Programm zur Erstellung von Papiermodellen nicht einfach im Internet runtergeladen hat, besonders neu ist das ja nicht. Jedenfalls ist im Netz zu dem Programm das Herr Kiechle geschrieben haben will nichts zu finden, ganz im Gegensatz zu Dunreeb Cutout oder Pepakura-Designer. Und zum Modell bleibt nur zu sagen dass schon wesentlich spektakulärere Papiermodelle von Teenagern "entworfen" und zusammengeklebt wurden.....
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Gesundheit
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Diagnose & Therapie
RSS
alles zum Thema Medizin
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 12 Kommentare
Zur Autorin
  • Manfred Witt
    Cinthia Briseño ist bergsteigende Biochemikerin, hat in München über Viren promoviert und schreibt über Medizin. Sie leitet das Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

Gesundheit auf Twitter

Über diesen Account erreichen Sie das Ressort und verpassen keinen Artikel: