Fünf Tage bevor er ins Krankenhaus kommt, fühlt sich der 63-jährige Mann noch gesund. Einen Tag später beginnt sein linker Ellbogen plötzlich zu schmerzen. Ein Schmerzmittel verschafft ihm Linderung. Dann kommen Beschwerden im rechten Arm hinzu, und er hat keinen Appetit mehr.
Tags darauf fällt ihm das Sprechen schwer. Und der Mann macht eine weitere merkwürdige Erfahrung: Will er ein Glas Wasser trinken, überkommt ihn ein Würgereiz. Er ringt nach Luft und kann das Wasser nicht herunterschlucken. Erst als er die Flüssigkeit ausspuckt, löst sich das Gefühl zu ersticken. Erneute Versuche, etwas zu trinken, bleiben erfolglos. Der Mann bekommt es mit der Angst zu tun.
Am Tag, bevor der Mann die Notaufnahme aufsucht, kann er schließlich nicht mehr duschen - die Angst vor dem Wasser ist zu groß. Das Sprechen fällt ihm immer schwerer, zusätzlich juckt es ihn im Nacken. Er fürchtet, einen Schlaganfall erlitten zu haben, und fährt in die Klinik.
Dort untersuchen ihn die Ärzte. Seine Körpertemperatur ist mit 37,8 Grad Celsius leicht erhöht, sein Puls ebenfalls (97 Schläge pro Minute). Der Blutdruck ist normal, aber er atmet angestrengt und schnell und ist ängstlich. Die Mediziner wollen ihren Patienten probeweise Wasser und Saft trinken lassen. Doch in dem Moment, in dem sich der Becher seinem Mund nähert, würgt der Mann. Beim Versuch, die Flüssigkeiten zu schlucken, muss er husten. Festes Essen dagegen bereitet ihm keine Schwierigkeiten.
Weiter in die nächste Klinik
Den Ärzten fällt ansonsten nichts Ungewöhnliches auf. Sie geben ihrem Patienten das Mittel Lorazepam, das seine Angst lösen soll und gleichzeitig beruhigend wirkt. Anschließend schicken sie ihn in das Massachusetts General Hospital, der Klinik der Harvard Medical School in Boston.
Dort angekommen wird der Patient von seinen Ärzten genau zu seiner Krankengeschichte befragt. Im Fachblatt "New England Journal of Medicine" berichten der Neurologe David Greer und seine Kollegen über ihren Patienten: An Fieber konnte dieser sich nicht erinnern, auch Magen-Darm-Beschwerden hatte er nicht. Er gab lediglich an, dass er sechs Monate zuvor von einem Insekt gebissen worden war. Ärzte hatten den infizierten Biss mit einem Antibiotikum behandelt. Außerdem litt er an Bluthochdruck, wogegen er ein Arzneimittel nahm und zusätzlich täglich ein niedrig dosiertes Aspirin schluckte, um einem Herzinfarkt vorzubeugen.
Gemeinsam mit seiner Frau lebt der Patient in einem alten Haus in einer abgelegenen Gegend Neuenglands an der US-Ostküste. An einen Tierbiss, nach dem die Ärzte ihn fragten, kann sich der Mann nicht erinnern. Auch die Bostoner Ärzte überprüfen ihren Patienten noch einmal gründlich. Ihnen fallen neue Symptome auf: Bei der neurologischen Untersuchung gibt es Hinweise auf Nervenschäden, er hat Schwierigkeiten beim Gehen und vernuschelt gelegentlich Worte.
Atemnot und Herzrasen
Am ersten Tag im Massachusetts General Hospital nimmt die Ängstlichkeit des Patienten zu. Die Alarmsignale der Überwachungsgeräte genügen, um ihn aufzuschrecken. Seine Furcht vor Flüssigkeiten wächst. Am frühen Morgen des zweiten Tages wird der Patient zunehmend unruhig, er wirkt verwirrt. Die Ärzte nehmen ihm aus dem Wirbelkanal Nervenwasser ab, um die - auch Liquor genannte - Flüssigkeit auf Veränderungen und Entzündungszeichen zu untersuchen.
Kurz nach der Liqourpunktion steigen Blutdruck und Herzfrequenz des Patienten dramatisch an, er atmet schnell, ein Messgerät zeigt jedoch an, dass sein Blut nur noch zu weniger als der Hälfte mit Sauerstoff gesättigt ist. Die Ärzte beobachten im EKG die Herzfrequenz von 150 Schlägen pro Minute, im nächsten Moment fällt die Frequenz auf normale 60 Schläge, um sodann wieder loszurasen. Mit Medikamenten können die Ärzte den Puls schließlich normalisieren. Sie müssen ihrem Patienten einen Beatmungsschlauch in die Luftröhre legen und bringen ihn auf die Intensivstation.
Die Mediziner messen die Hirnströme des Patienten, die etwas verändert sind, im EEG. Anschließend lassen sie im Computer- und im Kernspintomografen Bilder vom Kopf des Mannes anfertigen. Auf den Bildern sind Veränderungen in der Nähe der mit Gehirnflüssigkeit gefüllten Hohlräume zu sehen.
Gefahr durch Fledermäuse
Auf der Suche nach der Ursache für die dramatische Entwicklung kommen mehrere Dinge in Frage: Die Bostoner Ärzte denken an eine bakterielle Infektion, zum Beispiel mit sogenannten Clostridien, die Tetanus auslösen können. Doch zum Wundstarrkrampf passt die Angst des Patienten nicht. Auch einen möglichen Alkoholentzug diskutieren die Ärzte. Doch es gibt keinen Hinweis, dass der Mann Alkoholiker ist. Am wahrscheinlichsten aber erscheint den Ärzten eine Virusinfektion, die einem Todesurteil gleichkäme: Tollwut.
Zwar kann der Patient sich nicht an einen Tierbiss erinnern. Doch obwohl die meisten Menschen bei Tollwut an Hunde oder Füchse denken, kann das tödliche Rabies-Virus auch von Fledermäusen übertragen werden. Die Symptome des Mannes passen zur sogenannten enzephalitischen Form der Tollwut: Ängstlichkeit, Appetitlosigkeit, Jucken an der Bisswunde, Krämpfe der Schlundmuskulatur - und Angst vor Wasser. Sowohl die Kernspinaufnahmen als auch die untersuchte Hirnflüssigkeit passen zur Diagnose Tollwut.
Schließlich kann sich die Frau des Patienten an eine Nacht wenige Monate zuvor erinnern, in der eine Fledermaus ins Schlafzimmer geflogen war. Diese muss den Mann gebissen haben, ohne dass er es bemerkt hat.
Für den Patienten kommt jede Hilfe zu spät. Gegen Tollwut gibt es keine wirksame Therapie. Bis auf einzelne Ausnahmen verläuft die Infektion innerhalb weniger Tage nach Symptombeginn tödlich. Zwar gibt es experimentelle Therapien - auch die Bostoner Ärzte versuchen, ihren Patienten mit einer solchen zu behandeln. Doch am 30. Tag seines Krankenhausaufenthaltes stirbt der Patient. Hätte er den Biss bemerkt, wäre sein Leben zu retten gewesen: Auch ohne eine vorherige Schutzimpfung kann der Ausbruch von Tollwut direkt nach einem Biss durch einen Impfstoff verhindert werden.
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