Angst vorm Arzt "Zusammenzureißen reicht nicht"

Wer beim Gedanken an Ärzte Panik entwickelt und Termine trotz Beschwerden herauszögert, leidet wahrscheinlich an einer Iatrophobie. Für Betroffene ist es wichtig, sich der Angst zu stellen.

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Der Bohrer kreischt, Spucke sammelt sich im Mund, doch das Schlucken ist unmöglich. Viele Menschen kennen die Panik, die in diesem Moment im Körper aufsteigt - gerade beim Zahnarztbesuch. Doch für einige ist schon der Anblick eines Ärztehauses der reinste Horror. Iatrophobie heißt der Fachbegriff für die krankhafte Angst, zum Doktor zu gehen. Der Begriff leitet sich vom griechischen Iatros, Arzt, ab.

"Es gibt Schätzungen, wonach bis zu zwei Millionen Menschen in Deutschland von Ängsten vor Ärzten oder Behandlungen betroffen sind", sagt Arno Deister. "Allerdings ist die Krankheit nicht eindeutig definiert", erklärt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). Die einen gehen nur ungern zum Arzt. Andere aber zögern einen Besuch selbst bei sehr ernsthaften Erkrankungen hinaus - bis es zu spät ist.

Woher weiß man, ob man sich nur ein bisschen fürchtet oder ein ernsthaftes Problem hat? "Ein gewisses Unwohlsein oder Bauchgrummeln ist völlig normal, aber Schweißausbrüche oder Herzrasen sind Zeichen ernsthafter Panik", erklärt Markus Beier, der stellvertretende Vorsitzende des Bayerischen Hausärzteverbandes.

Angst vor einem Kontrollverlust

Dabei fürchten sich die Patienten nicht unbedingt vor einer besonders schlimmen Diagnose, sondern vor dem Arztbesuch an sich. "Häufig geht damit die Angst vor einem Kontrollverlust einher", erklärt Christa Roth-Sackenheim, Vorsitzende des Berufsverbandes für Psychiatrie und Psychotherapie. "Die Betroffenen glauben, sie könnten nicht mehr über ihren Körper bestimmen, sorgen sich, dass sie umfallen, in die Hose machen oder etwas Dummes sagen."

Manche Ärzte wissen um dieses Problem und versuchen gegenzusteuern: "Wir konnten in unserer Praxis schon bei einigen Patienten Ängste abbauen", sagt Beier. Er nimmt sich Zeit und versucht, den Patienten zu vermitteln, dass sie jederzeit eingreifen können. "Es soll nichts gegen ihren Willen geschehen." Wer etwa Angst vor Spritzen oder Blut hat, wird besonders sensibel behandelt und bekommt eine Notiz in der Akte.

Hinter Phobien steckten in aller Regel tatsächliche Erfahrungen, sagt Deister. "Das muss aber kein einzelnes traumatisches Erlebnis sein." Auch in der Kindheit kann eine Ursache liegen. Das Problem: Je länger aus Angst vor dem Arzt der Besuch hinausgezögert wird, desto größer werden die gesundheitlichen Beschwerden. Also fällt der Eingriff oder die Behandlung dann umso schlimmer aus, was die Angst wiederum bestätigt und verstärkt. Ein Teufelskreis.

Die gute Nachricht ist: In der Regel lässt sich die Arztphobie mit einer Verhaltenstherapie lösen. Therapeut und Patient analysieren wie in einer Zeitlupe die Abläufe. Anschließend wird der Betroffene behutsam mit seiner Angst konfrontiert. "Der Patient soll verstehen, dass die Angst immer wieder verschwindet", erklärt Roth-Sackenheim. Eine solche Therapie könnten auch nicht-ärztliche Therapeuten begleiten, sagt Deister. "Bezieht sich die Phobie auf Therapeuten jeglicher Art, wird es natürlich schwierig."

Behandlung unter Hypnose

Gerade Zahnärzte bieten inzwischen für Angstpatienten eine Behandlung unter Narkose oder Hypnose an, auch Entspannungstechniken oder Ablenkung etwa durch Musik oder Filme können helfen. Betroffene, die operiert werden müssen, sollten nicht verschweigen, dass sie Angst haben. "Ich empfehle, im Gespräch mit dem Arzt die eigenen Ängste zu thematisieren", sagt Michael Volland, Leiter der Arbeitsgruppe "Angstfreies Krankenhaus" im Berliner Krankenhaus Waldfriede.

Wer sich nicht traut, der Angst zu begegnen, sollte sich Unterstützung bei guten Freunden oder Verwandten holen, sagt Volland. "Eine vertraute Person kann helfen, die Probleme einzugrenzen." Das Umfeld muss wissen, dass diese Krankheit nichts ist, was man einfach so lassen kann.

"Sich zusammenzureißen, reicht nicht, das ist kein guter Ratschlag", sagt Deister. Freunde oder Angehörige dürfen ihre Beobachtungen ansprechen, empfiehlt Roth-Sackenheim, aber ohne Wertung. "Es ist nicht leicht, einer solchen Angst auf die Schliche zu kommen, aber es ist nichts, was nicht gut behandelt werden könnte."

Markus Beier erlebt immer wieder, dass Angehörige das Verbindungsglied zu den ängstlichen Patienten sind. "Manche bitten ihre Verwandten auch darum, sie zu uns zu fahren, um uns kennenzulernen, dann ist der erste Schritt schon getan." So wird vielleicht der nächste Arztbesuch kein Albtraum mehr.

Von Bernadette Winter, dpa/irb



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