Hilfe bei Fahrangst Wenn die Panik das Steuer übernimmt

Der eine meidet Autobahnen, der andere bekommt Herzrasen beim Überholen von Lkw oder im Tunnel. Fahrängste treffen Anfänger wie Routiniers. Die gute Nachricht: Sie sind gut therapierbar.

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Die Panikattacke kommt aus heiterem Himmel, meist auf Autobahnen, bei höherer Geschwindigkeit. Mitunter überrascht sie den Fahrer auch im Tunnel, auf einspurigen Führungen bei Baustellen oder auf einer Brücke. "Häufig sind es sehr erfahrene Autofahrer, die plötzlich am Steuer feuchte Hände oder Herzrasen bekommen", sagt die Kölner Psychologin und Fahrlehrerin Alexandra Bärike. Mancher beginnt zu zittern, die Atmung beschleunigt sich. Andere berichten davon, dass sie eine Art Tunnelblick bekommen. "All das macht natürlich Angst", sagt Bärike.

Die 48-Jährige hilft seit 14 Jahren Menschen, ihre Fahrangst zu überwinden. Denn was in dem Song "Ich will Spaß! Ich geb Gas!" so fröhlich besungen wird, gilt nicht für jeden. Für manchen ist das Auto mit Ängsten besetzt.

Vielfahrer und Wiedereinsteiger

Genaue Zahlen, wie viele unter Fahrangst leiden, gibt es nicht. Ungewöhnlich ist das Phänomen allerdings nicht. Bei Bärike kamen schnell viele Nachfragen, als sie sich mit dem Schwerpunkt selbstständig gemacht hat. Ihr zufolge lassen sich zwei Gruppen unterscheiden: Zum einen die Vielfahrer, die scheinbar ohne Grund die Panik auf der Straße überfällt. Und zum anderen wenig erfahrene Autofahrer, die Angst davor haben, in eine Situation zu geraten, die sie überfordert. "Sie befürchten, dann einen Fehler zu begehen, der gravierende Folgen nach sich zieht - etwa indem sie zu stark bremsen oder das Lenkrad verreißen", sagt die Psychologin.

Zur zweiten Gruppe gehören auch Wiedereinsteiger. Darunter sind oft junge Mütter, die noch nie gerne Auto gefahren sind - es nun aber brauchen, um den Alltag zwischen Krabbelgruppe, Kita und Kindersport zu stemmen. "Ihnen hilft schlichtweg Training, damit sie Sicherheit gewinnen", so Bärike.

Im Video: Frauenfahrschule - Angst am Steuer

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Die Gruppe der erfahrenen Autofahrer, die es plötzlich mit der Angst zu tun bekommen, hat ein anderes Problem. Männer und Frauen - viele von ihnen im mittleren Lebensalter - sind davon gleichermaßen betroffen. "Sie stehen meist unter massivem Stress - beruflich oder privat", sagt Bärike. "Das ist ein idealer Nährboden für Ängste." Eine brenzlige Situation kann dann das Fass zum Überlaufen bringen. "Manchmal reicht es, dass sich jemand beim Autofahren Gedanken über ein stressbesetztes Thema wie die Scheidung, den Hausbau oder Ärger im Job macht." Wenn die Angst dann aufsteigt, hilft erstmal einzig rechts ranfahren.

Vermeiden stärkt die Angst

Nach einer solchen Panikattacke am Steuer vermuten viele, dass körperlich mit ihnen etwas nicht stimmt. War es eine Unterzuckerung? Oder ist etwas mit dem Herzen? Viele hangeln sich von Arzt zu Arzt. Die meisten, die schließlich bei ihr Hilfe suchen, haben seit mehreren Jahren mit der Angst am Steuer zu kämpfen. "Das Gehirn merkt sich alles", sagt die Psychologin. "Wenn ich noch einmal in eine ähnliche Situation komme, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Panik wiederkommt."

Häufig tritt die Angst am Anfang allein auf der Autobahn auf. "Viele meiden diese daher und weichen auf die vermeintlich sicheren Landstraßen aus", so Bärike. Bei manchen ist diese Strategie jahrelang erfolgreich. Andere werden dort schon nach Wochen von ihren Ängsten eingeholt. Der Radius wird schlimmstenfalls immer enger. Wer vermeidet, übergibt der Angst das Steuer - und nährt sie.

Was hilft, ist eine Konfrontation mit den angstauslösenden Situationen. Diese muss allerdings gut geplant sein. Kay Schulte, Referatsleiter Unfallprävention beim Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR), empfiehlt, sich langsam an angstbesetzte Situationen heranzutasten - und das in einem geschützten Rahmen. "Das Einzige, was wirklich hilft, ist fahren, fahren, fahren", sagt er. "Am besten nimmt man sich jemand mit ins Auto, der Ruhe ausstrahlt und erfahren ist." Speziell ausgebildete Fahrlehrer lassen sich über die Fahrlehrerverbände der einzelnen Bundesländer erfragen.

Immer wieder durch den Tunnel

Wer nach einem Unfall unter einem schweren Trauma leidet, kann das Fahren auch erst einmal in der virtuellen Realität üben. Am Institut für Arbeit und Gesundheit in Dresden steht ein Fahrsimulator, der das ermöglicht. "Hier können die angstauslösenden Situation direkt programmiert und immer wieder durchfahren werden", sagt Schulte. So gelinge es, die Angst in den Griff zu bekommen und langsam zu verringern. Im Anschluss wird das Gelernte auf die Straße übertragen.

Der Simulator ist ein gemeinsames Projekt der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung und des Verkehrssicherheitsrates. "Wenn der Unfall einem Arbeitnehmer in der Arbeitszeit passiert ist und es um die Wiedereingliederung in den Beruf geht, werden die Kosten vom zuständigen Träger der gesetzlichen Unfallversicherung übernommen", sagt Schulte. Das sind Berufsgenossenschaften und Unfallkassen. In der Regel wende sich der behandelnde Arzt über diese an das Institut in Dresden. Auch in der Hochschulambulanz der Uni Würzburg wird im Rahmen einer Studie ein solches Fahrtraining im Simulator angeboten.

Psychologin Bärike bespricht bei ihrem Training im Vorfeld, in welchen Situationen die Panik auftritt: Fährt jemand seit Jahren nicht mehr über Brücken? Dann ist es hilfreich, mit etwas Leichtem zu beginnen, einer kleinen Überfahrt etwa, und sich langsam zu steigern. Wer ungern auf Autobahnen unterwegs ist, sollte erst einmal einen Streckenabschnitt mit vielen Abfahrten zum Üben wählen. "Wenn jemand deutlich macht, dass er sich etwas noch nicht zutraut, nehme ich das sehr ernst", sagt Bärike. Sie versucht dann, Zwischenschritte einzubauen: "Manchmal fahre ich zuerst über die Brücke. Dann wechseln wir, und ich lenke das Fahrschulauto noch vom Beifahrersitz aus. Schließlich übernimmt der Klient."

Dem Fahrer ausgeliefert?

Doch was, wenn die Angst gar nicht den Fahrer, sondern den Beifahrer ergreift und dieser sich im Auto hilflos und ausgeliefert fühlt? "Dann geht es letztlich um Vertrauen", sagt Bärike. Um das zu schaffen, kann vor der Fahrt gemeinsam festgelegt werden, bis zu welcher Geschwindigkeit sich der Mitfahrende noch wohlfühlt.

Empfehlenswert sei es für ängstliche Mitfahrer auch, nur bei sicheren Fahrern einzusteigen, die auf die Bedenken Rücksicht nehmen, nicht zu schnell fahren und den Sicherheitsabstand einhalten. Nicht zuletzt legt sie Betroffenen nahe: "Fahren Sie selbst. Dann haben Sie die Kontrolle." Und wer ein sicherer und guter Fahrer sei, sei meist auch ein guter Beifahrer.


Tipps für ängstliche Autofahrer und/oder Beifahrer

  • In Stresssituationen lässt sich über den Atem wieder Ruhe zurückgewinnen. Tief in den Bauch einatmen und verlängert ausatmen, etwa indem man die Zunge leicht zwischen die Zähne klemmt und die Luft über den Mund entweichen lässt.
  • Progressive Muskelentspannung: Dafür die Hände am Lenkrad an- und entspannen, gleichsam kneten.
  • Beifahrer können auch einen Igelball in die Hand nehmen, um Spannungen abzubauen.
  • Hilfreich können positive Sätze sein, so Psychologin Bärike. Sie übt diese gemeinsam mit ihren Klienten. "Viele entlastet es, wenn sie sich sagen: 'Es ist im Straßenverkehr auch erlaubt, langsamer zu fahren'." Wichtig sei, dann nicht besorgt in den Rückspiegel zu schauen, sondern sich um sich selbst zu kümmern.

Bärike bietet ihre Hilfe bundesweit an - trainiert werden kann im Fahrschulwagen, aber auch im eigenen Auto. Wie lange jemand braucht, sei individuell verschieden. "Manchen reicht ein Tag gemeinsames Fahren, andere benötigen ein Wochenende, wieder andere eine Woche unter Anleitung", so die Psychologin und Fahrlehrerin. Das lege den Grundstein. Das Gelernte in die Praxis umsetzen und regelmäßig üben müsse jeder dann selbst.


Hier finden Menschen mit Autofahrangst Hilfe:



insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
hexenbesen.65 26.02.2018
1.
Manche "Psychologen" sind auf das gar nicht "eingerichtet"... Bei einer Therapie (gut, in der ging es um was anderes), erwähnte ich, dass ich teilweise Panik habe, unter einer Brücke durchzuführen (ich war eine Zeitlang Sanitäter, und mein "erster Notfall" war ein Suicid -von der Brücke gesprungen)...und die Antwort der tollen "Psychologin" ? "Damit müssen Sie rechnen ! Genau, wie ein Soldat rechnen muss, jemanden zu erschießen"....--was ist bitte DAS denn ???Ich war gerade mal 18 Jahre alt--wurde auf solche Situationen gar nicht vorbereitet..Und wenn diese "Erfahrung" noch über 30 Jahre "Nachklingt"...hat das nix mit "damit müssen Sie rechenen" zu tun..es hatte mich eiskalt erwischt..Nennt man Posttraumatische Belastungsstörung... Die ging NULL darauf ein (dabei hätte das mitunter auch eine Ursache für mein damals akute Problem sein können ) .
dasfred 26.02.2018
2. Oder lassen Sie das Auto einfach stehen
So habe ich es gemacht. Als Fahranfänger hatte ich noch mehrmals in der Woche den Familienwagen zur Verfügung. Mit Beginn des Studiums bin ich dann kaum noch gefahren, weil ich zum einen kein Geld für ein eigenes Auto übrig hatte, zum anderen mit dem Rad alles in Zehn Minuten erreichbar war. Mit dem Berufseinstieg konnte ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln fast von Tür zu Tür fahren. Als ich dann wieder die Möglichkeit bekam, mit dem Auto zu fahren, bemerkte ich, dass ich extrem unsicher wurde. Nach mehreren Versuchen in den folgenden Jahren habe ich meinen Führerschein vernichtet, um mich gar nicht erst wieder in Gefahr zu begeben, mich oder andere zu gefährden. Solange es keine Notwendigkeit gibt, selbst fahren zu müssen, besteht auch keine Notwendigkeit zur Behandlung. Es ist natürlich gut, dass es Möglichkeiten zur Behandlung dieser Angst gibt, aber zuerst steht die Frage, ob ein Auto unbedingt sein muss. Immerhin sind von Jahr zu Jahr mehr Menschen unterwegs, die gesundheitlich schön längst nicht mehr in der Lage sind, sicher zu fahren, ohne es selbst wahrzunehmen.
hooge789 26.02.2018
3. Fahrer mit Angst am Steuer
sind einfach nur gefährlich. Und Autofahren ist nicht unverzichtbar. Bus, Bahn, Fahrgemeinschaften.
vitalik 26.02.2018
4.
Zitat von dasfredSo habe ich es gemacht. Als Fahranfänger hatte ich noch mehrmals in der Woche den Familienwagen zur Verfügung. Mit Beginn des Studiums bin ich dann kaum noch gefahren, weil ich zum einen kein Geld für ein eigenes Auto übrig hatte, zum anderen mit dem Rad alles in Zehn Minuten erreichbar war. Mit dem Berufseinstieg konnte ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln fast von Tür zu Tür fahren. Als ich dann wieder die Möglichkeit bekam, mit dem Auto zu fahren, bemerkte ich, dass ich extrem unsicher wurde. Nach mehreren Versuchen in den folgenden Jahren habe ich meinen Führerschein vernichtet, um mich gar nicht erst wieder in Gefahr zu begeben, mich oder andere zu gefährden. Solange es keine Notwendigkeit gibt, selbst fahren zu müssen, besteht auch keine Notwendigkeit zur Behandlung. Es ist natürlich gut, dass es Möglichkeiten zur Behandlung dieser Angst gibt, aber zuerst steht die Frage, ob ein Auto unbedingt sein muss. Immerhin sind von Jahr zu Jahr mehr Menschen unterwegs, die gesundheitlich schön längst nicht mehr in der Lage sind, sicher zu fahren, ohne es selbst wahrzunehmen.
Das Vernichten des Führerscheines war jetzt aber eher ein symbolischer Akt. Sie werden weiterhin im System der Verkehrsbehörde als Führerscheininhaber geführt und können jeder Zeit eine Neuausstellung beantragen. Ich denke, dass das Gegenteil besser wäre. Man hat einiges an Geld in diese Ausbildung gesteckt und man weiß nie, ob man es nicht eines Tagen braucht. Das Problem ist doch, je länger Sie warten, desto schwieriger wird der Wiedereinstieg. Immer wieder kleine Trainigsfahrten unter Aufsicht einer Vertrauensperson können sehr gut helfen. Man muss ja nicht direkt in einer Großstadt losfahren, sondern kann auf Land rausfahren und dort die Fahrt beginnen.
dasfred 26.02.2018
5. Zu vitalik Nr.4
Es ist für mich eine Frage der Gewichtung. Ich kann auf ein Fahrzeug verzichten, so wie andere aus gesundheitlichen oder strafrechtlichen Gründen verzichten müssen. Durch unsichere Fahrweise andere zu gefährden kann kein Ausgleich für höhere Mobilität sein. Ich habe alles was ich brauche im nahen Umkreis, kann mich mit meiner Monatskarte mit den öffentlichen Verkehrsmitteln durch die Stadt bewegen und weiter will ich sowieso nicht. Es fahren heute schon viel zu viele nur aus Jux und Dollerei kreuz und quer durch die Gegend, da muss ich mich nicht anschließen.
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