Deutschland Mehr antibiotikaresistente Keime - schwerere Therapie

Entwickeln Bakterien Resistenzen gegen Antibiotika, werden eigentlich gut behandelbare Krankheiten gefährlich. In Deutschland stoßen Experten immer öfter auf solche Keime.

Eine Petrischale mit Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus
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Eine Petrischale mit Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus


Experten weisen bei Krankenhauspatienten in Deutschland immer häufiger Keime nach, die gegen wichtige Reserveantibiotika resistent sind. Diese Antibiotika werden eingesetzt, wenn die herkömmlichen Mittel bereits versagt haben. Der gefährliche Trend geht aus Daten des Nationalen Referenzzentrums für gramnegative Krankenhauserreger (NRZ) der Ruhr-Universität Bochum hervor.

Die zugehörigen Proben hatten Ärzte mit Verdacht auf Antibiotikaresistenzen ins Labor geschickt. Im Jahr 2017 fanden die Experten des NRZ in fast jeder dritten Probe eine sogenannte Carbapenemase. Dabei handelt es sich um von den Bakterien produzierte Enzyme, die unter anderem Reserveantibiotika aus der Gruppe der Carbapeneme unwirksam machen.

Bei betroffenen Patienten fallen die meisten eigentlich sehr gut wirksamen Antibiotika weg - Ärzte müssten auf die "Reserve der Reserve" zurückgreifen, sagte der Biologe Niels Pfennigwerth vom NRZ, der die Ergebnisse in einem Bericht des Robert Koch-Instituts veröffentlicht hat. Diese Medikamente hätten oft Nachteile, beispielsweise stärkere Nebenwirkungen.

Als besorgniserregend beschreiben die Autoren um Pfennigwerth außerdem eine merkliche Zunahme von Keimen mit mehr als einem Schutzmechanismus gegen Carbapene. Die Folge: Die Therapiemöglichkeiten würden in der Regel noch weiter eingeschränkt.

"Bedenkliche Entwicklung"

Die Daten des Berichts basieren auf 8014 Proben, die 355 Labore aus ganz Deutschland im vergangenen Jahr an das NRZ geschickt hatten. Die meisten Proben stammten von Krankenhauspatienten. Die Anzahl ist damit im Vergleich zu 2016 um acht Prozent gestiegen, damals gab es 7402 Einsendungen.

Zu Abklärungen durch das NRZ kommt es in der Regel, wenn bei einem Patienten mehrere Antibiotika nicht die erwünschte Wirkung erzielen. Bei einem wachsenden Teil von Proben geht es auch um die Frage, ob Resistenzen gegen das Reserveantibiotikum Colistin vorliegen. Bei multiresistenten Keimen versagen mehrere Antibiotika. In der Regel lassen sich die Infektionen trotzdem noch behandeln, weil die Bakterien zwar gegen viele, aber nicht gegen alle Mittel immun sind. Ziel ist es dann, herauszufinden, welche Mittel noch wirken.

Die Zunahme an Einsendungen um fast acht Prozent sind für Niels Pfennigwerth Zeichen eines gestiegenen Bewusstseins für diese Erreger, aber ebenso Folge einer tatsächlichen Zunahme von Resistenzen. Er sprach von einer "bedenklichen Entwicklung", mahnte aber auch vor Alarmismus. "In Deutschland haben wir im Vergleich zu Italien und Griechenland noch ein niedriges Niveau." Repräsentative Daten gebe es allerdings nicht.

Mitschuld an der Misere

Im Körper agieren multiresistente Keime genauso wie ihre Verwandten, die noch auf alle Antibiotika reagieren. Aus diesem Grund sind viele der Keime für Menschen mit einem intakten Immunsystem harmlos. Bei geschwächten Patienten jedoch können die Bakterien Infektionen etwa der Lunge oder der Harnwege auslösen. Dann lassen sie sich nur schwer behandeln.

Dass Bakterien Resistenzen entwickeln, ist ein natürlicher Prozess und Teil der Evolution: Treffen die Erreger auf Antibiotika, sollten eigentlich alle absterben. Durch zufällige Mutationen im Erbgut kann es jedoch sein, dass ein paar wenige überleben und Schutzmechanismen gegen die Antibiotika aufgebaut haben. Der viel zu hohe Gebrauch der Medikamente bei Patienten und in der Tiermast beschleunigt diesen Prozess.

Im Kampf gegen Antibiotikaresistenzen haben Wissenschaftler bereits wirksame Strategien entwickelt. Dazu zählen:

  • Strenge Hygienevorschriften in den Krankenhäusern, um bereits resistente Erreger nicht von einem Patienten zum nächsten zu tragen.
  • Gezielter Einsatz von Antibiotika. Viel zu häufig verordnen Ärzte die Medikamente, obwohl die Patienten sie gar nicht brauchen. Viele Erkältungskrankheiten etwa werden von Viren ausgelöst, gegen die Antibiotika unwirksam sind.
  • Richtige Einnahme von Antibiotika. Hier sind die Patienten in der Verantwortung: Wer das verordnete Antibiotikum zu kurz oder falsch einnimmt, verbessert für Bakterien die Chance, sich an die Wirkstoffe so anzupassen, sodass diese die Erreger nicht mehr abtöten können.

Video: Superkeime - Die tödlichen Feinde

NZZ Format

irb/dpa



insgesamt 8 Beiträge
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christerix 23.07.2018
1. Versagen wegen Lobbyismus?
Was spricht dagegen, dass Krankenhäuser Neu-Ankömmlinge, bevor sie auf andere Kranke losgelassen werden, zunächst untersucht werden? So machen es die Niederlande. Was machen eigentlich unsere Gesundheitsminister, wenn sie es nicht schaffen, den Ernst der Lage einzuschätzen und Konsequenzen zu ziehen? Papierschiffchen basteln? Essen gehen? Mir graut es davor, ins Krankenhaus zu gehen, weil ich mich dem Risiko aussetze, selbst diese Keime abzubekommen. Offenbar hören diese Entscheidungsträger lieber auf andere, als dem Volk zu dienen. Ist ja eigentlich die Regel.
käthe 23.07.2018
2. Was ist mit der Tiermast?
Beängstigend ist doch, dass solche resistenten Keime mittlerweile nicht nur in Krankenhäusern, sondern in einzelnen Badeseen zu finden sind, als Quelle wird die intensive Tiermast genannt. Die verseuchte Gülle kommt massenhaft auf die Felder und sickert ins Grundwasser. Wann wird dem endlich Einhalt geboten? Es ist doch nur eine Frage der Zeit, bis diese Keime sich weiträumig in der Umwelt ausgebreitet haben werden. Übrigens sind in vielen europäischen Ländern Antibiotika frei verkäuflich in der Apotheke zu haben, das habe ich gerade erst in Spanien wieder erlebt. Ich vermute, dort ist der Missbrauch von Antibiotika bei grippalen Infekten oder anderen Viruserkrankungen deutlich höher als hierzulande.
nelfou 23.07.2018
3. @ #1
Kann sein, dass Sie schon längst einen hübschen Keim haben. Zum Problem wird der aber erst, wenn Sie, fiktives Beispiel, sich bei der Gartenarbeit verletzen, die Wunde sich infiziert, Ihr Immunsystem in Schieflage gerät und dann Ihr multiresistenter Keim einen Harnwegsinfekt oder eine Lungenentzündung beisteuert, was Sie dann für die nächsten Wochen auf eine Intensivstation katapultiert. Die Übertragung im Krankenhaus ist natürlich möglich (gerade im Anbetracht der hohen Patientenzahl, die ich als Pflegekraft zu betreuen habe - jedes Mal wirklich 30 Sekunden Einwirkzeit beachten ist schlicht unmöglich). Häufig aber werden die Keime schon mitgebracht, sind oft noch nicht mal das Hauptproblem. Wir bekommen so oft Patienten aus dem Pflegeheim, die automatisch ins Screening kommen, und dann wurde vom Pflegeheim schlicht “vergessen“, uns die manchmal schon seit vielen Jahren vorliegende Besiedlung mitzuteilen, und der Patient lag bis zum positiven Test unseres Labors dann 24 Stunden nicht isoliert zusammen mit anderen Patienten. Und letztlich darf man niemanden einsperren. Etliche unserer Patienten leben ja im Pflegeheim oder im eigenen Zuhause ein ganz normales Leben, oft sind auch die Angehörigen Keimträger. Sie begegnen diesen Menschen beim Einkaufen, im Bus, beim Abholen Ihrer Kinder aus dem Kindergarten... Schließlich und endlich haben wir alle ja so unsere Rationen täglich Antibiotika mit dem billigen Fleisch und der billigen Wurst zu uns genommen, die wir im Discounter eingekauft haben. Für Massentierhaltung sind die Antibiotika allerdings unerlässlich, die Tiere werden nun mal krank, wenn man sie in entsprechender Menge auf viel zu engem Raum hält. Ist ein Tier erkrankt, muss man den ganzen Stall behandeln. Über den Weg der Gülle hat ja mein Vorschreiber schon geschrieben, das spare ich mir also. Thema Niederlande: wäre sicherlich sinnvoll! Aber mal abgesehen vom deutlich günstigeren Personalschlüssel, den man ja überall nachlesen kann, würden mich die baulichen Voraussetzungen in den niederländischen Krankenhäusern mal interessieren. Eine Isolation erfordert ja ein Einzelzimmer, das im besten Fall zu schleusen ist, auf die speziellen Fälle, in denen Kohortenisolation möglich ist, will ich der Kürze wegen mal nicht eingehen. Mag mir das jemand mal schreiben, der das genauer weiß? Gibt es da tatsächlich nur Einzelzimmer bzw werden die einzeln belegt, bis das Screening (welche Keime werden eigentlich gesucht? Nicht alle kann man im Schnelltests nachweisen?) abgeschlossen ist? Verfügen alle Zimmer über eine Schleuse? LG!
ideologiefreier-Realist 24.07.2018
4. Ja, das ist ein großes Problem
Zitat von kätheBeängstigend ist doch, dass solche resistenten Keime mittlerweile nicht nur in Krankenhäusern, sondern in einzelnen Badeseen zu finden sind, als Quelle wird die intensive Tiermast genannt. Die verseuchte Gülle kommt massenhaft auf die Felder und sickert ins Grundwasser. Wann wird dem endlich Einhalt geboten? Es ist doch nur eine Frage der Zeit, bis diese Keime sich weiträumig in der Umwelt ausgebreitet haben werden. Übrigens sind in vielen europäischen Ländern Antibiotika frei verkäuflich in der Apotheke zu haben, das habe ich gerade erst in Spanien wieder erlebt. Ich vermute, dort ist der Missbrauch von Antibiotika bei grippalen Infekten oder anderen Viruserkrankungen deutlich höher als hierzulande.
Colistin wird breit in der Massentierhaltung, besonders bei Geflügel, eingesetzt. Sonst verrecken die Tiere an den erbärmlichen Haltungsbedingungen. Aber die Menschen wollen ja massenhaft billiges Fleisch. Wenn man dann mal anregt höherwertiges Fleisch aus artgerechter Haltung zu kaufen, rümpfen die Menschen die Nase. Ist denen zu teuer, Geiz ist geil. Dann kommt immer, das kann man nicht bezahlen. Ist natürlich Unfug. Wir sind immer noch Reiseweltmeister und der Trend geht zum Drittauto. Aber wenn es ums Essen geht, sind plötzlich alle arm. Gut, dann eben nur noch am Wochenende Fleisch, ist eh gesünder. Will aber auch keiner. Dann eben billiges Fleisch und an der nächsten harmlosen Entzündung verrecken.
Simmentaler 24.07.2018
5. @käthe
Zitat von kätheBeängstigend ist doch, dass solche resistenten Keime mittlerweile nicht nur in Krankenhäusern, sondern in einzelnen Badeseen zu finden sind, als Quelle wird die intensive Tiermast genannt. Die verseuchte Gülle kommt massenhaft auf die Felder und sickert ins Grundwasser. Wann wird dem endlich Einhalt geboten? Es ist doch nur eine Frage der Zeit, bis diese Keime sich weiträumig in der Umwelt ausgebreitet haben werden. Übrigens sind in vielen europäischen Ländern Antibiotika frei verkäuflich in der Apotheke zu haben, das habe ich gerade erst in Spanien wieder erlebt. Ich vermute, dort ist der Missbrauch von Antibiotika bei grippalen Infekten oder anderen Viruserkrankungen deutlich höher als hierzulande.
wer hat geschrieben, dass die Keime in den Badeseen von der Tiermast kommen? Ein Journalist, ein Politiker, ein Epidemiologe? Wurde z.B. hier (http://www.spiegel.de/forum/wissenschaft/gruenen-chef-habeck-wir-haben-ein-guelleproblem-thread-767929-4.html) schon diskutiert. Sind ihnen die Ergebnisse der vom NDR veranlassten Gewässeruntersuchungen nicht bekannt (https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/Fragen-und-Antworten-zu-Keim-Funden-in-Gewaessern,keime304.html)? Überall Carbapenemresistenzen (werden AUSSCHLIESSLICH beim Menschen eingesetzt), höchste Konzentrationen an mutliresistenten Keimen in den Gewässern hinter den Kläranlagen, die Abwässer von Altenheimen und Krankenhäusern reinigen (sollten). Aber klar, der Bauer ist schuld...
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