Europa Resistente Bakterien verursachen Tausende Todesfälle

Dass Bakterien gegen Antibiotika resistent werden, ist ein globales Problem. Auch in Europa steigt die Zahl der Fälle. Doch es gibt einige positive Trends.

Bakterienkultur
DPA

Bakterienkultur


Immer häufiger gibt es gegen resistente Bakterien kaum noch ein wirksames Antibiotikum, warnt das Europäische Präventionszentrum ECDC. Gefährliche Resistenzen nehmen laut einem Bericht des Zentrums weiter zu. Experten führen bis zu 25.000 Todesfälle in Europa jährlich auf resistente Keime zurück.

Unter anderem stieg der Anteil von Patienten mit dem Atemwegskeim Klebsiella pneumoniae, denen auch Reserve-Antibiotika wie die Carbapeneme nicht halfen, binnen weniger Jahre von 6,2 auf 8,1 Prozent. Die Forscher betrachteten die Jahre 2012 bis 2015. "Wenn jetzt diese letzte Linie auch nicht mehr wirkt, dann ist einfach nichts mehr da", sagt die ECDC-Direktorin Andrea Ammon. "Deswegen ist es so wichtig, dass jetzt Maßnahmen ergriffen werden."

Bereits mehr als ein Drittel der untersuchten K.-pneumoniae-Keime waren 2015 gegen mindestens ein Antibiotikum resistent. Das heißt, dass Ärzte zumindest Alternativen suchen mussten. Das kann die Behandlung verzögern und die Kosten steigen lassen.

Einen ähnlichen Trend meldet das ECDC für das Bakterium Escherichia coli, einen der häufigsten Verursacher von über die Blutbahn verbreiteten Infektionen. Die Fälle, in denen die Bakterien gegen einzelne oder auch gegen eine Kombination von modernen Antibiotika resistent seien, nehmen erheblich zu.

Anders sieht es bei den seit Jahren mit großer Sorge betrachteten MRSA-Erregern aus, resistenten Bakterien vom Typ Staphylococcus aureus: Sie wurden 2015 europaweit deutlich seltener festgestellt als noch 2012. Viele Länder hätten gezielt Maßnahmen ergriffen und Erfolg gehabt, sagt Ammon. "Daran kann man sehen, dass es möglich ist, einen solchen Trend nicht nur zu stoppen, sondern umzukehren."

Wichtige Gegenmaßnahmen

In Europa laufen seit Jahren Kampagnen, um die Ausbreitung resistenter Keime einzudämmen. Ein Grund für die Resistenzen ist der falsche Einsatz von Antibiotika: Sie werden zu häufig verordnet oder nicht richtig eingenommen. Bakterien können sich in der Folge so anpassen, dass ihnen die Wirkstoffe nichts mehr anhaben. Sind sie gegen mehrere oder gar alle antibakteriellen Medikamente gewappnet, kann es für Patienten gefährlich werden.

Gegenmaßnahmen setzen nach Ammons Worten auf verschiedenen Ebenen an. Antibiotika sollten nur verschrieben und genommen werden, wenn es nötig ist. Krankenhäuser müssten streng auf Hygiene achten und Patienten mit resistenten Keimen von anderen Kranken abschirmen. Das Bewusstsein sei gewachsen, aber es reiche noch nicht.

In Deutschland deutet einiges darauf hin, dass der Antibiotika-Gebrauch stärker überdacht wird. Erst am Donnerstag hatten die deutschen Apotheker gemeldet, dass sie im vergangenen Jahr 17 Prozent weniger Antibiotika abgegeben hatten, als noch zehn Jahre zuvor.

Und die Techniker Krankenkasse (TK) berichtet: Im Jahr 2011 erhielten knapp 29 Prozent ihrer Versicherten, die ein bis drei Tage wegen Erkältungen krankgeschrieben waren, ein Antibiotikum-Rezept. 2015 waren es dagegen unter 21 Prozent. Weil Antibiotika gegen Bakterien, nicht aber gegen Viren wirken, sind sie bei unkomplizierten Erkältungen nicht zu empfehlen: Dass die Zahl der Verschreibungen hier sinkt, ist also ein positiver Trend.

wbr/dpa



insgesamt 14 Beiträge
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ray8 18.11.2016
1. Tiermast
Wenn wir den Einsatz von Antibiotika in der Agrarindustrie nicht stark einschränken oder noch besser verbieten, nützt es alles nichts. Die Ställe sind schnelle Brüter für Superkeime. Präventiver Einsatz bei gesunden Tieren, die nur falsch gehalten werden, Abgabe von Reservemedikamenten aus der Humanmedizin - ein Wahnsinn!
beuerlein 18.11.2016
2. Sicher ist sinnvoll
den Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung zu reduzieren. Das würde 5% der MRSA in den Krankenhäusern betreffen. Wenn wir dann auch die restlichen 95% in den Griff bekommen, die nicht aus der Tierhaltung stammen, wäre die Hauptursache getroffen.
diesre 18.11.2016
3. Die Schäden durch Zerstörung des Mikrobioms sind noch schlimmer als durch Resistenzen
Im Artikel wird impliziert, dass die Antibiotika ausschliesslich wegen der Resistenzen reduziert werden. Das glaube ich nicht. Man hat in den letzten Jahren herausgefunden, dass durch die Zerstörung des Mikrobioms mit Antibiotika die Anfälligkeit für Autoimmunerkrankungen, Fettleibigkeit und Lebensmittelunverträglichkeiten deutlich erhöht wird. Diese Forschungsergebnisse sind den Ärzten bekannt, und ein verantwortlicher Arzt wird einem Patienten nicht unnötig einem solchen Risiko aussetzen. Siehe z.B. Antibiotics and the Human Gut Microbiome: Dysbioses and Accumulation of Resistances, M.P. Francino. Auch ist auffällig dass die Verschreibung von AB an Kinder besonders stark zurückgeht - diese sind von Mikrobiomschäden besonders stark betroffen. Mikrobiomschäden betreffen wesentlich mehr Leute als die Resistenzen. 25.000 Todesfälle pro Jahr in Europa bedeuten grob geschätzt dass jeder 300te unnötig an einem resistenten Keim stirbt. An Krankheiten bei denen ein geschädigtes Mikrobiom einen Einfluss hat leiden c.a. 30% der Bevölkerung (Diabetes, Astma, Allergien, Fettleibigkeit...). Wenn davon nur 10% auf das Konto unnötiger Antibiotika gehen ist das schon dramatisch. Und nach statistischen Analysen sind es eher mehr als 10%.
mira.aleksic 18.11.2016
4. Immer mehr Menschen
Ernähren sich lactosefrei. Lactose ist der größte Verursacher der Erkältung. Weil, ein kapputer Darm schwächt Immunsystem, und verstärkt Keim Anfälligkeit. Liegt es daran?
ArnoNyhm1984 18.11.2016
5. Antibiotika in der Tiermast = 50% aller Antibiotika
Es hilft nur vergleichsweise wenig, wenn der Einsatz von Antibiotika in der Humanmedizin verbessert wird, wenn gleichzeitig über 50% derselben Antibiotika prophylaktisch in der Tiermast eingesetzt werden: Auf die Art züchten wir uns automatisch genau jene Resistenzen, die uns nachher umbringen. Aber dass sich dort etwas verändert, das wird die mächtige Bauern-Lobby in Berlin und Brüssel zu verhindern wissen.
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