Antibiotika-Problem Kliniken melden mehr Fälle von resistenten Erregern

Wie groß ist die Gefahr, sich in einem Krankenhaus mit einem resistenten Keim zu infizieren? Der Blick auf die Statistiken Hunderter Kliniken zeigt: Der Anteil antibiotikaresistenter Bakterien ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen.

Agarplatte zum Test von Antibiotika-Resistenzen: "Die rapide Resistenzentwicklung ist ein weiterer Warnschuss"
REUTERS

Agarplatte zum Test von Antibiotika-Resistenzen: "Die rapide Resistenzentwicklung ist ein weiterer Warnschuss"


Berlin - Gefährliche Krankheitserreger, gegen die Antibiotika nichts oder nur wenig ausrichten, werden zu einem globalen Problem: Jüngst hatte die US-Seuchenschutzbehörde Centers for Disease Control and Prevention (CDC) alarmierende Zahlen veröffentlicht, wonach jährlich 23.000 US-Amerikaner durch Infekte mit antibiotikaresistenten Bakterien sterben.

Doch auch in deutschen Krankenhäusern sind Antibiotika-Resistenzen ein wachsendes Risiko. Es geht um Keime, die ganz resistent sind oder nur mäßig empfindlich auf die Medikamente reagieren: Ihr Anteil an der gemessenen Keimbelastung insgesamt ist in den vergangenen Jahren in Hunderten Kliniken deutlich gestiegen. Das geht aus einer Liste aus dem Bundesgesundheitsministerium hervor, die der dpa vorliegt. Sie stammt aus einerAntwort auf eine Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion.

Je nach Bakterienart stieg der Anteil an Keimen, die gegen alle Breitband-Antibiotika wenig oder unempfindlich sind, an allen gemessenen Keimen in den letzten fünf Jahren um 50 bis 200 Prozent. Diese Anteile bewegen sich je nach Erreger zwischen 0,04 und 17,9 Prozent.

Die aufgeführten Fallzahlen lagen 2012 etwa beim Erreger Escherichia coli (E. Coli) bei 55 im Vergleich zu 16 zwei Jahre zuvor, bei Acinetobacter baumannii bei 250 im Vergleich zu 217 im Jahr 2010, bei Pseudomonas aeruginosa bei 3888 nach 2722 zwei Jahre vorher.

Die Daten stammen aus einem Kontrollprojekt zu Antibiotika-Resistenzen, bei dem Kliniken ihre einschlägigen Daten mitteilen. Allerdings betont Staatssekretärin Annette Widmann-Mauz (CDU) in ihrem Schreiben an die Grünen, dass der Vergleich der absoluten Zahlen nicht zulässig sei. Denn die Zahl der teilnehmenden Häuser veränderte sich über die Jahre - sie stieg an: 269 Kliniken waren es 2010, 286 im Jahr 2012.

Rapide Resistenzentwicklung

Der Abgeordnete Friedrich Ostendorff, der bei den Grünen für den Bereich zuständig ist, warf den zuständigen Bundesministern Daniel Bahr (FDP) und Ilse Aigner (CSU) Versagen beim Kampf gegen Antibiotika-Resistenzen vor. "Die rapide Resistenzentwicklung ist ein weiterer Warnschuss", sagte er der dpa. So müsse die Politik dafür sorgen, dass jeder Patient vor Aufnahme in ein Krankenhaus auf gefährliche Keime hin untersucht werde.

Der gesundheitspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Jens Spahn sieht das anders: "Wir haben in den letzten vier Jahren den Kampf gegen Krankenhauskeime aktiv wie nie zuvor aufgenommen. Meldepflichten wurden ausgeweitet, Schnelltests sind Standard in vielen Krankenhäusern und wir finanzieren erstmals ausdrücklich die Aus- und Weiterbildung von Hygienefachkräften. Zudem mussten die Bundesländer ihre Hygieneverordnungen verschärfen. Was wir noch verbessern müssen, ist die Erforschung von neuen Antibiotika. Wir wollen Patienten bestmöglich vor unnötigen Infektionen schützen."

Als Ursachen für die Entwicklung resistenter Keime gelten eine allzu sorglose Gabe von Antibiotika sowie der Antibiotika-Einsatz in der Tierzucht. Ein neuer Report über die Qualität in Krankenhäusern stellt fest, dass es gut sei, dass in der Regel rund um Operationen zur Vorbeugung vor Infektionen Antibiotika gegeben würden - "möglicherweise aber ein Verbesserungspotential dahingehend besteht, dass diese an sich sinnvolle Antibiotika-Prophylaxe nicht unnötig lange fortgeführt wird".

Aus diesem Qualitätsreport 2012 des Aqua-Instituts für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen, der der dpa vorliegt, geht auch hervor, dass die Patienten in deutschen Kliniken überwiegend gut behandelt werden. Bei einer Auswertung der Daten der Kliniken fielen sogar deutlich weniger gravierende Schwachstellen auf als im Vorjahr. In Auftrag gegeben hatte diesen Report das höchste Gremium im Gesundheitswesen, der Gemeinsame Bundesausschuss von Krankenkassen, Ärzten und Kliniken. Georg Baum, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), sagte, der Report zeige auch, "dass die Kliniken sich in der Keimbekämpfung verbessert haben".

cib/dpa

insgesamt 21 Beiträge
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redebrecht 19.09.2013
1. Rationieren?
Es wird zuviel Antibiotika gegeben? Wer entscheidet dies? Wer darf in Zukunft Antibiotika bekommen, wer nicht? Man könnte wohl Hartz4 Empfänger, Asiaten und Neger von der Medikamentation ausschließen, dann würde man für die wirklich wichtigen Menschen die Wirkung von Antibiotika sicherstellen, oder? Auch in der Tierzucht sollte man die Tiere besser sterben lassen und eine Seuchenausbruch in Kauf nehmen? Sry. Ist wie immer. Wir sparen heute an der Gesundheit, der anderen, damit es und morgen besser geht, falls wir überleben.
kbank 19.09.2013
2. Basishygiene
Wird doch zwischenzeitlich in Krankenhäusern viel o.a. beschriebenes unternommen. Gleichzeitig wird aber massiv Personal bei der allgemeinen Grundreinigung abgebaut. Immer weniger Putzkräfte verrichten nun oftens lustlos die richtige Reinigung von Krankenzimmern, Untersuchungsräumen und OP-Bereichen. So wird das letztendlich nichts mit der erforderlichen Hygiene!
trust2012 19.09.2013
3. Wer..
.. bei jedem Niesen/Husten etc. zum Doc rennt und sich Antibiotikum verschreiben lässt, sollte sich nicht über solche Berichte wundern - Deutschland das Hypochonderland, es gibt immer 2 Seiten der Medaillie.
renee gelduin 19.09.2013
4.
Zitat von redebrechtEs wird zuviel Antibiotika gegeben? Wer entscheidet dies? Wer darf in Zukunft Antibiotika bekommen, wer nicht? Man könnte wohl Hartz4 Empfänger, Asiaten und Neger von der Medikamentation ausschließen, dann würde man für die wirklich wichtigen Menschen die Wirkung von Antibiotika sicherstellen, oder? Auch in der Tierzucht sollte man die Tiere besser sterben lassen und eine Seuchenausbruch in Kauf nehmen? Sry. Ist wie immer. Wir sparen heute an der Gesundheit, der anderen, damit es und morgen besser geht, falls wir überleben.
Herzlichen Glückwunsch zum Gewinn der goldenen Himbeere in den Kategorien Argumentation, Sachlichkeit und Fazit.
cassandros 19.09.2013
5. Gehen Sie zurück auf Los!
Zitat von redebrechtEs wird zuviel Antibiotika gegeben? Wer entscheidet dies? Wer darf in Zukunft Antibiotika bekommen, wer nicht? Man könnte wohl Hartz4 Empfänger, Asiaten und Neger von der Medikamentation ausschließen, dann würde man für die wirklich wichtigen Menschen die Wirkung von Antibiotika sicherstellen, oder? Auch in der Tierzucht sollte man die Tiere besser sterben lassen und eine Seuchenausbruch in Kauf nehmen? Sry. Ist wie immer. Wir sparen heute an der Gesundheit, der anderen, damit es und morgen besser geht, falls wir überleben.
Ja. Es werden zu viele Antibiotika gegeben. Zu viel und zu wahllos! Jeder Arzt und Tierarzt nach Gutdünken. Besser: Fachleute, die sich mit Infektionen wirklich auskennen! Jeder, der eine ernste bakterielle Infektion hat. Jeder, der keine schwerwiegende, potentiell lebensbedrohliche Infektion hat. Es tut mir leid, feststellen zu müssen, daß du das Problem, um das es geht, leider gar nicht verstanden hast. Man sollte die Haltungsbedingungen radikal überdenken, damit kein Seuchenausbruch auftritt!
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