Resistenzen WHO drängt auf Entwicklung neuer Antibiotika

Die Weltgesundheitsorganisation hat eine Liste der zwölf gefährlichsten Bakterienfamilien erstellt. Mit gängigen Antibiotika lassen sich diese Erreger immer schlechter behandeln. Neue Mittel müssen her. 

Der Test zeigt, ob das Antibiotikum wirkt
DPA

Der Test zeigt, ob das Antibiotikum wirkt


Wenn Antibiotika nicht mehr anschlagen sind Ärzte machtlos und Patienten ihrem Schicksal ausgeliefert. Schuld sind Bakterien, die gegen alle verfügbaren Medikamente resistent geworden sind. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist alarmiert. Jetzt hat sie erstmals eine Liste mit den zwölf für die Menschheit gefährlichsten Bakterienfamilien veröffentlicht. Sie rief Regierungen am Montag in Genf auf, Anreize für Forscher in Universitäten und Pharmafirmen zu schaffen, um neue Antibiotika zu entwickeln.

Im Januar war in den USA eine Patientin an einer Infektion gestorben, nachdem alle 26 zugelassenen Antibiotika keine Wirkung gezeigt hatten. Betroffen seien Millionen Patienten in aller Welt, sagte Evelina Tacconelli, Mitglied der Europäischen Gesellschaft für klinische Mikrobiologie und Infektionskrankheiten (ESCMID). 60 Prozent der Patienten mit schweren Infektionen, die sich nicht mit Antibiotika behandeln lassen, sterben nach ihren Angaben.

An Schätzungen über die weltweite Zahl von tödlichen Infektionen durch Antibiotika-resistente Bakterien wolle die WHO sich aber nicht beteiligen. Britische Forscher nannten 2014 eine Zahl von weltweit 700.000 im Jahr.

Besondere Gefahr durch Mehrfachresistenzen

Besonders gefährlich seien Keime, die gegen mehrere Antibiotika resistent sind, so die WHO. Diese Bakterien veränderten sich ständig und werden so auch gegen neue Medikamente immun. Diese Immunität könnten sie auch an andere Bakterien weitergeben.

Zu den Gattungen der gefährlichsten Keime gehören laut WHO etwa Acinetobacter, Pseudomonas und Enterobacter. Zu letzteren zählen Kolibakterien, die Durchfälle auslösen können. Der Keim Acinetobacter baumannii, der beispielsweise Lungenentzündungen verursachen kann, breitet sich auch immer wieder in deutschen Krankenhäusern aus.

Die Liste enthalte bewusst nicht die Tuberkulose-Erreger, weil die Entwicklung neuer Medikamente dafür bereits im Gange sei, so die WHO. Nach den Angaben betrifft allein 480.000 Menschen im Jahr eine Resistenz gegen Anti-Tuberkulose-Mittel.

"Wir brauchen heute und in Zukunft wirksame Antibiotika, um übertragbare Krankheiten gut behandeln zu können", sagte Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU). Krankheiten und resistente Erreger würden keine Grenzen kennen und müssten global bekämpft werden.

Prämien für Entwicklung neuer Medikamente

"Wenn wir es allein den Marktkräften überlassen, werden die neuen Antibiotika nicht rechtzeitig entwickelt", sagte WHO-Expertin Marie-Paule Kieny. Er wolle keine Panik vor neuen Supererregern schüren. "Es geht darum, die Forschungsanstrengungen zu fokussieren." Anreize könnten etwa Prämien für Pharmafirmen sein, wenn ihr Medikament auf den Markt kommt.

Die WHO entwickelte die Liste der zwölf gefährlichsten Bakterienfamilien mit Forschern der Universität Tübingen. Das Thema soll bei einem G20-Treffen von Gesundheitsexperten nächste Woche in Berlin zur Sprache kommen.

Neben Transplantations- und Chemotherapie-Patienten sowie Kranken, die Katheter haben oder beatmet werden müssen, seien Bewohner von Pflegeheimen besonders betroffen, sagte ESCMID-Mitglied Tacconelli. Problem dort sei unter anderem "der unkontrollierte Einsatz von Antibiotika".

Nicht immer sei ein Arzt vor Ort, und Bewohner bekämen teils Antibiotika, wenn es nicht nötig sei. Das führt dazu, dass umso mehr Erreger resistent werden. Ältere Menschen hätten oft ein geschwächtes Immunsystem und seien infektionsanfällig.

Auch der breite Antibiotikaeinsatz in der Tiermast wird für die Verbreitung von Resistenzen verantwortlich gemacht.

jme/dpa/AFP

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