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Krankenhaushygiene: Tausende Todesfälle durch resistente Keime

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DPA

Bakterienkultur: Welche Antibiotika wirken?

Gegen krankmachende Bakterien helfen Antibiotika - doch es mehren sich Fälle, in denen die Mittel nicht mehr anschlagen. In Deutschland sterben Schätzungen zufolge 6000 Menschen pro Jahr an den Folgen.

Immer wieder kommt es in Krankenhäusern zur Verbreitung von Keimen, gegen die kaum noch Antibiotika helfen. Wie jüngst in Kiel, wo im Universitätsklinikum im Januar 31 Patienten positiv auf den gefährlichen Erreger Acinetobacter baumannii getestet wurden. Oder in Düsseldorf, wo auf einer Kinder-Intensivstation Vancomycin-resistente Enterokokken (VRE) bei mehreren Säuglingen nachgewiesen wurden.

Wie viele Patienten sterben in Deutschland an Infektionen durch multiresistente Erreger? Darüber gibt es nur Schätzungen. Das Nationale Referenzzentrum (NRZ) an der Berliner Charité geht von maximal 6000 Todesfällen pro Jahr aus.

Experten betonen: Die große Mehrheit der Krankenhausinfektionen wird nicht von multiresistenten Bakterien ausgelöst, sondern durch sensible Keime - also durch solche, gegen die Antibiotika wirken. Auch hier existieren nur Schätzungen, wie viele Todesfälle insgesamt durch Krankenhauskeime verursacht werden - und sie gehen weit auseinander. Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) setzt die Zahl der jährlichen Todesfälle bei bis zu 30.000 an; die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) dagegen rechnet mit 2000 bis 4500 Patienten.

Petra Gastmeier vom NRZ spricht in diesem Zusammenhang von einem Hype um die multiresistenten Erreger. "Man kann genauso an einem sensiblen Staphylococcus aureus sterben wie an einem MRSA, seiner resistenten Variante." Dennoch sind die gegen viele Antibiotika unempfindlichen Bakterien ein großes Problem.

Ein Ausbruch der Erreger versetze ein hiesiges Krankenhaus in die Situation von Ländern, in denen überhaupt keine Antibiotika zur Verfügung stehen, sagt Alexander Friedrich vom Universitätsklinikum Groningen in den Niederlanden. Wir in Europa seien verwöhnt und daran gewöhnt, dass uns immer geholfen werden könne, sagt der Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene.

Multiresistente Erreger sind nicht per se aggressiver als ihre Antibiotika-sensiblen Varianten, aber sie lassen sich eben schlechter bekämpfen.

Doch im Krankenhausalltag wird oft abgewiegelt. "Da kann schon nichts passieren", beruhigten Schwestern im März 2013 einen Patienten in einem Berliner Krankenhaus. Er teilte sich ein Zimmer mit einem Mann, der mit einem MRSA-Keim befallen war. "Das war ein ungutes Gefühl", erinnert sich der Patient. Erst als er darauf bestand, bekam er ein Einzelzimmer.

Mitbringsel aus dem Urlaub

Wie gelangen solche Keime überhaupt ins Krankenhaus? Unter anderem können durch den Einsatz von Antibiotika in der Tiermast Resistenzen entstehen und auf den Menschen übertragen werden.

Und: "Man kann sie durchaus aus dem Urlaub mitbringen", sagt Peter Walger von der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH). "Zumindest, wenn man sich in Hoch-Risikoländern wie Indien in ein Krankenhaus begeben musste." Aber auch in Krankenhäusern in der Türkei, Italien, Griechenland, Israel oder an der Ostküste der USA häuften sich multiresistente Erreger, sagt er.

Antibiotikaresistenzen
Multiresistente Erreger werden nicht nur importiert, sie entstehen auch in Deutschland. Das liegt am zu häufigen oder falschen Antibiotikaeinsatz beim Menschen sowie am Gebrauch der Medikamente in der Massentierhaltung. Verschärft wird das Problem dadurch, dass seit vielen Jahren keine neuen Antibiotika entwickelt wurden.
Das Risiko eines Erreger-Imports aus dem Urlaub hat vor kurzem das Uniklinikum Leipzig untersucht. Das Ergebnis: Von fast 200 Reisenden fing sich in Gebieten mit vielen multiresistenten Keimen fast jeder dritte Kolibakterien mit Resistenzfähigkeit ein, darunter waren 11 von insgesamt 15 Indien-Urlaubern.

Die Leipziger Wissenschaftler empfehlen, Patienten bei der Aufnahme im Krankenhaus auf die Erreger zu untersuchen, wenn sie in den vergangenen sechs Monaten in Indien oder Südostasien waren. Die Stiftung Patientenschutz geht noch weiter und will ein Screening für alle Patienten.

DGHK-Sprecher Walger ist gegen ein generelles Screening. "Wenn man sich an die Basishygiene hält, kann man die Keime außerdem gut beherrschen." Entscheidend sei bei der Aufnahme in ein Krankenhaus, dass diejenigen Patienten erkannt würden, die mit einem multiresistenten Keim besiedelt seien.

In Deutschland kann jedes Krankenhaus selbst darüber entscheiden, wie es vorbeugt. In der Diskussion ums Screening schauen die Befürworter gern auf die Niederlande. Dort wird jeder Patient gescreent, der zu einer Risikogruppe gehört, wie Friedrich erklärt. Als Risikogruppe gelten dort auch Patienten aus deutschen Krankenhäusern.

wbr/Lena Klimkeit, dpa

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insgesamt 48 Beiträge
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1. Und
pirx64 10.04.2015
Und das jedes Jahr. Ebola ist schlimm, ohne Zweifel, aber welch Aufmerksamkeit und Spenden und Hilfe wird dafür gegeben (und wieviel kann uns treffen), und wieviel für die Krankenhaushygiene, die jeden von uns treffen kann?
2. 6000 tote
omarius 10.04.2015
pro jahr.... und man setze das ins verhältnis, für mit den betriebenen aufwand gegn terror.....den aktionismus was da geld für draufgeht... sollten wir gar KrankenHäuser bombadiern ?..... also am besten schränken wir jetz erstmal irgendwelche bürgerrechte ein....^^
3.
barlog 10.04.2015
Zitat Artikel: "Multiresistente Erreger sind nicht per se aggressiver als ihre Antibiotika-sensiblen Varianten, aber sie lassen sich eben schlechter bekämpfen." Das ist doch mal ein beruhigender Satz. Man stirbt zwar möglicherweise an an den Zerstörungen, die der unbekämpfbare Erreger im Körper anrichtet, sollte dies aber nicht als aggressiven Akt betrachten.
4. Natur kann helfen
lichtbote 10.04.2015
Warum werden in unseren Krankenhäusern nicht natürliche Antibiotika eingesetzt, wie z.B. Kolloidales Siler, MMS, Teebaumöl, Cystus und anderes? Warum nicht?
5.
FabianSvii 10.04.2015
Zitat von barlogZitat Artikel: "Multiresistente Erreger sind nicht per se aggressiver als ihre Antibiotika-sensiblen Varianten, aber sie lassen sich eben schlechter bekämpfen." Das ist doch mal ein beruhigender Satz. Man stirbt zwar möglicherweise an an den Zerstörungen, die der unbekämpfbare Erreger im Körper anrichtet, sollte dies aber nicht als aggressiven Akt betrachten.
Die Frage nach dem aggressivem Akt, der objektiven Zurechenbarkeit und etwaigen Schadensersatzansprüchen gegenüber dem Keim ließe sich nur juristisch klären. Aus medizinischer Sicht stimmt das genannte Zitat aber. Ob es Sie beruhigt oder nicht sagt nichts über seinen Wahrheitsgehalt aus.
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