Studie Ärzte verschreiben weniger Antibiotika

Ob Blasenentzündung oder einfache Erkältung: Antibiotika sind gerne das Mittel der Wahl. Einer aktuellen Studie zufolge greifen Haus- und Kinderärzte inzwischen aber weniger oft zum Rezeptblock.

Mädchen bei HNO-Ärztin: Bei Infektionen kommen Antibiotika häufig zum Einsatz
DPA

Mädchen bei HNO-Ärztin: Bei Infektionen kommen Antibiotika häufig zum Einsatz


Berlin - Ob eine hartnäckige Erkältung, oder ein schwerer Lungeninfekt: Antibiotika sollen das Übel möglichst rasch beseitigen. Doch immer wieder werden diese Medikamente verordnet, obwohl die Krankheit nicht von Bakterien, sondern von Viren verursacht wird. Dagegen sind Antibiotika wirkungslos.

Nun zeigt sich offenbar eine positive Entwicklung: Die niedergelassenen Ärzte in Deutschland verordnen ihren Patienten insgesamt weniger Antibiotika als noch vor einigen Jahren. Einen besonders deutlichen Rückgang gibt es bei den Kinderärzten, die Antibiotika seltener und in geringerer Dosierung verschreiben. Das geht aus einer Studie des Zentralinstituts für die Kassenärztliche Versorgung (ZI) hervor, die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde.

Gleichwohl bereitet den Experten eine Beobachtung große Sorge: der relativ hohe Einsatz von sogenannten Reserveantibiotika, die nur schwer bekämpfbaren Infektionen vorbehalten sein sollten. Bakterien, die gegen Antibiotika weitgehend unempfindlich sind, sind ein wachsendes Problem in Krankenhäusern, Arztpraxen und auch Altenheimen. Bei resistenten Erregern sind die Therapiemöglichkeiten deutlich beschränkt. Bei Infektionen mit multiresistenten Keimen helfen oft nur noch Reserveantibiotika als letztes Mittel, aber auch nicht in allen Fällen. Als Gründe für die zunehmenden Resistenzen gelten unter anderem die übermäßige Verschreibung von Antibiotika und deren Einsatz in der Tiermast.

Für ihre Studie werteten die Experten des ZI um Jörg Bätzing-Feigenbaum Arzneiverordnungen aus Arztpraxen zwischen 2008 und 2012 aus. Dabei hätten sich "signifikante rückläufige Trends bei der Verordnung von Antibiotika" gezeigt, wobei es regionale und altersabhängige Unterschiede gebe. Der Anteil jener Kinder, denen von den Kinderärzten Antibiotika verordnet wurde, sank demnach deutlich. Lag der Anteil 2008 noch bei 39,9 Prozent und 2009 sogar bei 41,2 Prozent, sank er bis 2011 auf 37,6 Prozent.

Eine ähnlich positive Entwicklung gibt es bei Menschen über 70 Jahren. Dies kann den Experten zufolge auch damit zu tun haben, dass diese Patienten bei Infektionen verstärkt in Kliniken eingewiesen und dort antibiotisch behandelt werden. Für die Studie wurden nur die ambulanten Verordnungen untersucht. In der Altersklasse zwischen 15 und 69 Jahren blieb die Menge der verordneten Antibiotika hingegen trotz der Debatte um Resistenzen konstant.

Laut Studie existiert außerdem ein West-Ost-Gefälle. Spitzenreiter bei den Verordnungen durch niedergelassene Ärzte sind demnach Rheinland-Pfalz und das Saarland. In den neuen Bundesländern verordnen die Ärzte hingegen weniger Antibiotika. Aber auch in Schleswig-Holstein und Bayern sind die Verordnungszahlen vergleichsweise niedrig. Bereits 2012 hatte das ZI einen Bericht vorgelegt, der starke regionale Unterschiede bei der Antibiotika-Verschreibung aufzeigte. "Wir vermuten, dass die Erwartungen der Patienten und die Einstellung der Ärzte zu einer Antibiotika-Therapie wesentliche Einflussfaktoren sind", sagte Dominik von Stillfried, Geschäftsführer des ZI, damals.

Neben der Menge haben die Experten auch untersucht, welche Antibiotika verordnet wurden. Bedenklich ist demnach vor allem der Zuwachs der sogenannten Cephalosporine. Wegen ihres breiten Wirkungsspektrums zählen sie zur Reservegruppe, die bei schweren Infektionen und bei Keimen eingesetzt werden, die bereits gegen andere Mittel resistent sind.

Auch bei Kindern unter 14 Jahren würden Cephalosporine verstärkt eingesetzt. Zwar scheint der Anstieg bei der Verordnung dieser Breitbandantibiotika laut Studie inzwischen gestoppt. Gleichwohl sehen die Experten Handlungsbedarf, weil diese Medikamente als eine Ursache für Multiresistenzen gelten.

Das ZI-Forschungsinstitut wird von den Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) getragen.

cib/AFP



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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
bumminrum 07.10.2014
1. die geringer Antibiotika
Menge wird heute ausreichend über Schweine- und Hühnerfleisch ausgeglichen.
CancunMM 07.10.2014
2.
Naja man sollte sich auch mal fragen ob es sinnvoll bei Arzneimittelbudgets ist, dass ein Cephalosporin oder Makrolid günstiger ist als ein Peniciliinabkömmling.
Pixopax 07.10.2014
3.
Ich kenne viele Eltern, die bei jedem Husten zum Arzt rennen, die Mehrzahl davon besteht dann auf Antiobiotika, auch wenn diese da oft nichts bewirken. Meine Schwägerin (Arzttochter..) gibt den Kindern bei jedem Schnupfen Antibiotika, angeblich hilft das. Die Ärzte verschreiben es wenns gewünscht wird, unglaublich aber wahr. Dass Peniclillin bei Viren nichts bewirkt glauben sie nicht.
Pfaffenwinkel 07.10.2014
4. Hat sich wohl rumgesprochen,
dass man durch den Verzehr von Hähnchen u.ä. genügend Antiobiotika im Körper hat.
pm22 07.10.2014
5.
Trotzdem werden in Deutschland viel zu oft die relativ risikoreichen Antibiotika aus der Gruppe Fluorchinolone" wie z.B. Ciprofloxacin/Levofloxacin verschrieben. Aufklärung über die teils massiven möglichen Nebenwirkungen findet so gut wie nicht statt. Am 17.10.2014 um 18.20Uhr kommt im WDR zu diesem Thema eine "Servicezeit Reportage". Die Sendung heisst "Das Antibiotika-Risiko" und beschreibt Fälle von u.a. massiven Nebenwirkungen (Invalidität) durch Fluorchinolone.
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