Depressive Jugendliche Einige Antidepressiva können Gesundheitszustand verschlimmern

Die neue Auswertung von Studiendaten bringt Hersteller von Antidepressiva in Erklärungsnot: Zwei Medikamente wirken bei Jugendlichen nicht. Stattdessen drohen starke Nebenwirkungen.

Deprimierende Wirkung: Was hilft gegen Depressionen?
Corbis

Deprimierende Wirkung: Was hilft gegen Depressionen?


Psychopharmaka haben einen schlechten Ruf. Seit die Mittel auf dem Markt sind, wachsen nicht nur die Verkaufszahlen, sondern auch die Zweifel daran, dass die Pillen tatsächlich etwas bewirken - außer Nebenwirkungen: Abhängig sollen sie machen, laute Patienten ruhigstellen und die Persönlichkeit verändern.

Jüngster Skandal: Zwei Antidepressiva sollen für Jugendliche weder wirksam noch sicher sein, schreiben Forscher in einer Studie in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins "British Medical Journal". Das besonders Pikante daran: Die Wissenschaftler nahmen sich die Daten einer Originalstudie von 2001 vor, in der die Studienautoren um den mittlerweile emeritierten Martin Keller von der amerikanischen Brown University zu dem Schluss kamen, die Antidepressiva Paroxetin und Imipramin seien "generell gut verträglich und wirksam".

Die Re-Analyse der Daten zeigt nun das Gegenteil: Das Forscherteam aus Großbritannien und den USA konnte zeigen, dass die Mittel Paroxetin und Imipramin bei der Behandlung einer schweren Depression nicht wirksamer als die Gabe eines Scheinpräparates sind und allenfalls einen Placebo-Effekt haben. Obendrein führt die Behandlung mit beiden Medikamenten zu starken Nebenwirkungen. So führte Paroxetin beispielsweise zu Verhaltensauffälligkeiten und Suizidneigung, Imipramin löste Herzrhythmusstörungen aus.

Jahrelanger Streit um Transparenz

Die ursprüngliche Arbeit wurde von Paroxetin-Hersteller GlaxoSmithKline finanziert, der damals noch Smith-Kline-Beecham hieß. Die publizierten Ergebnisse waren von Anfang an umstritten. "BMJ"-Mitherausgeber Peter Doshi geht in einem begleitenden Meinungsbeitrag zur aktuellen Veröffentlichung davon aus, dass die damalige Publikation von einem Ghostwriter geschrieben wurde.

Auch in Deutschland und Europa gab es für die auch hier zugelassenen Mittel zahlreiche Warnungen. Der wissenschaftliche Ausschuss für Humanarzneimittel (CHMP) attestierte Paroxetin in einem Risikobewertungsverfahren ein erhöhtes Risiko für Nebenwirkungen wie Selbstmordversuch, suizidale Gedanken und Feindseligkeit bei Kindern und Jugendlichen. Die entsprechenden Warnhinweise stehen seit vielen Jahren in der Packungsbeilage.

Im Jahr 2012 war GlaxoSmithKline in den USA zu einer Strafzahlung von drei Milliarden Dollar verdonnert worden. Der Hersteller hatte Paroxetin unter dem Handelsnamen Paxil, das die amerikanische Arzneimittelbehörde (FDA) nur für Erwachsene zugelassen hatte, gezielt an Jugendliche weitergegeben und Gratisproben unter Psychiatern verteilt.

Erst nach jahrelangen Auseinandersetzungen gab GlaxoSmithKline schließlich die Daten heraus. Das ist vor allem der Initiative RIAT zu verdanken, RIAT steht für "Restoring Invisible and Abandoned Trials". Die Initiative ist ein Zusammenschluss von Forschern, der sich für größere Transparenz in der medizinischen Forschung einsetzt. "BMJ"-Mitherausgeber Doshi hofft, dass "die aktuelle Studie den Druck auf akademische und andere Institutionen erhöht, damit dieses vielfache Fehlverhalten weiter thematisiert wird und Folgen hat."

khü



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insgesamt 121 Beiträge
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Seite 1
zufriedener_single 18.09.2015
1. Was hilft
1. Ernährung 2. Sport 3. Sex 4. Mehr Selbst-Bewusstsein
Shelly 18.09.2015
2. Zu Ärzten, die diese Medikamente
(zu viel, zu oft, zu unnötig?) verschreiben gehören auf der anderen Seite immer noch Eltern, die verdammt noch mal verantwortungsvoll mit ihren Kindern umgehen und es sich zweimal überlegen sollten, ihren Kindern Psychopharmaka zu geben. Warum immer hier die Patienten aus der Verantwortung genommen werden, ist mir ein Rätsel. Kann denn der Durchschnittsdeutsche nichts anderes mehr, als im Internet seinen nächsten Urlaub zu buchen?
mr.prohm 18.09.2015
3. eine weitere Studie...
schon vor ein paar Jahren, hat eine unabhängig Analyse von Metadaten gezeigt, dass Antidepressiva nicht so gut wirken, wie uns die Industrie vormacht. Studien, die keine Wirksamkeit belegen werden von Unternehmen gezielt zurückgehalten. . Nur eine Gesetzesänderung, die Pharmaunternehmen verpflichtet wirklich alle - auch kritische- Studiendaten bei den Zulassungsbehörden einzureichen, könnte hier Verbesserung bringen.
solaris3001 18.09.2015
4. Naja...
Da würde mich jetzt aber wirklich interessieren, wie die Selbstmordrate im Vergleich zu anderen Medikamenten aussieht. Schliesslich weiss man ja, dass depressive Menschen teilweise so lethargisch sind, dass sie sich nicht dazu aufraffen können, sich umzubringen. Wenn sie dann ein Antidepressivum nehmen, haben sie aufeinmal wieder den Antrieb und die Energie, um sich umzubringen. Deshalb muss ein Arzt da schon sehr genau hinschauen, was er wem und wann gibt.
SanchosPanza 18.09.2015
5. Amokläufe
Sehr wenig diskutiert wird die Tatsache, dass bei praktisch sämtlichen Amokläufen und Tötungsdelikten von Columbine über Winnenden bis German Wings diese Antidepressiva von den späteren Tätern eingenommen wurden. Das würde auch erklären, warum es diese “School Shootings“ oder “Suizide by Passenger Airplane“ bis in die 1970er Jahre nicht gegeben hat.
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