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AOK-Krankenhausreport: Mehr Tote durch Behandlungsfehler als im Straßenverkehr

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19.000 Klinikpatienten sterben laut Schätzungen jährlich durch vermeidbare Behandlungsfehler. Dies geht aus dem Krankenhausreport 2014 der AOK hervor. Bessere Hygiene und größere Spezialisierung von Kliniken könnten Abhilfe schaffen.

OP-Besteck und Anästhesieschwester: Sind nach der OP genauso viele Instrumente da wie davor? Zur Großansicht
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OP-Besteck und Anästhesieschwester: Sind nach der OP genauso viele Instrumente da wie davor?

Berlin - Zu viele Infektionen, zu wenig Aufklärung, falsche Medikamente: In deutschen Krankenhäusern passieren immer wieder Fehler. Bei rund 19 Millionen Klinikfällen verwundert das kaum. Weil falsche Behandlungen aber schwere Krankheitsverläufe bedeuten können und in einem von tausend Fällen sogar zum Tod führen, suchen Experten immer wieder nach Verbesserungsmöglichkeiten.

Einen umfassenden Report zu Fehlern in deutschen Krankenhäusern - und möglichen Gegenmaßnahmen - hat jetzt das Wissenschaftliche Institut der AOK (Wido) in Berlin vorgelegt. Der Bericht bezieht sich auf Schätzungen zu Behandlungsfehlern in Krankenhäusern, die der Sachverständigenrat im Jahr 2007 veröffentlicht hatte.

In dem Bericht hieß es (S. 245) : "Zusammenfassend kann für den Krankenhausbereich eine Größenordnung von fünf bis zehn Prozent unerwünschter Ereignisse, zwei bis vier Prozent Schäden, einem Prozent Behandlungsfehler und 0,1 Prozent Todesfälle, die auf Fehler zurückgehen, angenommen werden." Das Wido bezieht diese Angaben auf die rund 19 Millionen Klinikfälle jährlich und kommt somit auf 190.000 Fehler bei Krankenhausbehandlungen jährlich. Rund 19.000 Fehler davon enden den Hochrechnungen zufolge tödlich. Zum Vergleich: Das sind etwa fünfmal so viele Todesfälle wie im Straßenverkehr.

Beispiel Herzschrittmacher:

Wie Jürgen Klauber, Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (Wido) berichtete, wurden Patienten laut dem Institut für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen (Aqua) im Jahr 2012 in 971 Krankenhäusern mit einem Herzschrittmacher versorgt. Verrutscht das Gerät in mehr als drei Prozent der Fälle, gilt dies als auffällig. Das war bei immerhin 131 Krankenhäusern (13,5 Prozent) der Fall. "Der darauf aufbauende Dialog mit den Krankenhäusern kann dazu beitragen, Schwachstellen zu identifizieren und Verbesserungen in den Häusern herbeizuführen", so Klauber.

Beispiel Hüftprothese:

Laut Aqua gab es 2012 154.000 geplante Implantationen von Hüftgelenksprothesen. Bei AOK-Patienten kam es Klauber zufolge bei 7,4 Prozent der Patienten in der Folge zu Komplikationen, 4 Prozent benötigten eine Folge-OP (Revision). Bezogen auf die Aqua-Zahlen bedeutet das, dass mehr als 11.000 Patienten 2012 unter Komplikationen litten und rund 6000 Betroffene erneut operiert werden mussten.

Ein weiteres Problem: Die Revisionsraten der verschiedenen Krankenhäuser unterscheiden sich erheblich, was wiederum eng mit der Fallzahl zusammenhänge, so Klauber. "Das Fünftel der Krankenhäuser mit den wenigsten Eingriffen weist im Vergleich zum Fünftel mit den meisten Behandlungen eine um 37 Prozent höhere Revisionsrate auf", sagte Klauber.

Beispiel Frühchen:

Je mehr Frühgeborene eine Klinik behandelt, desto größer ist die Überlebenswahrscheinlichkeit. Auf Basis der AOK-Daten hat das Wido errechnet, dass dies insbesondere bei Babys der Fall ist, die bei der Geburt weniger als 1250 Gramm wiegen. Demnach ist das Risiko, dass ein so kleines Baby in einer Klinik mit 15 Frühgeburten pro Jahr stirbt, um 87 Prozent höher als in Kliniken mit mehr als 45 Fällen jährlich.

Seit langem diskutieren Patientenvertreter, Ärzte, Politiker, Krankenkassen und Juristen über Möglichkeiten, wie aus Fehlern gelernt und diese verhindert werden könnten:

  • Hygienemaßnahmen müssen verbessert werden (Krankenhausinfektionen treffen jedes Jahr rund vier Prozent aller Patienten).
  • Bessere Überwachung von Innovationen (etwa ein Register für die Dokumentation von unerwünschten Folgen bei Medizinprodukten)
  • mehr Spezialisierung von Kliniken
  • Fehleraufarbeitung von Ärzten: Viele Kliniken und Verbände haben anonyme Meldesysteme eingerichtet, um aus Fehlern zu lernen. Unter Ärzten ist allerdings umstritten, wie sehr eine offene und angstfreie Fehlerkultur in den nach wie vor hierarchisch organisierten Kliniken bereits Teil der Arbeit ist .
  • Checklisten für den OP sollen chirurgische Eingriffe sicherer machen.
  • Elektronische Verschreibungssysteme: Sie könnten Fehler bei der Vergabe von Medikamenten verhindern.

Die Maßnahmen könnten Patienten nicht nur vor Komplikationen bewahren, sondern auch Geld sparen. Die GKV-Ausgaben für Krankenhausbehandlungen sind dem Report zufolge von 2002 bis 2012 um 35 Prozent auf knapp 62 Milliarden Euro gestiegen, während die Investitionen der Länder für die Krankenhäuser um 19 Prozent auf 2,62 Milliarden Euro gesunken sind.

Der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, äußerte sich kritisch nach der Veröffentlichung des Reports: Jeder Fehler sei ein Fehler zu viel, dennoch sei zu beachten, dass der Verdacht auf einen Behandlungsfehler noch kein Behandlungsfehler sei, so Montgomery.Die Bundesärztekammer legt jedes Jahr Zahlen vor, wie viele Patienten sich aufgrund von angenommenen Behandlungsfehlern beschweren - und wie viele Fehler von Gutachtern bestätigt werden. Im Jahr 2012 war demnach ein knappes Drittel (30 Prozent) der 7578 entschiedenen Anträge zu mutmaßlichen Behandlungsfehlern berechtigt.

"Wirklich schlimm ist es, wenn der Behandlungsfehler mit Pfusch gleichgesetzt wird", sagte Montgomery. "Pfusch ist vorsätzlich, aber Ärzte schädigen Patienten nicht vorsätzlich." Bereits im vergangenen Jahr hatten sich Ärzte vehement gegen den Vorwurf gewehrt, zu pfuschen.

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insgesamt 136 Beiträge
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1. während wir zu Hause regelmässig Handdesinfektion verwenden..
mhwse 21.01.2014
(Erfolg: weniger häufige Erkältund und Durchfallerkrankungen bei den Kindern ..) Vermisse ich das bei den behandlenden Ärzten. Kinder verstehen sofort was sich verbessern lässt, Akademiker mit fundierter Ausbildung werden wohl im Tagesgeschäft schlampig und unachtsam. Die Keime an ihren Händen sind dies nicht.
2. Guten Morgen liebe Leute,
schocolongne 21.01.2014
Wer rechnen kann wusste dies alles schon seit langem und musste seit jeher über die moralin-aufgeladene Debatte zu den zweifellos traurige, aber eben doch auch nahe am normalem Lebensrisiko rangierenden Zahl der Toten bei Verkehrsunfällen den Kopf schütteln.
3. Mehr.......?
peddersen 21.01.2014
Sind 5 mal soviele MEHR ? Nein, das ist ein Vielfaches. Da das natürlich gegen die Panikmache und damit verbundene Bevormundung aller am Straßenverkehr Beteiligten spricht, darf man das natürlich nicht so deutlich sagen. Im Übrigen sind das auch signifikant "mehr" als was der selbstherbeigeredete Terrorismus so anrichtet. Was allerdings das Verhältnis zu den Selbstmorden und zerstörten Leben anbelangt, die so auf die Kappe der Politik und Frau Merkel gehen, bin ich mir nicht sicher.
4. Suggestion
egal 21.01.2014
Die hahnebüchene Statistik, die hier vorgelegt wird, rechnet Zahlen aufgrund von Inzidenzen auf alle 19 Mio Behandlungen hoch, was kompletter Unsinn ist. Auch ist es Unsinn zu suggerieren, dass jede Infektion einen Hygienemangel darstellt. Jeder Patient kommt mit Milliarden von Bakterien in und auf ihm ins Krankenhaus. Wir leben in Symbiose mit den Dingern. Allerdings kann dieses Gleichgewicht durch schwere Erkrankung und schwere Operationen aus dem Gleichgewicht rutschen und die eigentlich harmlosen Keime machen uns krank. Man könnte natürlich jeden Patienten vor der Eiweisung im Autoklaven 120 Minuten bei 120°C sterilisieren, danach erübrigte sich aber die Behandlung. Natürlich gibt es immer Ansätze, etwas zu verbessern, aber die Simplifizieren, als ob jede Infektion durch Schlamperei ausgelöst wurde ist demagogische Meinungsprolete.
5.
peddersen 21.01.2014
Zitat von mhwse(Erfolg: weniger häufige Erkältund und Durchfallerkrankungen bei den Kindern ..) Vermisse ich das bei den behandlenden Ärzten. Kinder verstehen sofort was sich verbessern lässt, Akademiker mit fundierter Ausbildung werden wohl im Tagesgeschäft schlampig und unachtsam. Die Keime an ihren Händen sind dies nicht.
Dagegen hilft häufiges und richtiges Händewaschen - Desinfektion ist im normalsterblichen Haushalt unnötig. Im Gegenteil - genau DIESE überflüssige Desinfektion züchtet resistente Keime - was ja im Krankenhaus durchaus ein Problem ist. Im übrigen würde mich mal interessieren, wie man "weniger Erkältung" nachweist - haben Sie ne Zweitfamilie zur Kontrolle :) ?
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INFORMATIONEN FÜR BETROFFENE
Was ist ein Behandlungsfehler?
Ein Behandlungsfehler liegt vor, wenn ein Arzt einen Patienten nicht ordungsgemäß - das heißt nicht sorgfältig oder entsprechend der anerkannten medizinischen Standards - behandelt hat. Auch eine fehlende, falsche oder lückenhafte Aufklärung des Patienten über die Risiken eines medizinischen Eingriffes gilt als Behandlungsfehler.
An wen wende ich mich?
Das Aktionsbündnis Patientensicherheit rät dazu, zuerst das Gespräch mit dem behandelnden Arzt oder dem leitenden Klinikdirektor zu suchen. In vielen Kliniken existieren auch Beschwerdestellen, an die sich Patienten wenden können.

Weitere wichtige Ansprechpartner sind laut Bundesgesundheitsministerium die Krankenkassen: Viele können eine außergerichtliche Rechtsberatung vermitteln oder ein Gutachten durch den medizinischen Dienst der Krankenversicherung einholen. Dieses ist für Ärzte und Krankenhäuser zwar nicht bindend, kann aber bei einem Gerichtsverfahren nützlich sein.

Ebenfalls Hilfe bieten Verbraucherzentralen, Selbsthilfegruppen oder Patientenberatungsstellen. Die Unabhängige Patientenberatung Deutschland betreibt unter der Rufnummer 0800-0117722 ein bundesweites kostenloses Beratungstelefon.
Welche Rolle spielen die Schlichtungsstellen der Ärztekammern?
Die Schlichtungsstellen und Gutachterkommissionen der Ärztekammern sind neben der Krankenkasse die wichtigsten Anlaufstellen, wenn ein Patient ein Gutachten zu seinem Fall wünscht. Ihr Ziel ist es, Meinungsverschiedenheiten außergerichtlich zu klären. Die Kommissionen behandeln etwa ein Viertel aller vermutlichen Arztfehler.

Die Kommissionen haben für Patienten den Vorteil, dass ihre Arbeit für sie kostenlos ist, allerdings wird ihnen vorgeworfen, dass sie nicht komplett unabhängig sind, da sie zu den Ärztekammern gehören. Vorsitzender der Gutachterkommission ist ein Jurist, der die Befähigung zum Richteramt haben muss, hinzu kommen zwei ärztliche Mitglieder, von denen mindestens einer im gleichen Fachgebiet arbeiten muss wie der betroffene Arzt.

Das Einschalten der Schlichtungsstellen und Gutachterkommissionen ist freiwillig, die Fälle sollten noch nicht Gegenstand eines gerichtlichen Verfahrens sein und dürfen in der Regel nicht länger als fünf Jahre zurückliegen. Sind Patient oder Arzt mit dem Ergebnis nicht einverstanden, können sie anschließend noch vor Gericht ziehen.
Wie läuft ein Gerichtsverfahren ab?
Um den Verdacht eines Behandlungsfehlers zu klären, benötigen die Patienten die Dokumentation ihrer Behandlung. Jeder Patient hat grundsätzlich den Anspruch darauf, in die Akten einzusehen und Kopien zu erhalten.

Zieht der Patient vor Gericht, muss grundsätzlich er beweisen, dass er durch eine fehlerhafte Behandlung einen Gesundheitsschaden davongetragen hat. Das Gericht unterstützt ihn jedoch bei der Aufklärung und geht den Vorwürfen nach.
Weitere Informationen
Liste des Aktionsbündnisses Patientensicherheit mit Einrichtungen, die im Schadensfall helfen: http://www.aktionsbündnis-patientensicherheit.de

Broschüre "Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen bei den Ärztekammern - ein Wegweiser der Bundesärztekammer": http://www.aktionsbuendnis-patientensicherheit.de

Broschüre "Patientenrechte in Deutschland" des Bundesgesundheitsministeriums: http://www.bmg.bund.de

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Spektakuläre Kunstfehler
Verwechselt
Eine 78-Jährige wird im März 2008 im Krankenhaus Münchberg (Bayern) das Opfer einer Verwechslung am OP-Tisch. Statt der erforderlichen Operation am Bein wird der Frau fälschlicherweise ein künstlicher Darmausgang gelegt.
Mangelnde Hygiene
Ein vorbestrafter Schönheitschirurg wird im Dezember 2005 zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt. Das Landgericht Nürnberg-Fürth sah es als erwiesen an, dass der Mann Frauen bei Brustvergrößerungen und Fettabsaugungen nicht kunstgerecht und mit mangelnder Hygiene operierte. Einer Patientin schnitt er auf dem Wohnzimmerboden in die Brust, um Eiter zu entfernen. Nach dem Tod einer Patientin war der Arzt zuvor bereits vom Amtsgericht Wernigerode zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden. Nach der Haftentlassung verlegte er seine Praxis nach Nürnberg.
Übersehene Infektion
Das Landgericht Bielefeld spricht einem früheren Jugendfußballer nach einem Kunstfehler 1,36 Millionen Euro Schadenersatz zu. Er hatte eine Klinik auf entgangene Einnahmen als Profispieler verklagt. Der damals 18-Jährige hatte 1993 einen Meniskusabriss und einen Kreuzbandriss erlitten. Eine Infektion im Knie behandelten die Ärzte zu spät. Das Gericht wertete das als groben Behandlungsfehler.
Misslungene Herz-OP
Sechs Jahre nach dem Tod einer Patientin wird ein 67 Jahre alter Klinikbesitzer aus Straubing (Bayern) im März 2005 wegen Totschlags und Körperverletzung zu drei Jahren Haft verurteilt. Bei der Herz-OP einer 55-Jährigen wurde eine Schlagader verletzt. Obwohl der Chefarzt Komplikationen bemerkte, ließ er die lebensgefährlich Verletzte erst nach sechs Stunden in eine größere Klinik bringen. Grund für die Verzögerung waren laut Landgericht Regensburg persönliche Differenzen mit einer nahe gelegenen Konkurrenz-Klinik.
Zu später Kaiserschnitt
Die Eltern eines Kindes, das durch einen Kunstfehler behindert zur Welt gekommen ist, erhalten 400.000 Euro Schmerzensgeld. Das sieht ein im Januar 2003 vor dem Landgericht Hannover geschlossener Vergleich vor. Der Junge wurde in der Klinik in Hannover zu spät per Kaiserschnitt geboren. Er ist seither taub, blind, spastisch gelähmt, kann nicht sprechen und muss künstlich ernährt werden.
Vergessenes Operationsbesteck
Ein Chefarzt am Krankenhaus Radolfzell (Baden-Württemberg) vergisst ein Operationsbesteck im Bauch einer Patientin. Das 30 Zentimeter lange Instrument wird erst neun Monate später auf einer Röntgenaufnahme entdeckt. Der Mediziner wird 1999 für seinen Fehler zu einer Geldstrafe von 24.000 Mark (rund 12.300 Euro) verurteilt.


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