Umfrage zur Gesundheitskompetenz Der Patient versteht die Welt nicht mehr

Was will der Arzt sagen? Welche Alltagsgewohnheiten machen krank? Laut einer repräsentativen Studie haben viele Deutsche erstaunlich große Probleme, wenn es um Fragen der Gesundheit geht.

Verstehen, was der Arzt erklärt: Das schätzen 14 Prozent der Befragten als schwierig ein
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Verstehen, was der Arzt erklärt: Das schätzen 14 Prozent der Befragten als schwierig ein


Wie gut können die gesetzlich Versicherten in Deutschland Informationen zum Thema Gesundheit finden, verstehen, beurteilen und umsetzen? Laut einer aktuellen Studie, die das Wissenschaftliche Institut der AOK (Wido) jetzt veröffentlicht hat, zeigen sich in allen Bereichen Lücken.

Den Ergebnissen der repräsentativen Umfrage zufolge haben 14,5 Prozent der Befragten eine "unzureichende" Gesundheitskompetenz. Diese wurde in vier Stufen bewertet und ist bei 45 Prozent der Befragten immerhin als "problematisch" einzuordnen. Lediglich 33 Prozent zeigten sich als "ausreichend" kompetent. Und nur bei 7 Prozent der Befragten gilt die Gesundheitskompetenz als ausgezeichnet.

Die Bilanz hat Folgen: Nach Angaben des Wido verhalten sich Menschen mit einem geringen Verständnis für Gesundheitsinformationen risikoreicher. Sie nehmen seltener Präventionsangebote in Anspruch und befolgen Therapie-Anweisungen weniger strikt, was die Heilung gefährden kann.

Das Wido fordert deshalb Maßnahmen, um die Gesundheitskompetenz der Patienten zu verbessern. "Insbesondere in der Bildung muss Gesundheit einen festen Platz bekommen: schon in der Kita, Vorschule, allen anderen Schulzweigen und in der Erwachsenenbildung sowie der außerschulischen Jugendarbeit", meint AOK-Vorstand Jürgen Graalmann.

Befragt wurden mehr als 2000 gesetzlich Versicherte ab 18 Jahren per Telefon. Sie bekamen 16 Fragen gestellt - die Antwortmöglichkeiten waren "sehr schwierig", "schwierig" (im folgenden Text unter "schwierig" zusammengefasst), "einfach", "sehr einfach" oder "weiß nicht".

  • 27 Prozent finden es schwierig herauszufinden, wo sie professionelle Hilfe erhalten, wenn sie krank sind. "Dass viele Menschen Schwierigkeiten haben, Unterstützungsangebote zu finden, ist ein Alarmsignal", sagt Graalmann.
  • Ähnlich viele haben Probleme, Informationen über die Krankheitssymptome zu finden, die sie betreffen.
  • 40 Prozent finden es schwierig, Informationen über Unterstützungsmöglichkeiten bei psychischen Problemen zu erhalten.
  • 14 Prozent meinen, es sei schwierig zu verstehen, was der Arzt ihnen sage. Zehn Prozent gaben an, dass die Anweisungen von Arzt oder Apotheker bezüglich der Einnahme von verschriebenen Medikamenten schwierig zu verstehen seien.
  • Neun Prozent meinen, Gesundheitswarnungen vor Verhaltensweisen wie zu wenig Bewegung, Rauchen oder übermäßigem Trinken seien schwierig zu verstehen.
  • Zu beurteilen, wann man eine zweite Meinung braucht - das finden 37 Prozent schwierig.
  • 20 Prozent finden es schwierig zu beurteilen, welche Alltagsgewohnheiten mit ihrer Gesundheit zusammenhängen.

Eine etwas höhere Gesundheitskompetenz zeigten im Schnitt Ältere, Frauen, Menschen mit höherem Bildungsabschluss und besserem Einkommen. All diese Faktoren beeinflussten die Gesundheitskompetenz jedoch nur gering.

Schlechter als der EU-Durchschnitt

Vor wenigen Jahren hatten Forscher eine längere Fassung dieses standardisierten Fragebogens genutzt, um die Gesundheitskompetenz von Menschen in mehreren EU-Ländern, darunter Bulgarien, Irland und Spanien, zu ermitteln. Auch Menschen aus Nordrhein-Westfalen nahmen teil. Die damals Befragten zeigten sich im Schnitt etwas kompetenter als die in Deutschland gesetzlich Versicherten, die nun Auskunft gaben. Wegen des verkürzten Fragebogens und der Tatsache, dass im Rahmen der Wido-Studie nur gesetzlich Versicherte befragt wurden, sind die Daten allerdings nicht hundertprozentig vergleichbar.

Deutliche Unterschiede zwischen den in Deutschland und der EU Befragten zeigten sich bei Fragen, die das Gesundheitswissen aus den Medien betreffen:

  • "Wie einfach ist es Ihrer Meinung nach, Informationen in den Medien darüber, wie sie Ihren Gesundheitszustand verbessern können, zu verstehen?" Dies hielten 29 Prozent der jetzt in Deutschland Befragten für schwierig, in der älteren EU-Umfrage waren es 23 Prozent.
  • "Wie einfach ist es Ihrer Meinung nach, aufgrund von Informationen aus den Medien zu entscheiden, wie Sie sich vor Krankheiten schützen können?" Das schätzen in der aktuellen Umfrage 42 Prozent als schwierig ein, in der älteren EU-Umfrage 37 Prozent.
  • "Wie einfach ist es Ihrer Meinung nach, zu beurteilen, ob die Informationen über Gesundheitsrisiken in den Medien glaubwürdig sind?" Das finden 66 Prozent der in Deutschland Befragten schwierig, in der EU-Umfrage fanden dies lediglich 40 Prozent - die größte Differenz bei einer Einzelfrage. Bei der Wido-Umfrage gaben Menschen mit höherem Bildungsgrad sogar noch häufiger an, dass sie es schwierig finden, die Seriosität von Gesundheitsinformationen aus den Medien einzuschätzen. Dies sagten 71 Prozent.

"Der deutlich höhere Schwierigkeitswert im Vergleich zu Europa scheint also eher nicht auf eine geringere Gesundheitskompetenz in Deutschland zu verweisen, sondern ist vielmehr Ausdruck einer hierzulande grundsätzlich medienkritischen Einstellung und Skepsis gegenüber medizinischen und gesundheitlichen Informationen in der Gruppe der Gebildeten", heißt es in den Bericht.

wbr

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insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
parsimony 15.07.2014
1. geringe Gesundheitskompetenz
oder doch hohe Medienkompetenz? Immerhin ist ja wohl nur nach der Selbsteinschätzung gefragt worden. Bei all den Werbebotschaften, Heilsversprechen, Diättrends und immer neuen Skandalen und widersprüchlichen Gesundheitsmeldungen halte ich es auch für schwierig zu beurteilen, ob die Informationen über Gesundheitsrisiken in den Medien glaubwürdig sind?
kaitou1412 15.07.2014
2.
Das kommt davon, wenn man für jeden Begriff auch nochmal einen Alltagsbegriff erfindet, der alles nur äußerst grob beschreibt oder gar falsch. Anstatt es gleich von Anfang an richtig zu lernen und dann später keine Verständigungsprobleme haben …
Zitrone! 15.07.2014
3.
Zitat von sysopGetty ImagesWas will der Arzt sagen? Welche Alltagsgewohnheiten machen krank? Laut einer repräsentativen Studie haben viele Deutsche erstaunlich große Probleme, wenn es um Fragen der Gesundheit geht. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/aok-umfrage-gesundheitskompetenz-bei-vielen-deutschen-unzureichend-a-981077.html
Aus dem Artikel: Also mal wieder ein Beispiel dafür, dass am Ende im Artikel genau das Gegenteil von dem steht, was die Überschrift suggeriert. Und damit sehr a propos, nämlich auch ein Grund für die Medienskepsis.
r-kr 15.07.2014
4. Der Patient weiß und versteht oft mehr, als die Mediziner ahnen...
"Gesundheitskompetenz" - welch eine listige Wortschöpfung. Und selbstverständlich hat diese "Gesudheitskompetenz" nur derjenige, der kritiklos sämtliche sinnigen und unsinnigen, vor allem aber lukrativen Maßnahmen der Behandler unwidersprochen als gut und richtig ansieht, auch wenn es ihm danach schlechter geht als zuvor. Er hat schlichtweg nicht die "Kompetenz" (in diesem Artikelchen ganz beiläufig unterschwellig gleichgesetzt mit "Intelligenz"), zu beurteilen, was optimal für das Konto des Behandlers - sorry, meine natürlich optimal für seine Gesundheit - ist. Wann lernen die Mediziner endlich, dass keineswegs alle Menschen unter resignierender Inkaufnahme sämtlicher Barbareien des "medizinischen Fortschritts" so alt werden möchten wie nur möglich?
moritator 15.07.2014
5. Viel schlimmer ist...
das der Arzt den Patienten nicht mehr verstehen will, weil er ja wirtschaftlich handeln muss.
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