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Arthrose: Wann wird es Zeit für eine Prothese?

Hüftgelenk mit Prothese (Hologramm): 350.000 bis 400.000 Knie- und Hüftgelenksprothesen werden in Deutschland jährlich eingesetzt Zur Großansicht
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Hüftgelenk mit Prothese (Hologramm): 350.000 bis 400.000 Knie- und Hüftgelenksprothesen werden in Deutschland jährlich eingesetzt

Ein künstliches Gelenk kann Arthrose-Patienten wieder Mobilität und damit mehr Lebensqualität schenken. Doch der Eingriff ist nicht immer angeraten. So können Betroffene das Für und Wider abwägen.

Das Knie tut weh. Oder die Hüfte. Sport und selbst kleine Spaziergänge bringen keinen Spaß mehr, das Treppensteigen wird zum Problem. Von einer Arthrose sind meist ältere Menschen betroffen, denn Arthrose ist eine Verschleißerscheinung im Gelenk. Wenn schmerz- und entzündungshemmende Medikamente und andere Behandlungen wie Physiotherapie nicht mehr greifen, stellt sich die Frage, ob ein künstliches Gelenk helfen kann.

Die Entscheidung hänge davon ab, wie sehr sich der Patient eingeschränkt fühlt und wie mobil er noch sein muss oder möchte, sagt Thomas Pauly, Vorstandsmitglied im Deutschen Orthopäden-Verband in Saarbrücken. Auch bei vergleichbarem Befund sei der Leidensdruck der Patienten häufig sehr unterschiedlich.

Markus Tingart, Direktor der Orthopädischen Klinik des Universitätsklinikums Aachen, betont ebenfalls: "Es wird nicht das Röntgenbild operiert." Entscheidend seien die Beschwerden des Betroffenen. Je nach persönlicher Schmerzempfindlichkeit könne es frappierende Unterschiede geben.

Tingart nennt eine Reihe von Gründen, die für einen Gelenkersatz sprechen:

  • Die Lebensqualität ist sehr eingeschränkt.
  • Die Schmerzen treten auch nachts und in Ruhephasen auf.
  • Der Betroffene nimmt seit mindestens zwei Monaten täglich Schmerzmittel.
  • Der Betroffene kann wegen Knieschmerzen nur noch kurze Strecken zurücklegen oder wegen Hüftproblemen die Socken nicht mehr selbst anziehen.

Die Heilung braucht Zeit

Die Erfolgschancen sind Tingart zufolge sehr gut. Normalerweise sind die Betroffenen nach dem Eingriff schmerzfrei. Vor allem von Patienten mit einer Hüftprothese sei zu hören, dass sie das künstliche Gelenk irgendwann fast vergessen. Ältere mit einem künstlichen Knie spürten das Ersatzgelenk zwar, seien aber im Normalfall ebenfalls schmerzfrei.

Der Heilungsprozess nimmt allerdings Zeit in Anspruch. Nach der Operation und einem sieben- bis achttägigen Krankenhausaufenthalt müssen Patienten etwa sechs Wochen lang Gehstützen benutzen. Außerdem kommt auf sie zehn bis zwölf Wochen lang intensives Muskeltraining zu. An den Krankenhausaufenthalt schließe sich vor allem für ältere Patienten eine stationäre Reha an. Bei Jüngeren könne eine ambulante Reha ausreichen.

Pauly bestätigt, dass die meisten Senioren nach dem Eingriff keine Schmerzen mehr haben. Manchmal dauere dies aber bis zu ein Jahr oder länger. Er rät seinen Patienten, mindestens ein Jahr abzuwarten, bevor sie die Operation bewerten.

Nicht jeder kann operiert werden

Doch selbst wenn der Leidensdruck hoch ist: Eine Operation kommt nicht für jeden gleichermaßen infrage. Übergewicht, Wundheilungsstörungen oder Herzkreislauf-Probleme sprächen dagegen, sagt Pauly. Risiken und Nutzen müssen individuell abgewogen werden.

Wer sich gegen eine Operation entscheidet oder diese noch hinausschieben möchte, sollte trotzdem in Bewegung bleiben. Es sei wichtig, Beweglichkeit und Kraft solange wie möglich zu erhalten, sagt Pauly. Wer beim Laufen zu starke Knieschmerzen habe, kann vielleicht noch Radfahren. Bei Hüftproblemen sind häufig gymnastische Übungen im Wasser möglich.

Auch Abnehmen kann helfen. Wer sein Körpergewicht um fünf bis zehn Prozent reduziert, spürt eine Erleichterung bei den Beschwerden, sagt Tingart.

350.000 bis 400.000 Knie- und Hüftgelenksprothesen werden in Deutschland jährlich eingesetzt - Tendenz steigend.

Beratung vor der Operation

Bei allen Fragen rund um Diagnose, Behandlung oder Wahl der richtigen Klinik kann neben dem Hausarzt oder Orthopäden auch die Unabhängige Patientenberatung Deutschland helfen. Patienten können sich telefonisch oder vor Ort kostenlos an eine der 21 Beratungsstellen in Deutschland wenden.

Unterstützung bei der Entscheidung finden Betroffene außerdem in den sogenannten Zweitmeinungszentren großer Kliniken. Die orthopädische Klinik Aachen, an der ein Europäisches Endoprothetik-Zentrum angesiedelt ist, prüft beispielsweise Alternativen sowie das Für und Wider des Eingriffs.

Zertifizierte Endoprothetik-Zentren müssen bestimmte Qualitätskriterien erfüllen und arbeiten nach einheitlichen Standards. Operationen werden mit modernen Methoden und nur von erfahrenen Spezialisten vorgenommen. In Aachen werden zum Beispiel computergestützte Navigationssysteme verwendet, die das Ersatzgelenk besonders präzise einsetzen.

Ulrike Geist, dpa

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insgesamt 29 Beiträge
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    Seite 1    
1. "Wenn der Patient drum bettelt"
zoon.politicon 29.05.2014
Zitat von sysopDPAEin künstliches Gelenk kann Arthrose-Patienten wieder Mobilität und damit mehr Lebensqualität schenken. Doch der Eingriff ist nicht immer angeraten. So können Betroffene das Für und Wider abwägen. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/arthrose-an-huefte-oder-knie-wann-wird-es-zeit-fuer-eine-prothese-a-972195.html
Das Fazit des Artikels deckt sich mit dem, was wir früher gern Patienten gesagt haben: "Zeit für eine Prothese wird es, wenn der Patient - gut aufgeklärt und im Wissen um mögliche Risiken und Erfolgsaussichten des Eingriffs - um eine Prothese "bettelt" ".
2. Drg
quaselpitt 29.05.2014
Wenn Chefärzte so die Indikationen stellen würden bekämen sie keine Boni mehr. Der vergleich anzahl der Prothesen im EU Ausland fehlt leider, wann reagiert die Politik auf diese hohen zahlen.
3. Arthrose ist vor allem auch
klacksklacks 29.05.2014
Säurefraß am Gelenkknorpel, bedingt duch eine falsche Ernährung. Alternative zur Prothese ist eine Ernährung, die der Übersäuerung entgegenwirkt, die im wesentlichen auf tierische Produkte verzichtet. So konnten schon viele vermeintlich unumgängliche Operationen vermieden werden.
4. Ich sehe
koroview 29.05.2014
nicht selten stark übergewichtige Patienten, die mit Rollstuhl zu mir kommen. Und mit beidseitigen Knieprothesen, die nach der Rollstuhlpflichtigkeit eingesetzt worden sind. Die Annahme, dass ein 120 kg schwerer, nicht gehfähiger Patient aufgrund von 2 Knieprothesen aufstehen und laufen wird ist illusorisch. Es sollten definitive, nicht änderbare Limits geben (BMI, Muskelkraft etc.) die einen Patienten objektiv ausschliessen. Sonst zahlt die Gesellschaft neben der Elektrorollstuhl auch die völlig unnützige Operationen, Rehas und die Behandlung der häufigen Komplikationen.
5. Operiert zu werden macht ja soviel Spass?
rot 29.05.2014
Es werden in Deutschland zu viele Endo-Prothesen eingesetzt,- man kann es fast täglich in allen noch so inkompetenten Zeitungen lesen. Das Radio trompetet es im Tagesabstand heraus und das Fernsehen mindestens einmal wöchentlich. Als Vergleich werden dann andere Länder herangezogen, meist mit ziemlich marodem Gesundheitssystem, wie Amerika oder Italien oder sogar Griechenland. Dass dort für überwiegende Mehrzahl der Bevölkerung, selbst bei dringendem Bedarf eine Pothesenimplantation gar nicht denkbar ist, bleibt außen vor. Weil es andern schlechter geht, kann ja wohl nicht das Ziel sein, dass uns allen in der medizinischen Versorgung auch schlechter geht, weil das besser sei? Selbstverständlich gibt es auch die sinnlose und die aus Geldgier und falscher Indikation implantierte Prothese, aber das sind Ausnahmen, die auch vor Gericht eine Würdigung finden sollten. Nicht zuletzt ist die Operation kein Spaß, die man eben mal so hinter sich bringt,- es ist eine Ersatz Operation mit Schmerzen und zahlreichen Unannehmlichkeiten verbunden und nichts auf der Welt kann das eigene, funktionierende Gelenk vollwertig ersetzen. Der angeblichen Raffgier der Operateure (die allerdings in direkter Verantwortung für ihr Tun stehen) steht die anonymer Raffgier der Institutionen (Kassen ect.) gegenüber. Beides ausgetragen auf den Knochen der Patienten.
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