Schmerzmittel Paracetamol hilft nicht bei Arthrose

Kaum eine Krankheit verursacht bei Erwachsenen so viel Schmerzen wie Arthrose. Oft nehmen die Patienten über einen langen Zeitraum Paracetamol. Helfen tut das kaum, wie eine Studie jetzt zeigt.

Paracetamol-Tabletten
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Paracetamol-Tabletten


Der Knorpel zählt zu den unterschätzten Helfern in unserem Körper. In den Gelenken, wo zwei Knochen aufeinandertreffen, überzieht er die beiden festen Enden. Nur so können die Knochen reibungsfrei aneinander vorbeigleiten, während wir das Knie anwinkeln, die Hand zur Faust ballen oder den Arm heben.

Mit dem Alter jedoch, bei Übergewicht oder ungünstigen Erbanlagen kann es passieren, dass sich der Knorpel nach und nach abnutzt. Er schwindet, bis die Knochen aufeinander reiben und sich verdicken. Das schränkt nicht nur die Bewegung ein, es schmerzt auch sehr. Um die Beschwerden zu lindern, nutzen bislang viele Patienten Paracetamol. Eine Analyse zeigt jetzt, dass sie davon kaum profitieren.

Forscher um Bruno da Costa von der Universität Bern werteten 74 Studien mit mehr als 58.000 Arthrose-Patienten aus, die eine Schmerztherapie oder ein Placebo erhalten hatten. Das Ergebnis: Paracetamol hilft bei Knie- und Hüftarthrose nicht besser als ein Placebo.

Zwar konnte es Schmerzen laut den Studien minimal stärker lindern als das Scheinmedikament, auch trug es minimal stärker dazu bei, dass sich die Patienten bewegen konnten. Die Unterschiede zwischen Medikament und Placebo waren aber so gering, dass die Forscher sie als nicht klinisch relevant einstuften - unabhängig von der Paracetamol-Dosis.

In der Vergangenheit hatte eine Studie bereits gezeigt, dass Paracetamol auch bei akuten Rückenschmerzen die Wirkung eines Placebos nicht übertrifft.

Arthrose im Knie: Der Knorpel ist kaputt, die Knochenenden reiben aufeinander
Corbis

Arthrose im Knie: Der Knorpel ist kaputt, die Knochenenden reiben aufeinander

Zwar gilt Paracetamol im Vergleich zu anderen Schmerzmitteln noch als relativ sicher. Auf Dauer kann es jedoch in seltenen Fällen zu schweren Nebenwirkungen wie Leberschäden kommen. Die bei Arthrose geringe Wirkung des Medikaments steht damit einem vergleichsweise großen Risiko gegenüber.

Wirksam für kurze Anwendungen: Diclofenac

Neben Paracetamol ergründeten die Forscher auch die Effekte von sieben Schmerzmitteln, die zu den Nicht-steroidalen Entzündungshemmern (NSAID) zählen. Am besten helfen demnach hohe Dosen Diclofenac und Etoricoxib bei Knie- und Hüftarthrose, die Wirkung überstieg die anderer NSAIDs wie Ibuprofen, Naproxen und Celecoxib. Aufgrund der Nebenwirkungen warnen die Forscher im Fachblatt "The Lancet" jedoch davor, NSAIDs langfristig einzunehmen.

Da die Medikamente auf Dauer zu Magen-Darm- sowie Herz-Kreislaufproblemen führen könnten, sei Paracetamol bis jetzt häufig das Mittel der Wahl gewesen, schreiben die Forscher. Die aktuellen Daten deuteten jedoch darauf hin, dass Paracetamol bei Arthrose-Schmerzen, egal in welcher Dosis, nicht effektiv sei. Besser sei wahrscheinlich, bestimmte NSAIDs mit Unterbrechungen anzuwenden. Ärzte sollten aber in jedem Fall Risiken bedenken und Zeitspanne und Dosierung genau abwägen.

In den meisten der untersuchten Studien wurden die Teilnehmer allerdings nur bis zu drei Monate lang begleitet. Außerdem nahmen sie die Tabletten oft anders als im realen Leben nach einem bestimmten Zeitplan und nicht nach Bedarf - also bei akuten Schmerzen - ein. Weitere Untersuchungen sollten dringend klären, wie sich die Schmerzen auch langfristig am besten therapieren lassen. Hinzu komme, dass die aktuelle Analyse manche viel verwendeten NSAIDs nicht einschließe, schreibt Nicholas Moore von der Universität Bordeaux in einem begleitenden Kommentar, ebenfalls im Fachjournal "The Lancet".

Grund dafür sei wahrscheinlich, dass mit den Medikamenten schon lange keine Studien mehr durchgeführt worden seien oder die Untersuchungen zu wenige Teilnehmer hatten. Auch diese Wissenslücke müsse geschlossen werden, argumentiert Moore, denn: "Diese Medikamente sind möglicherweise genauso effektiv, aber viel günstiger".

Vor dem Hintergrund, dass viele Patienten unter den Nebenwirkungen der NSAIDs und der fehlenden Wirkung von Paracetamol leiden könnten, rät er außerdem dazu, bei der Behandlung von Arthrose noch einmal neu zu denken. Und vielleicht Schmerzmittel in Betracht zu ziehen, deren Anwendung schon vor langer Zeit verworfen wurde.

irb

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tuscreen 20.03.2016
1. Schon seltsam
Offenbar wurde Paracetamol doch jahrzehntelang als Schmerzmittel verschrieben -- und erst jetzt kommen die Experten drauf, dass es ja gar nicht wirkt?? Das hat nicht zufällig was damit zu tun, dass Paracetamol mittlerweile zum Pfennigartikel geworden ist (20er Packung für 0,99 € in der Apotheke) und dass interessierte Kreise deshalb den Leuten lieber die zehnmal so teuren anderen Schmerzmitteln näher bringen wollen?
bakero 20.03.2016
2.
Vielleicht denken die interessierten Kreise bereits an ein etwas wirksameres und besser verträgliches Schmerzmittel http://www.aerzteblatt.de/archiv/34138 Natürlich synthetisch hergestellt, in Kapselform... sonst ist ja nix dran verdient...
gratiola 20.03.2016
3. Hahaha
Das ist ein alter Hut. Für so eine Pseudoerkenntnis wird auch noch Geld bereitgestellt! Paracetamol senkt Fieber und damit die einhergehenden Schmerzen. Mehr gibt die Substanz nicht her seit ihrer Markteinführung vor rund 100 Jahren. Wenn es den Menschen, besonders in UK, immer wieder als Painkiller untergejubelt wird dann nur aus finanziellen Gründen. Es ist spottbillig. ( Es hat wohl eine geringe zentrale Wirkung unter der Signifikanzschwelle. Auch schon seit Jahren bekannt).
khaalos 21.03.2016
4. Gibt auch natürliche Alternativen
Ich kann nur den südostasiatische Kratom Baum als wirksame Alternative empfehlen. Ist wirklich Natur pur und gibt es in Deutschland zum Beispiel bei Dreamherbs.de in bester Qualität.
bikerrolf 21.03.2016
5. Habe andere Erfahrungen
Auf die Idee, Paracetamol gegen Arthrose-Schmerzen zu nehmen, bin ich noch nicht gekommen. Stattdessen nehme ich bei Bedarf - und wegen der bekannten Nebenwirkungen nur dann - Voltaren, das ja wohl zu den NSAIDs gehört. Eine Pille mit 50 mg, preiswert in Spanien erstanden, hilft in der Regel zwei Tage lang. Auf den Artikel hin habe ich erneut den Test gemacht - und es hilft. Es kann unter diesen Umständen wohl kaum ein Placebo-Effekt sein.
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