Gelenkleiden Arthrose Ursache Übergewicht?

Für Menschen mit Kniearthrose ist jeder Schritt eine Qual. Doch seit wann plagt die Krankheit schon die Menschheit, wollten Forscher wissen. Ihre Studie liefert überraschende Erkenntnisse über die Ursachen des Gelenkleidens.

Patientin mit Kniearthrose
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Patientin mit Kniearthrose


Knochen auf Knochen: Wie schmerzhaft Bewegungen sein können, wenn die Knorpelsubstanz verlorengeht, wissen vor allem Menschen, die unter einer Arthrose im Knie leiden.

Ihr Anteil hat sich seit der frühindustriellen Zeit mehr als verdoppelt. Das geht auseiner US-Studie in den "Proceedings" der National Academy of Sciences ("PNAS") hervor. "Die große Überraschung für uns war, dass dies nicht nur geschieht, weil Menschen länger leben oder dicker sind, sondern vor allem aus anderen Gründen, die wohl mit unserer modernen Lebensumwelt zu tun haben", sagte Studienautor Ian Wallace von der Harvard University.

Die Forscher waren für ihre Studie kreuz und quer durch die USA gereist und hatten mehr als 2000 menschliche Skelette auf Kniearthrose untersucht. Darunter waren auch solche, die sonst eher von Archäologen oder Anthropologen unter die Lupe genommen werden: 176 der Skelette stammen aus der Zeit von 6000 bis 300 vor Christus. 1581 Untersuchte lebten in der frühindustriellen Zeit (Sterbedatum zwischen 1905 und 1940), 819 analysierte Skelette stammten aus der jüngeren Vergangenheit (Sterbedatum zwischen 1976 und 2015).

Zu wenig Bewegung und schlechte Ernährung

Die Forscher fanden bei 16 Prozent der Skelette aus der jüngsten Ära Kniearthrose, bei sechs Prozent aus der frühindustriellen Zeit und bei acht Prozent aus der Frühzeit. Das Ergebnis bereinigten die Forscher dann - soweit möglich - nach Alter, Geschlecht und Gewicht. Doch auch nach der Bereinigung trat Kniearthrose bei Menschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg starben, gut doppelt so häufig auf wie bei Menschen der frühindustriellen Zeit.

Bei Arthrose bildet sich die Knorpelsubstanz der Gelenke zurück - die Zellen werden nicht mehr ausreichend mit Nährstoffen versorgt, sterben ab und bilden sich nicht neu. Zugleich können Knochenwucherungen um die Gelenke herum entstehen. Neben dem Knie betrifft die Verschleißerscheinung auch Hüfte oder Wirbelsäule, manchmal auch Fuß-, Hand- oder Armgelenke. Mit fortschreitendem Alter tritt die Krankheit häufiger auf, doch sie kann auch schon jüngere Patienten treffen.

Dies ist oft mit starken Schmerzen und Bewegungseinschränkungen verbunden. Schätzungsweise jeder fünfte Amerikaner ab 45 Jahren aufwärts ist davon betroffen, ab 60 Jahren sogar etwa jeder Dritte.

"Diese Studie ist hochinteressant"

Die Erkrankung sei aber offenbar kein feststehendes Altersschicksal, schlussfolgern die Autoren. Um Prävention zu ermöglichen, müsse man nun noch mehr über die Risikofaktoren herausfinden. Möglicherweise seien dies zu wenig Bewegung, was wiederum zu schwächeren Muskeln und Knorpeln führe, aber auch eine Ernährung, die zu reich an raffinierten Kohlenhydraten sei. Auch zu viel Bewegung auf asphaltierten Straßen, in falschen Schuhen, sowie Gelenkentzündungen und natürlich Adipositas könnten Kniearthrose befördern.

"Diese Studie ist hochinteressant", sagt Karl-Dieter Heller, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Endoprothetik. Die Zahl der Kniearthrosen und Endoprothesen nehme auch in Deutschland stark zu. "Und das kann man nicht nur mit Adipositas erklären - die macht viel aus, aber nicht alles."

Die möglichen Gründe, die die Harvard-Forscher für den Trend nennen, findet Heller plausibel. Viele Menschen bewegten sich kaum noch, im Beruf wie in der Freizeit, und sei der unterbelastete Knieknorpel zu wenig ernährt, geschädigt und irgendwann abgebaut, werde Bewegung erst recht schmerzhaft. "Das ist dann ein sich selbst unterhaltender Prozess."

In Deutschland werden seinen Angaben nach jährlich 170.000 Knieprothesen und 230.000 künstliche Hüftgelenke eingesetzt. "Und bei den Knien werden die Patienten immer jünger. Schon etwa 20 Prozent sind unter 60 Jahre."

Von Andrea Barthélémy, dpa/joe

insgesamt 34 Beiträge
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ansv 15.08.2017
1. Das böse Übergewicht
Manchmal habe ich den Eindruck, das ist so eine Standardantwort auf alle Gesundheitsfragen von Migräne bis Fersensporn. Jahrzehntelang hat man auch verbreitet, es sei die Ursache für Diabetes, inzwischen ist das auch relativiert. Ob man bei den untersuchten Skeletten überhaupt einen Rückschluss auf das Gewicht der Person ziehen kann, lässt der Artikel leider im Dunkeln.
picopa18 15.08.2017
2. Ursachen und Wirkung
Sicherlich bringt Übergewicht Probleme mit sich- nur die Ursachen für Übergewicht ist nicht die Menge der Nahrung allein, sondern dessen Verwertung, also der Stoffwechsel. Was bringt diesen Stoffwechsel denn nun so durcheinander, so dass auch der knochenstoffwechsel sich für Arthrose ' entscheidet'? Der Bericht zeigt nur auf, dass es einen Anstieg von arthritischen Knien bei den zur Verfügung stehenden Skeletten aus den USA ( 6000 Jahre bis 2015?!) zu beobachten gab, wobei es ab dem frühindustriellen Zeitalter wohl zu einer Verdoppelung kam. Alle möglichen Faktoren für Knie Arthrose werden zwar aufgezählt, aber nur als Möglichkeit , keinesfalls als verifizierte Ursachen benannt. insofern gibt es noch gar keine Erkenntnis über die Ursachen , sondern lediglich Vermutungen über die Zunahme von Knie und Hüftarthrosen. Genauso gut könnte es Untersuchungen an den Skeletten von wildlebenden Tieren und gefütterten Wildpark , Zirkus und Zoo Säugetieren einer Epoche geben. Vielleicht ließe sich daraus eher etwas über die Folgen von Bewegung und deren Mangel und artgerechter oder ungeeigneter Ernährung herausfinden.
werner-xyz 15.08.2017
3. @ansv:
Na ja, alle älteren Dicke die ich kenne haben Knieprobleme. Sicher ist es nicht die alleinige Ursache, aber gut ist starkes Übergewicht sicher nicht. Ist halt wie beim Rauchen. Nur weil man einen Raucher kennt, der nie Lungenkrebs hatte und 100 Jahre alt geworden ist, heißt es nicht, dass Rauchen nichts mit Lungenkrebs zu tun hat. Und das Diabetes Typ II extrem von starkem Übergewicht beeinflusst wird ist meines Wissens nach immer noch eine Stand der Wissenschaft. Aber klar, wenn ich dick wäre und den fehlenden Willen zum abnehmen würde ich auch behaupten, das hat damit nichts zu tun.
martine-primus 15.08.2017
4. @ansv
also ich hatte einen Motorradunfall letztes Jahr, der Meniskus ist kaputt, wird noch operiert. Ich bin nicht übergewichtig, aber eins merke ich seit dem Unfall deutlich: trage ich schwere Einkäufe die Treppe hinauf, merke ich in meinem Knie einen leichten Schmerz. Ohne schwere Einkäufe läuft es sich zumindest schmerzfrei (ausser bergab). Das zeigt mir eindeutig, dass das Knie bei mehr Gewicht auch stärker belastet wird. Dass Übergewicht eine Arthrose begünstigt, glaube ich daher gerne.
bambus 15.08.2017
5. Einen Faktor kann ich für mich bestätigen,
seit ich mich, trotz anfänglicher Schmerzen und ca. 100kg auf der Waage, deutlich mehr bewege und das auch jeweils deutlich länger sind die Schmerzen in den Knien zurückgegangen bzw. ganz verschwunden. Ebenso sind andere Schmerzen im Bewegungsapparat zurückgegangen bzw. verschwinden schneller wieder. Muß keine Kausalität sein, ist aber meine persönliche Beobachtung.
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