Arzneimittel im EU-Vergleich Deutsche zahlen zu viel für Medikamente

Eine Milliarde Euro könnten Krankenkassen jährlich mindestens sparen, wenn mit der Pharmaindustrie bessere Preise für Medikamente ausgehandelt würden. Zu diesem Ergebnis kommt der aktuelle Arzneiverordnungsreport. Die Studie weist nach, dass es günstiger ginge - ohne Nachteil für die Patienten.

Arzneimittelproduktion bei einem Pharmakonzern: Deutsche Pillen sind zu teuer
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Arzneimittelproduktion bei einem Pharmakonzern: Deutsche Pillen sind zu teuer


Der Arzneiverordnungsreport (AVR) gilt als Bibel der Gesundheitsökonomen: Er wertet die mehr als 700 Millionen Medikamente aus, die gesetzlich Krankenversicherte jährlich von ihrem Arzt verschrieben bekommen. In diesem Jahr haben die Autoren des AVR, der jetzt in Berlin vorgestellt wurde, erstmals die Arzneimittelpreise auch mit Frankreich verglichen. Das Ergebnis: In Deutschland sind patentgeschützte Medikamente unterm Strich 31 Prozent teurer.

Seit 2010 greift sich das Autorenteam um den Heidelberger Pharmakologen Ulrich Schwabe und Dieter Paffrath von der AOK für den AVR ein anderes EU-Land heraus, um dessen Preise mit Deutschland zu vergleichen. Demnach könnten die Krankenkassen 4,1 Milliarden Euro jährlich sparen, wenn hierzulande die Arzneimittelpreise so hoch wären wie in Schweden oder Großbritannien. Immerhin noch 1,6 Milliarden Euro ließen sich sparen, wenn die Preise das niederländische Niveau hätten.

Frankreich hat im internationalen Vergleich eher gehobene Arzneimittelpreise. Doch selbst im Hinblick auf den französischen Nachbarn könnten die Kassen 1,2 Milliarden Euro jährlich sparen, so das Ergebnis der AVR-Autoren. Dabei beziehen sich Schwabe und Kollegen auf die Nettopreise, also das, was die Krankenkassen derzeit nach Abzug des hierzulande geltenden Zwangsrabatts von 16 Prozent zahlen.

So kostet zum Beispiel eine Packung:

  • des Rheumapräparats Humira (40mg, 6 Injektionsdosen (Pen)) in Deutschland 4554 Euro, in Frankreich nur 3005 Euro,
  • des Asthmasprays Spiriva (90 Kapseln) in Deutschland 149 Euro, in Frankreich 109 Euro,
  • des Krebsmedikaments Glivec (400mg, 90 Tabletten) in Deutschland 8660 Euro, in Frankreich 6929 Euro,
  • des Blutverdünners Xarelto (20mg, 98 Tabletten) in Deutschland 295 Euro, in Frankreich 249 Euro.
Insgesamt sind die Nettopreise der 50 umsatzstärksten Arzneimittel in Deutschland 31 Prozent höher als die der gleichen Präparate in Frankreich.

Deutschland vs. Frankreich: Preisvergleich der 10 umsatzstärksten patentgeschützten Arzneimittel (2012)

Arzneimittel (Handelsname) GKV-Umsatz in Mio. € Deutschland AVP € Frankreich AVP € Einsparpotential in Mio. €
Hunmira 580,80 5231,17 3004,50 121,2
Enbrel 399,50 5231,17 2967,57 87,2
Spiriva 282,80 176,11 109,41 31,3
Lyrica 281,00 169,28 76,61 105,5
Symbicort 276,10 228,12 143,97 69,2
Clexane 272,70 110,82 137,70 -131,1
Avonex 264,80 4984,45 2.594,40 70,7
Copaxone 262,10 1.557,17 832,04 56,9
Rebif 259,30 1930,75 880,80 82,4
Glivec 250,00 10.109,03 6929,07 9,2

AVP = Apothekenverkaufspreis, GKV = Gesetzliche Krankenversicherung

Quelle: AVR 2013

Die Preisunterschiede rühren aber nicht nur daher, dass die Pharmaindustrie in Deutschland mehr kassiert. Auch die Mehrwertsteuer wirkt sich aus: Während hierzulande 19 Prozent fällig sind, verlangt der französische Staat bei Medikamenten nur 2,1 Prozent. Doch selbst bei Berücksichtigung der unterschiedlichen Steuersätze sind Medikamente in Deutschland neun Prozent teurer als in Frankreich.

Nach dem vierten Preisvergleich mit den europäischen Nachbarländern steht für Schwabe fest, "dass die Preise patentgeschützter Arzneimittel in Deutschland im internationalen Vergleich überhöht sind".

Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft (AKDÄ), empfiehlt allen Ärzten dringend die Lektüre des AVR 2013. Dort lese man, wie man Ausgaben einsparen könne - ohne Nachteile für die Patienten.

Im Kreuzfeuer der AVR-Kritik stehen zudem die enormen Kosten, die durch Scheininnovationen verursacht werden. Gemeint sind jene Medikamente, die zwar über eine neue chemische Formel verfügen, für Patienten aber keinen oder nur einen marginalen therapeutischen Fortschritt bringen. Dem Report zufolge könnten Ärzte jährlich mehrere hundert Millionen Euro sparen, wenn sie statt dem Originalpräparat ein entsprechendes Generikum verordnen würden:

Insgesamt, so haben die AVR-Autoren ausgerechnet, ließen sich durch den Austausch von Analogpräparaten in Deutschland 2,5 Milliarden Euro im Jahr einsparen. Auch die AKDÄ kritisiert die "Evergreening-Strategie" der Pharmaindustrie, die alte Präparate leicht verändert als Neuheiten wieder auf den Markt wirft.

  • 233 Millionen Euro mit Lamotrigin-Generika (statt Lyrica)
  • 125 Millionen Euro mit Venlafaxin-Generika (statt Cymbalta)
  • 122 Millionen Euro mit Simvastatin-Generika (statt Inegy)

Einsparpotentiale führender Analogpräparate im Jahre 2012

Analogpräparat Markt- einführung Nettokosten Mio. € Substitution DDD-Nettkosten € Einspar- potential €
Lyrica 2004 4,29 Lamotrigin-1A Pharma 0,73 233,2
Cymbalta 2005 2,97 Venlafaxin AbZ 0,34 124,5
Inegy 2004 1,87 Simvastatin Bluefish 0,16 122,1
Targin 2006 9,65 Morphanton 1,91 105,1
Abilify 2004 9,40 Risperidon Heumann 0,77 113,2
Coaprovel (F1) 1998 1,03 Valsartan HCT STADA 0,25 42,3
Votum plus (F2) 2005 1,06 Valsartan HCT STADA 0,25 39,6
Palexia retard 2010 10,92 Morphanton 1,91 41,7
Neupro 2006 10,50 Pramipexol axcount 1,87 38,5
Micardis plus (F3) 2002 1,02 Valsartan HCT STADA 0,25 34,3
Valdoxan 2009 1,80 Venlafaxin AbZ 0,34 36,0
Faslodex 2004 30,86 Anastrozol Heumann 0,88 42,2
Olmetec (F4) 2002 0,85 Valsartan STADA 0,12 35,5
Micardis (F5) 1999 0,60 Valsartan STADA 0,12 31,1
Rasilez 2007 0,71 Valsartan STADA 0,12 27,9

F Festbetrag, Patentablauf: 1 Juni 2013, 2 April 2016, 3 Juli 2014, 4 Mai 2017, 5 Juli 2014; DDD = definierte Tagesdosis ("defined daily dose")

Quelle: AVR 2013


Der AVR zieht aber auch positive Bilanzen: Etwa bei den Fortschritten, die das Arzneimittelgesetz Amnog gebracht hat. Dieses 2010 von der Regierung beschlossene Gesetz, nach dem Pharmahersteller die Preise für neue Medikamente mit den Kassen verhandeln müssen (siehe Grafik), sorge immerhin dafür, dass neue Arzneimittel nicht mehr so überteuert seien wie früher, heißt es im Report.

Grafik: So funktioniert das Amnog (für Großansicht bitte klicken)
SPIEGEL ONLINE

Grafik: So funktioniert das Amnog (für Großansicht bitte klicken)

Positiv vermerkt der AVR auch, dass der Anteil der Generika, also günstiger Kopien von Originalpräparaten, in den vergangenen Jahren stetig gestiegen ist. Drei von vier Medikamenten, die heute verordnet werden, sind bereits Generika. Insgesamt, so der Report, hätten die Generikahersteller den Kassen im vergangenen Jahr Einsparungen von mehr als zwei Milliarden Euro ermöglicht. Nachdem aber jede Krankenkasse eigene Rabattverträge mit Ratiopharm und Co. geschlossen hat, dürfte das Einsparpotential der Nachahmerpräparate heute eher gering sein.

Insgesamt seien die Arzneimittelausgaben der gesetzlichen Krankenkassen im vergangenen Jahr relativ moderat um 2,6 Prozent auf 30,6 Milliarden Euro gestiegen, schreibt AVR-Hauptautor Schwabe. Im ersten Halbjahr 2013 liege der Zuwachs dagegen schon wieder deutlich höher. Zudem läuft an Silvester 2013 der gesetzliche Herstellerrabatt von 16 Prozent aus, den die Regierung der Pharmaindustrie auferlegt hat. Allein diese Änderungen führen im nächsten Jahr wieder zu Mehrausgaben von 1,3 Milliarden Euro, prognostiziert Schwabe.

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insgesamt 159 Beiträge
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Seite 1
groegi 12.09.2013
1. wir zahlen fast überall zu viel
Wir Deutschen zahlen nahezu überall zu viel: Medikamente, Strom, Autos, Benzin, Glas Wein, Regionalzeitungen, Bäckereiketten ... usw. Ursache sind tolerierte Monopole oder Oligopole
Obi-Wan-Kenobi 12.09.2013
2.
Zitat von sysopDPAEine Milliarde Euro könnten Krankenkassen jährlich mindestens sparen, wenn sie mit der Pharmaindustrie bessere Preise für Medikamente aushandelten. Zu diesem Ergebnis kommt der aktuelle Arzneiverordnungsreport. Die Studie weist nach, dass es günstiger ginge - ohne Nachteil für die Patienten. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/arzneiverordnungsreport-2013-deutsche-pillen-sind-zu-teuer-a-921506.html
Dafür braucht man eine Studie? Jeder Bundesbürger, der ab und an das Staatsgebiet verlässt weiß, dass im Ausland Medis billiger sind.
Rickie 12.09.2013
3. Wozu Studie? Es muss endlich was passieren!
Das ist allgemein bekannt. Dazu muss man bloß mal in Frankreich irgendein banales Medikament kaufen. Z.B. Diclofenac. Man zahlt in der Apotheke als vollen Preis das, was wir hier als Zuzahlung zahlen. Dort leben die Leute auch. Und auch die Pharmaindustrie lebt gut in Frankreich. Also werden wir in Deutschland über den Tisch gezogen. Das Zeuch könnte wahrscheinlich durchweg um 50% billiger sein. Dann hätten die Versicherungen das Geld, andere Leistungen zu zahlen. Oder auch niedrigere Beiträge zu kassieren. Also, Studie allein ist ja schön. Aber wo ist die Bundesregierung, die da endlich für vernünftige Verhältnisse sorgt?
bernardo4122 12.09.2013
4. Arzneimittel im EU-Vergleich
Vor Jahren konnten wir feststellen, dass in Spanien viele Medikamente fast 50% günstiger waren als in Deutschland - vom selben Pharmakonzern hergestellt! Dann erlebten wir -oh Wunder - dass die Regierung in Madrid über Nacht verordnete, dass die Arzneimittelpreise um 4% gesenkt werden mussten: Kein Aufschrei der Apotheker und der Pharmaindustrie! Es wurde abgesenkt und keine und keine Standort- oder Arbeitsplatzdiskussion folgten. Na ja, man verdiente doch in Deutschland genug!
localpatriot 12.09.2013
5. Was ist wichtiger?
Zitat von sysopDPAEine Milliarde Euro könnten Krankenkassen jährlich mindestens sparen, wenn sie mit der Pharmaindustrie bessere Preise für Medikamente aushandelten. Zu diesem Ergebnis kommt der aktuelle Arzneiverordnungsreport. Die Studie weist nach, dass es günstiger ginge - ohne Nachteil für die Patienten. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/arzneiverordnungsreport-2013-deutsche-pillen-sind-zu-teuer-a-921506.html
Deutschland hat nicht nur die teuersten Medikamente, sonder ebenfalls die teuersten 'Heilmittel' die der normale Mensch in anderen Laendern im Supermarkt kauft. Es hat auch die schoensten Apotheken. Aber was will der Mensch? Schoen oder billig. Gut und billig ist natuerlich besser.
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