Arznei-Report 2014 Medikamente sind in Deutschland zu teuer

Die Kosten für Medikamente in Deutschland steigen, wie der neue Arznei-Report zeigt. Wären die Preise fair, könnten Versicherungen und Patienten mehrere Milliarden Euro sparen.

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Kosten für Medikamente: Warum sind die Preise in Deutschland so hoch?
Corbis

Kosten für Medikamente: Warum sind die Preise in Deutschland so hoch?


Berlin - Der Arzneiverordnungsreport (AVR) gilt als Standardwerk für den Pharmamarkt: Seit 30 Jahren erscheint die Bilanz der Gesundheitsökonomen um den Pharmakologen Ulrich Schwabe - jedes Jahr sorgt sie aufs Neue für heftige Diskussionen. Das wird im Jubiläumsjahr nicht anders sein, denn erneut kritisieren die Autoren des Reports die anhaltend überteuerten Arzneimittelpreise in Deutschland und verweisen auf immense Einsparmöglichkeiten.

Die Datenbasis des AVR: sämtliche Medikamente, die Krankenversicherte in Deutschland von ihrem Arzt verschrieben bekamen. 2013 waren es laut dem Report 819 Millionen Rezepte, die durch 202.965 Vertragsärzte ausgestellt wurden. Insgesamt kosteten die Arzneimittel die Kassen 32,1 Milliarden Euro. Analysiert wurde dieser riesige Datensatz durch das Wissenschaftliche Institut der AOK, kurz Wido, das den AVR 2014 nun am Dienstag in Berlin vorgestellt hat.

In diesem Jahr liegt der Fokus der AVR-Autoren auf den Einsparmöglichkeiten im deutschen Pharmamarkt. Ihr Ergebnis: Diese seien, trotz verschiedener Gesetzesinitiativen nicht kleiner geworden. Besonders bei jenen Medikamenten, die noch unter Patentschutz stehen (Originalpräparate), seien deutliche Verbesserungen möglich, sagt Schwabe. Auch durch Scheininnovationen (Analogpräparate) entstünden enorme Kosten. Darunter fallen jene Medikamente, die zwar eine veränderte Molekülstruktur aufweisen, für Patienten aber keinen oder nur einen marginalen therapeutischen Fortschritt bringen. Die hohen Ausgaben seien unnötig, stattdessen könnten Generika, also günstige Kopien der Originalpräparate, verordnet werden, so die AVR-Autoren.

Die Einsparpotenziale im Einzelnen:

  • Analogpräparate 2,4 Milliarden Euro (Vorjahr: 2,5 Milliarden)
  • Originalpräparate: 2,0 Milliarden Euro (Vorjahr: 1,2 Milliarden)

Schwabes Kritik: Patentgeschützte Arzneimittel seien in Deutschland viel teurer als in anderen Ländern. Die Argumente der Pharmaindustrie: Man könne die Preise in Europa nicht so einfach vergleichen, weil Packungsgröße, Mehrwertsteuer, Zwangsrabatte und Apothekergebühren in jedem Gesundheitssystem unterschiedlich seien. Die Undurchsichtigkeit der Medikamentenpreise sei deshalb leider unvermeidlich. Doch Schwabe ist überzeugt, dass man die Unterschiede dennoch berechnen kann.

Grafik: So werden Preise für neue Medikamente festgelegt
SPIEGEL ONLINE

Grafik: So werden Preise für neue Medikamente festgelegt

Am Beispiel Schweden hatte sich schon 2010 ein Einsparpotenzial für Deutschland von 4,5 Milliarden Euro gezeigt. Auch in den darauffolgenden Jahren ergaben Preisvergleiche mit anderen Ländern ebenfalls hohes Sparpotenzial: Im Vergleich mit Großbritannien etwa waren es 4,1 Milliarden Euro (AVR 2011), im Vergleich mit den Niederlanden 1,6 Milliarden Euro (AVR 2012). Im vergangenen Jahr schauten die Pharmaökonomen nach Frankreich, auch hier ergab sich, dass die Deutschen 1,2 Milliarden Euro weniger für Arzneimittel ausgeben könnten.

Seither steht für Schwabe fest, "dass die Preise patentgeschützter Arzneimittel in Deutschland im internationalen Vergleich überhöht sind".

Die Unterschiede rühren aber nicht nur daher, dass die Pharmaindustrie in Deutschland mehr kassiert. Auch die Mehrwertsteuer wirkt sich aus: Während hierzulande 19 Prozent fällig sind, verlangt Frankreich etwa bei Medikamenten nur 2,1 Prozent. Doch selbst unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Steuersätze waren die Medikamente in Deutschland laut dem AVR im Vergleich neun Prozent teurer als im Nachbarland.

Der AVR kritisiert nicht nur, er berichtet auch Positives: etwa bei den 25 umsatzstärksten Arzneimitteln, die im Zuge des Arzneimittelgesetzes Amnog bewertet wurden. Dieses 2010 von der Regierung beschlossene Gesetz, nach dem Pharmahersteller die Preise für neue Medikamente nach dem Grad ihres Nutzens mit den Kassen verhandeln müssen (siehe Grafik oben), hätte immerhin dafür gesorgt, dass die ausgehandelten Erstattungspreise durchschnittlich um 23 Prozent gesenkt wurden.

Mit der Preissenkung durch das Amnog sei ein wesentliches Problem gelöst worden, so Schwabe: Preise für neue Arzneimittel seien nicht mehr höher als in anderen Ländern. Wie der aktuelle Preisvergleich mit Frankreich belege, seien die Preise für Neumedikamente sogar 4,6 Prozent niedriger.

Die Einsparungen durch Erstattungsbeträge haben 2013 allerdings nur 150 Millionen Euro ergeben, für dieses Jahr werden 298 Millionen Euro erwartet. Das sei, so Schwabe, meilenweit entfernt davon, was das Amnog eigentlich jedes Jahr einsparen sollte: zwei Milliarden Euro.

Diese politische Vorgabe sei verfehlt worden, weil die vorgesehene Bewertung des Bestandsmarktes, also der älteren, etablierten Medikamente, nur schleppend startete und im April dieses Jahres sogar wieder ganz abgeschafft wurde, kritisiert Schwabe. Obendrein habe die große Koalition den erhöhten Herstellerabschlag von 16 Prozent für patentgeschützte Arzneimittel nicht fortgeführt. Dadurch komme auf die gesetzliche Krankenversicherung ein neuerlicher Kostenschub von etwa einer Milliarde Euro zu.

AMNOG: Die 25 umsatzstärksten Arzneimittel - Preise vor und nach der Nutzenbewertung
Nutzen beträchtlich
Arzneimittel     Nettoumsatz 2013 (in €) AVP* vor Nutzenbewertung (in €) Aktuelle AVP* (in €) Preissenkung
Zytiga 120 Tbl. 250 mg 220,7 5420,21 4102,13 24,7%
Brilique 100 Tbl. 90 mg 38,5 167,28 137,42 17,9%
Zelboraf 56 Tbl. 240 mg 31,9 2888,50 1895,87 34,4%
Kalydeco 56 Tbl. 150 mg 23,3 25.504,50 22.088,67 13,4%
Xtandi 112 Tbl. 40 mg 11,9 4614,47 4614,47 0,0%

* Apothekenverkaufspreis

Nutzen gering
Arzneimittel Nettoumsatz 2013 (in €) AVP* vor Nutzenbewertung (in €) Aktuelle AVP* (in €) Preissenkung
Gilenya 28 Kps. 0,5mg 137,8 2324,68 1651,11 29,0%
Janumet 196 Tbl. 50mg/1000mg 86,0 187,97 159,66 15,1%
Velmetia 196 Tbl. 50mg/1000mg 83,3 187,97 159,66 15,1%
Januvia 98 Tbl. 100 mg 76,4 187,97 159,66 15,1%
Xelevia 98 Tbl. 100 mg 56,7 187,97 159,66 15,1%
Jakavi 60 Tbl. 15 mg 47,8 5082,25 3986,27 21,6%
Eviplera 90 Tbl. 200/25/245 mg 31,2 3725,30 3725,49 0,0%
Onglyza 98 Tbl. 5 mg 22,4 188,16 145,28 22,8%
Inlyta 56 Tbl. 5 mg 15,8 5596,68 3597,08 35,7%
Eliquis 60 Tbl. 2,5 mg 15,4 177,05 92,53 47,7%
572,8 21,7%

* Apothekenverkaufspreis

Nutzen nicht quantifizierbar
Arzneimittel Nettoumsatz 2013 (in €) AVP* vor Nutzenbewertung (in €) Aktuelle AVP* (in €) Preissenkung
Incivo 168 Tbl. 375 mg 48,6 12.216,90 9663,53 20,9%
Esbriet 252 Kps. 275 mg 22,5 3451,07 3079,51 10,8%
Victrelis 336 Tbl. 200 mg 19,0 3979,07 3146,09 20,9%
126,3 17,5%

* Apothekenverkaufspreis

kein Zusatznutzen
Arzneimittel Nettoumsatz 2013 (in €) AVP* vor Nutzenbewertung (in €) Aktuelle AVP* (in €) Preissenkung
Eucreas 180 Tbl. 50 mg/1000 mg** 66,8 174,64 122,50 29,9%
Fampyra 56 Tbl. 10 mg 36,2 529,79 195,55 63,3%
Icandra 180 Tbl. 50 mg/1000 mg** 29,8 174,83 122,50 29,9%
Eylea 1 Durchstechfl. 40 mg/1 ml 25,7 1136,03 1050,25 7,6%
Galvus 90 Tbl. 50 mg** 22,9 92,92 66,75 28,2%
Forxiga 98 Tbl. 10 mg 14,5 220,20 115,64 47,5%
Stribild 30 Tbl. 150/150/200/245 mg 11,0 1780,93 1780,93 0,0%
170,7 29,5
Summe 1196,1 22,6%

* Apothekenverkaufspreis

** derzeit bestehende Vertriebseinstellung

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insgesamt 55 Beiträge
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Seite 1
kopi07 23.09.2014
1. Nichts neues
Jeder der im Grenzgebiet zu den Niederlanden lebt, fährt gerne rüber um sich mit Schmerzmitteln, der Pille oder anderen Präparaten einzudecken. Die kosten liegen teilweise bei 60% -70% niedriger als hier in Deutschland. Da lohnt sich jede Fahrt.
kopfballungeheuer 23.09.2014
2. Ach.
Ach was. Das war noch nie anders. Wird nie anders sein. Wir sind die Melkkühe der Pharmaindustrie. Die Lobby wird's schon richten. So lange aber alle denken, das wäre der Raum unten im Hotel, wird sich da nix ändern.
kdshp 23.09.2014
3.
Ist das ein witz oder eine satire? Wir leben im kapitalismus und da regelt der makt den preis. Jaja auch lobbyismus gehört zum markt! Und wenn wir hier weniger zahlen könnten würde direkt ein anderer kommen und uns das geld aus der tasche nehmen WETTEN.
was..soll..das?? 23.09.2014
4. Lese ich das aus der Grafik richtig...??
....wir sind mit den Verordnungen seit 1994 um 60-70 Prozent runter und im selben Zeitraum hat haben sich die Kosten um verdoppelt. wer kompensiert denn da die geringere Anzahl an Verordnungen? ... oder kann man dass so nicht vergleichen weil jemand die Daten suboptimal zusammenstellt halt z.B. aus dem Grund dass sie nicht korrelieren?
kuac 23.09.2014
5.
Zitat von kdshpIst das ein witz oder eine satire? Wir leben im kapitalismus und da regelt der makt den preis. Jaja auch lobbyismus gehört zum markt! Und wenn wir hier weniger zahlen könnten würde direkt ein anderer kommen und uns das geld aus der tasche nehmen WETTEN.
Sie kommentieren ohne den Artikel gelesen zu haben. In FR zahlt man nur 2.1% MWSteuer auf Medikamenten und in DE 19%. Das ist Politik und nicht Markt. Abgesehen davon: die Preise steigen, aber gleichzeitig wird alles unternommen, damit die Löhne und Gehälter sinken. Das kann nicht mehr lange gut gehen.
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