Lügen für schnellen Arzttermin "Klar bin ich privat versichert"

Um schneller einen Termin beim Arzt zu ergattern, behaupten manche Kassenpatienten am Telefon, sie seien privat versichert. Eine Verbraucherschützerin erklärt, wieso sich das nicht auszahlt.

Terminvergabe in der Arztpraxis: Pflicht zur sofortigen Behandlung besteht nur im Notfall
Getty Images

Terminvergabe in der Arztpraxis: Pflicht zur sofortigen Behandlung besteht nur im Notfall


Das Knie schmerzt plötzlich, die Sehschärfe verschlechtert sich ungewöhnlich schnell, man hat einen Knoten in der Brust ertastet: In diesen und ähnlichen Situationen wollen viele Betroffene möglichst schnell mit einem Arzt sprechen. Doch gerade bei Fachärzten ist es als Kassenpatient schwer, innerhalb weniger Tage einen Termin zu bekommen, wenn kein akuter Notfall vorliegt.

Wer privat versichert ist, hat weitaus größere Chancen auf zeitnahe Beratung. Eine von den Grünen in Auftrag gegebene Erhebung in Hessen hatte 2013 gezeigt: Kassenpatienten mussten im Schnitt 20 Tage länger auf einen Facharzttermin warten als Privatversicherte.

Was tun? Manche Kassenpatienten lügen am Telefon, wenn sie gefragt werden, wie sie versichert sind - um einen früheren Termin zu bekommen. Ist das sinnvoll?


Christiane Lange von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen beantwortet die wichtigsten Fragen dazu.

Muss ein Patient am Telefon sagen, ob er gesetzlich oder privat versichert ist?

Nein, als Patient hat man nicht die Verpflichtung, von sich aus mitzuteilen, ob man gesetzlich oder privat krankenversichert ist. Sofern man aber am Telefon gefragt wird, welchen Versicherungsstatus man besitzt, sollten Patienten die Wahrheit sagen.

Inwiefern muss der Arzt prüfen, ob jemand die Wahrheit sagt?

Der Arzt hat keine Nachforschungspflicht. Sofern man sich als Privatpatient am Telefon ausgibt, darf der Arzt davon ausgehen, dass diese Angaben zutreffen.

Was passiert, wenn vor Ort rauskommt, dass ein Patient am Telefon geflunkert hat?

Wenn jemand am Telefon angibt, dass er privat krankenversichert ist und der Arzt ihm in einem Zeitraum einen Termin gibt, in dem er ausschließlich Privatpatienten behandelt, darf er den Patienten nach Hause schicken und auf andere Sprechzeiten verweisen. Eine Pflicht zur sofortigen Behandlung besteht nur im Notfall.


Im Juli hat der Bundesrat das Versorgungsstärkungsgesetz verabschiedet, laut dem gesetzlich Versicherte künftig spätestens binnen vier Wochen einen Facharzttermin bekommen sollen, wenn sie eine Überweisung vom Hausarzt vorlegen können. Neue Servicestellen sollen helfen, die Termine zu vermitteln. Findet sich keine Möglichkeit, in dieser Zeit einen niedergelassenen Facharzt zu sehen, kann der Patient ein Krankenhaus aufsuchen. Die Servicestellen sollen Ende Januar die Arbeit aufnehmen, Ärzte und Kassen diskutieren noch über verschiedene Details.

Schon jetzt bieten einige Krankenkassen an, bei der Vermittlung von Facharztterminen zu helfen. Eine Untersuchung von Stiftung Warentest ergab 2012, dass dieser Service tatsächlich die Wartezeit um einige Tage verringert. Im Schnitt lagen zwischen dem ersten Anruf und dem Facharzttermin 20 Tage.

wbr/dpa



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 201 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
malcom1 27.11.2015
1.
Wer mehr Geld lebt länger! Das ist Neoliberalismus in Reinform und menschenverachtend. Eine Krankenversicherung für alle muss her in die alle einzahlen, dann sinkt auch der Beitrag. Wer will kann sich dann über diverse Versicherungen besser absichern.
dorle46 27.11.2015
2. Zum Glück
gibt es bei mir - eine Kleinstadt im Allgäu - Fachärzte, die keinen Unterschied zwischen gesetzlich und privat machen. Ich wurde auch noch nie bei der telefonischen Anmeldung danach gefragt. Eine Bekannte wollte einmal schneller einen Termin, da privat versichert, sie bekam zur Antwort: "das interessiert uns nicht. Es gibt hier keine Vorzugsbehandlung!"
DieButter 27.11.2015
3.
Das mit den Servicestellen kann eigentlich nur heftig in die Hose gehen. Bis so etwas koordiniert verteilt werden kann, dauert es erstmal. Ach ja, Zeitmangel war ja der Grund für das Gesetz. "Findet sich keine Möglichkeit, in dieser Zeit einen niedergelassenen Facharzt zu sehen, kann der Patient ein Krankenhaus aufsuchen" Cool. Und was soll er dann da? Glaubt die Politik etwa, es gebe im Krankenhaus stets den passenden Facharzt? Das müssen ja Unikliniken sein, von denen hier phantasiert wird. Völlig lebensfremd.
eryx 27.11.2015
4.
Ich bin mir gar nicht einmal so sicher, ob Privatversicherte am Ende besser behandelt werden - vermutlich eher nicht, weil auch ziemlich viel unnötiger Kram gemacht wird. Eine Chefarztbehandlung würde ich mir auch immer zweimal überlegen. Allerdings ist mir als privatversicherter auch aufgefallen, dass ich in Sachen Terminen bevorzugt behandelt werde, was einfach nicht in Ordnung ist.
eternalchii 27.11.2015
5.
Zitat von malcom1Wer mehr Geld lebt länger! Das ist Neoliberalismus in Reinform und menschenverachtend. Eine Krankenversicherung für alle muss her in die alle einzahlen, dann sinkt auch der Beitrag. Wer will kann sich dann über diverse Versicherungen besser absichern.
Können Sie vielleicht erläutern, wo genau der Unterschied zwischen dem bestehenden Modell und Ihrem Vorschlag liegt? In beiden Varianten gibt man mehr Geld für mehr Leistung aus. Das heißt in beiden Varianten gibt es für weniger Geld auch weniger Leistung, oder? Ist Ihr Vorschlag laut Ihrer Definition nicht genauso menschenverachtend wie das bestehende System?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.