Start der neuen Servicestellen So bekommen Kassenpatienten rasch einen Facharzttermin

Die Termin-Servicestellen für gesetzlich Versicherte starten. Sie sollen dafür sorgen, dass Patienten mit entsprechender Überweisung binnen vier Wochen einen Termin beim Facharzt haben. Doch das neue Konzept hat ein paar Haken.

Arztpraxis: Das mitunter lange Warten auf fachärztliche Beratung
dapd

Arztpraxis: Das mitunter lange Warten auf fachärztliche Beratung


Stundenlanges Herumtelefonieren und monatelanges Warten sollen ein Ende haben. Die neuen Termin-Servicestellen der regionalen Kassenärztlichen Vereinigungen nehmen am Montag ihre Arbeit auf. Sie müssen künftig gesetzlich versicherten Patienten binnen vier Wochen einen Termin bei einem Facharzt verschaffen. Klingt gut, hat aber ein paar Schwachstellen.

Wie funktionieren die Termin-Servicestellen?

Der Patient braucht eine ärztliche Überweisung mit einer Codenummer für eine Behandlung bei einem Facharzt. Dann ruft er die Servicestelle seiner regionalen Kassenärztlichen Vereinigung an. Die Mitarbeiter nennen ihm innerhalb einer Woche einen Termin bei einem Experten, wobei zwischen Anfrage des gesetzlich Versicherten und dem Facharzttermin maximal eine Wartezeit von vier Wochen liegen darf.

Telefonnummer und Sprechzeiten der Termin-Servicestelle erfahren Patienten von der jeweiligen Kassenärztlichen Vereinigung. Nach Angaben der Deutschen Stiftung Patientenschutz schwanken die Öffnungszeiten der Servicestellen zwischen 10 und rund 50 Stunden in der Woche.

Und wenn es innerhalb dieser Frist nicht klappt?

Sollte die Termin-Servicestelle keinen Termin bei einem niedergelassenen Facharzt anbieten können, vermittelt sie einen ambulanten Behandlungstermin in einem Krankenhaus.

Wer kann sich an die Servicestelle wenden?

Der Service ist für Kassenpatienten gedacht, die dringend eine fachärztliche Behandlung brauchen. Die Kassenärztliche Vereinigung Hessen geht davon aus, dass rund ein Drittel aller Überweisungen dringend sind.

Bagatellerkrankungen und Routineuntersuchungen sind also ausgenommen. Für einen Termin bei einem Frauen- oder Augenarzt braucht man keine Überweisung, um den Service in Anspruch zu nehmen. Für Zahnärzte, Kieferorthopäden und Psychotherapeuten gibt es keinen Vermittlungsservice.

Wie weit darf der Facharzt entfernt sein?

Für die allgemeine fachärztliche Versorgung darf der Weg in der Regel maximal 30 Minuten länger sein als zum nächstgelegenen Mediziner dieser Fachrichtung. Darunter fallen: Augenarzt, Frauenarzt, Hautarzt, Hals-Nasen-Ohren-Arzt, Neurologe, Orthopäde, Urologe, Chirurg. Für bestimmte Spezialisten, etwa Radiologen, gilt die Zeit bis zum nächstgelegenen Kollegen plus 60 Minuten.

Was bemängeln die Kritiker?

Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und ihre regionalen Gliederungen leisteten lange Widerstand gegen die Vermittlung. KBV-Chef Andreas Gassen meinte, eine bessere Steuerung der Arztbesuche mache Terminvergabestellen überflüssig. Die Wartezeiten entstünden, weil es zu viele Patienten gebe, die wegen derselben Beschwerden zu zwei, drei oder sogar noch mehr Fachärzten gingen.

Was sagen die Befürworter?

Die gesetzlichen Krankenkassen weisen daraufhin, dass Privatpatienten in der Regel schneller einen Termin beim Facharzt bekommen als Kassenpatienten. Daher seien die Servicestellen richtig. Sie könnten auch gut funktionieren, wenn sich die ärztlichen Stellen wirklich darum bemühten. Der Sozialverband VdK meint jedoch, solange es für Ärzte lukrativer sei, Privatpatienten zu behandeln, würden gesetzlich Versicherte bei der Terminvergabe benachteiligt.

Wie lange sind die Wartezeiten für Patienten derzeit?

Die KBV spricht von einem deutschen "Luxusproblem": "Während in Deutschland nur sieben Prozent der Patienten länger als zwei Monate auf einen Facharzttermin warten mussten, sind es in Schweden und Norwegen rund ein Drittel."

Welchen Haken hat die Sache für die Patienten?

Ein Anspruch, zu einem bestimmten Arzt vermittelt zu werden, besteht nicht. Wer den Service nutzt, verwirkt also freiwillig sein Recht auf freie Arztwahl.

Sandra Trauner und Ruppert Mayr, dpa



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insgesamt 143 Beiträge
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Seite 1
HaraldKönig 25.01.2016
1.
Es gibt natürlich Ärzte, die bei Jameda mit "mangelhaft" bewertet werden. Die kriegen jetzt diese Patienten vermittelt.
sag-geschwind 25.01.2016
2. Kassenpatient
Ich stell's mir super und sehr hilfreich vor, wenn ich mit dem Makel "Kassenpatient" und dem Supermakel "Von Termin-Servicestelle aufgenötigt" vom sichtlich genervten Arzt durchgeschleust werde ....
finsteraar08 25.01.2016
3.
"Die KBV spricht von einem deutschen "Luxusproblem", ja klar, die feinen Herren sind Privatpatienten! Die KVs gehören abgewickelt, die verprassen unsere Beitragsgelder!
jakam 25.01.2016
4.
Die Auswüchse des 2-Klassensystems - viel Spaß beim Termin bei einem Arzt ohne ihr Vertrauen. Für Notfälle aber dennoch eine "besser-als-nichts" Lösung - denn wie soll man als Patient rausfinden können, welcher Arzt in der Stadt evtl einen Termin frei hat und in einem echten Notfall ist man vermutlich deutlich weniger wählerisch. Das kommt davon, wenn alles Überlebenswichtige privatisiert wird und der Profitgier unterworfen wird - skandalös, daß gerade beim Thema Gesundheit so wenig staatliche Subventionen ankommen. Dasselbe gilt für Energiekosten und Grundbedürfnisse, zB Wasser. Unfassbar eigentlich, daß man diese ganzen Privatisierungen damals für gut befunden hat - wider besserem Wissen, was Profitgier daraus machen wird.
leierbündchen 25.01.2016
5. Kaputtes System
Bevor über irgendwelche Details verhandelt wird, gehört das Zweiklassen - Gesundheitssystem, sprich die Privatversicherungen, abgeschafft. Ebenso die Beitragsbemessungsgrenzen, das bedeutet, dass von jedem beliebigen Bruttoeinkommen derselbe Prozentsatz an Krankenkassenbeiträgen zu entrichten ist. Dann hätte die GKV mehr Geld zur Verfügung als heute GKV und PKV zusammen. Wenn man dann noch überflüssige ärztliche Maßnahmen und völlig unsinnige Verfahren wie z.B. die Homöopathie von der Erstattung ausnimmt, befinden wir uns auf dem Weg zu einem gesünderen Gesundheitssystem.
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