Verdauungstrakt Aspirin könnte Leben mit Krebs verlängern

Bei einigen Tumoren im Verdauungstrakt könnte Aspirin helfen. Viele Patienten in einer Beobachtungsstudie lebten mit den Pillen deutlich länger. Doch Fragen bleiben - und Nebenwirkungen.

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Schmerzmittel wie Aspirin: Stören die Funktion der Blutplättchen - und könnten vor manchen Krebsarten schützen
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Schmerzmittel wie Aspirin: Stören die Funktion der Blutplättchen - und könnten vor manchen Krebsarten schützen


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Wenig Bewegung, schlechte Ernährung, Alkoholkonsum und Rauchen. All das fördert das Risiko für Darmkrebs. Er ist mit jährlich etwa 62.000 Neuerkrankungen die dritthäufigste Tumorerkrankung in Deutschland. Doch viele Fälle ließen sich vermeiden. Studien weisen darauf hin, dass außer einem gesünderen Lebenswandel und regelmäßiger Vorsorge ein einfaches und günstiges Mittel große Bedeutung erlangen könnte: Aspirin.

In einer aktuellen Untersuchung verlängerten Schmerzmittel mit Acetylsalicylsäure, die unter anderem unter dem Handelsnamen Aspirin verkauft werden, die durchschnittliche Überlebensdauer von Patienten mit Tumoren im Verdauungstrakt deutlich. Das berichtete Martine Frouws, Doktorandin an der niederländischen Leiden-Universität, bei dem Europäischen Krebskongress in Wien.

Die Forschergruppe, in der sie arbeitet, hat Daten von gut 13.700 Patienten mit Krebs im Verdauungstrakt ausgewertet. Die meisten von ihnen hatten Darmkrebs, andere waren beispielsweise von Tumoren in der Speiseröhre betroffen.

Einige Patienten hatten außer der herkömmlichen Krebstherapie regelmäßig Aspirin geschluckt und es aufgrund der großen Menge und vergleichsweise hohen Dosierung verschrieben bekommen. Die Forscher kombinierten anschließend rückwirkend die Überlebensraten der Patienten mit den Verschreibungsdaten fürs Aspirin.

"Fünf Jahre nach der Diagnose haben 75 Prozent der Patienten, die Aspirin bekommen hatten, noch gelebt", so Frouws. In der Vergleichsgruppe ohne Aspirin waren es nur 42 Prozent. Anders formuliert: Unter durchschnittlich 100 Patienten überlebten mit Aspirin 33 mehr von ihnen die ersten fünf Jahre nach der Diagnose als von denen, die kein Aspirin einnahmen.

Effekte, die die Überlebensrate der Patienten außer dem Aspirin beeinflussen können, glichen die Forscher in der Statistik an. Dazu zählten Alter und Geschlecht der Patienten, Stadium der Erkrankung und sonstige Behandlungen wie Strahlen- oder Chemotherapie. Dennoch bleiben Unsicherheiten.

Jeder Tumor ist anders

Frouws und Kollegen vermuten, dass Aspirin die Tumorzellen indirekt durch seine gerinnungshemmende Wirkung schädigt. Aspirin stört die Funktion der Blutplättchen, mit deren Hilfe sich manche Tumoren vor dem Immunsystem verstecken. Funktionieren die Blutplättchen nicht richtig, kann der Körper sich besser gegen den Krebs zur Wehr setzen, so ihre Theorie.

Dies scheint zunächst plausibel, allerdings: "Aspirin wirkt sehr vielfältig auf die Blutplättchen", erklärt Mathias Heikenwälder, Leiter der Abteilung "Chronische Entzündung und Krebs" am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ), der nicht an der Studie beteiligt war. "Der genaue Wirkmechanismus in den Krebspatienten bleibt damit völlig unklar."

Daraus ergibt sich ein entscheidendes Problem: Bei welchen Krebsarten oder gar Tumorvarianten das Mittel einen Vorteil bringt und welchen Patienten es helfen kann, lässt sich noch nicht sagen.

Frouws und Kollegen wollen nun versuchen, die Zielgruppe genauer einzugrenzen: "Die Eigenschaften der Tumoren in den Patienten, in denen Aspirin geholfen hat, könnten uns verraten, wer von solch einer Behandlung profitieren könnte", sagt die Forscherin. Gemeinsam mit Kollegen sucht sie Probanden für eine neue Aspirin-Studie mit gut 1500 Patienten, über 70 Jahre alt sind.

Nutzen gegen Nebenwirkungen

In den USA wird der Einsatz des Schmerzmittels gegen Darmkrebs bereits erwogen - allerdings als Prophylaxe. 2014 hatten US-Forscher eine Studie veröffentlicht, die nahehelegt, dass Aspirin manchen Darmkrebsarten vorbeugen kann. Nun hat die amerikanische Gesundheitsbehörde vorgeschlagen, das Mittel zur Krebsvorbeugung bei besonders gefährdeten Personen über 50 zu empfehlen.

Noch bis Mitte Oktober sammelt die Behörde Stimmen aus der Öffentlichkeit zu dem Vorstoß. Dabei gilt es, die Nebenwirkungen durch den Dauereinsatz von Aspirin und den potenziellen Nutzen abzuwägen. Die deutschen Fachgesellschaften lehnen den prophylaktischen Aspirin-Einsatz bislang ab, genau wie Heikenwälder.

"Die Nebenwirkungen des Medikamentes werden häufig unterschätzt", sagt er. Wird Aspirin in höheren Dosen über einen längeren Zeitraum eingenommen, können Blutungen im Magen oder Geschwüre entstehen. Zudem gebe es mit der Darmspiegelung eine alternative Möglichkeit, veränderte Zellen frühzeitig zu erkennen.

"Sinnvoll wäre aus meiner Sicht", sagt Heikenwälder, "den Wirkmechanismus von Aspirin auf die Tumoren noch genauer zu erforschen, auch was die Heterogenität der Tumoren betrifft, um dann passende Mittel zu entwickeln, die gezielt wirken und auf Dauer geringere Nebenwirkungen haben als Aspirin."


Zusammengefasst: Eine Beobachtungsstudie hat gezeigt, dass einige Patienten mit Tumoren im Verdauungstrakt eine größere Überlebenschance haben, wenn sie parallel zur herkömmlichen Therapie Aspirin schlucken. Allerdings ist noch unklar, bei welchen Tumoren genau die Behandlung nutzt und wie Aspirin den Krebs eindämmt. Experten warnen vor zu großer Euphorie und den Nebenwirkungen einer dauerhaften Aspirin-Einnahme.

Details zur Studie
So lief die Studie ab
Daten von 13.715 Patienten, die zwischen 1998 und 2011 die Diagnose "Krebs im Magen-Darm-Trakt" bekommen hatten, wurden ausgewertet. Die meisten Patienten (circa 43 Prozent) hatten einen Tumor im Kolon, einem Teil des Dickdarms. Am zweit- und dritthäufigsten waren Tumore im Mastdarm (bei 25 Prozent der Patienten) und in der Speiseröhre (gut 10 Prozent der Patienten).

Die Forscher glichen die Überlebensraten der Patienten mit Daten des niederländischen Forschungsinstituts Pharmo ab, das erfasst hatte, wie viel Aspirin jeder Patient nach der Diagnose verschrieben bekommen hatte. Zusätzlich berücksichtigten die Forscher Angaben der Patienten zur Einnahme von Aspirin vor der Diagnose. Die Entwicklung der Patienten wurde nach der Diagnose unterschiedlich lange nachverfolgt, im Median gut viereinhalb Jahre.
Die Ergebnisse
Nach Angabe der Forscher haben insgesamt etwa 30 Prozent der Patienten Aspirin bereits vor der Diagnose genommen und acht Prozent ausschließlich im Anschluss. Die Mehrheit (etwa 60 Prozent) nahm das Medikament nie.

Der Erfolg einer Krebstherapie wird üblicherweise in der Überlebensrate nach fünf Jahren angegeben. Von den Aspirin-Patienten, deren Entwicklung so lange verfolgt wurde, überlebten im Schnitt 75 von 100. Bei den Probanden der Kontrollgruppe waren es 42 von 100 Betroffenen. Den Einfluss von Geschlecht, Alter, Krebsstadium sowie Therapien (Operationen, Chemotherapie etc.) auf die Überlebenswahrscheinlichkeit der Patienten rechneten die Forscher aus ihrer Statistik heraus.
Das kann die Studie nicht
Der exakte Nutzen von Aspirin bei Tumoren im Verdauungstrakt lässt sich noch immer nicht genau abschätzen. Es bleibt unklar, auf welche Krebsarten und Tumorvarianten das Schmerzmittel wirkt und auf welche Weise.

Wie viele der Patienten genau bis fünf Jahre nach der Diagnose begleitet wurden, geht aus den bisher veröffentlichten Daten nicht hervor. Bisher wurde die Studie nicht in einem Fachmagazin publiziert, eine Qualitätskontrolle durch Fachleute fehlt deshalb noch. Die Reaktionen auf dem Krebs-Kongress in Wien waren aber positiv.

Unsicherheiten ergeben sich, wie bei allen Beobachtungsstudien, auch daraus, dass Faktoren, die in der Studie nicht berücksichtigt wurden, das Ergebnis erklären könnten. So ist etwa unklar, warum die Patienten Aspirin genommen haben. Denkbar wäre beispielsweise, dass Patienten mit entsprechenden Symptomen generell eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit haben.
Wer hat's bezahlt?
Das Projekt wurde vom Medical Centre der Universität Leiden finanziert.
Zur Autorin
  • Julia Merlot begeistert sich für Themen rund um Mensch und Tier. Die studierte Wissenschaftsjournalistin ist Redakteurin im Ressort Wissenschaft und Gesundheit von SPIEGEL ONLINE.

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insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
uboot84 29.09.2015
1. die Dinger heissen
doch Blutplättchen oder???
Actionscript 29.09.2015
2. Das war schon lange bekannt.
Auf einem großen Krebs Meeting in Los Angeles im Jahr 2000 wurde berichtet, daß Aspirin die Möglichkeit, Darmkrebs zu bekommen um 50% senkt. Warum wird das erst jetzt als was Neues dargestellt?
edinger 29.09.2015
3. ich bin dafür
dass man ASS dem trinkwasser zusetzt...
MünchenerKommentar 29.09.2015
4. Krebsarten unklar??
Wenn man sich das Video des zur Studie gehörenden Vortrags auf youtube ansieht, gibt es da für alle Krebsarten des Verdauungstrakts aufgeschlüsselt (angefangen mit der Speiseröhre bis zum Enddarm) einen sehr positiven, sehr signifikanten Effekt von rund 50% mehr Überlebenswahrscheinlichkeit in einem 5-Jahres-Zeitraum. Die Ausnahme ist Krebs in der Bauchspeicheldrüse, bei dem es vermutlich (im Rhamen der Statistik) nichts bringt. Es ist also nicht so, dass auf der Ebene der Krebsarten unklar wäre, wann es hilft, und wann nicht. Und außerdem geht es um Überlebensraten, was ja auch den Fall einschließt "Gestorben an Magenblutung wegen Aspirin", also können die Nebenwirkungen nicht so ernst sein.
THINK 29.09.2015
5.
Offenbar befassen sich mit Aspirin ganze Heerscharen von Marketing-Leuten, die alle paar Monate eine neue Verwendungsmöglichkeit finden. Allerdings habe ich bisher noch nicht gelesen, dass Aspirin gegen Warzen oder böse Schwiegermütter hilft.
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