Blutverdünner: Aspirin kann vor Krebstod schützen

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Aspirin: Was ist mit den Nebenwirkungen?

Aspirin als Allzweckwaffe: Die Hinweise häufen sich, dass Acetylsalicylsäure neben Herzerkrankungen auch vor einem Tod durch Krebs schützen kann. Einfach einnehmen sollte man die Tabletten dennoch nicht: Zu ungenau sind noch die Ergebnisse, zu groß die Nebenwirkungen.

Jeden Morgen einen Kaffee, die Zeitung und eine Aspirin: Bereits heute gehören Tabletten mit Acetylsalicylsäure - Aspirin ist nur einer von vielen Markennamen - für viele Menschen fest zum Alltag. Vor allem nach einem Schlaganfall oder Herzinfarkt schlucken viele die Tabletten, um ihre Gefäße vor einer erneuten Verstopfung zu schützen. Die weißen Pillen sorgen dafür, dass die Blutplättchen nicht verklumpen und verhindern so die Entstehung von Gerinnseln. Und auch bei Schmerzen, Fieber und gegen Entzündungen gilt Acetylsalicylsäure (kurz ASS) als Allzweckwaffe.

In letzter Zeit häufen sich zudem Hinweise auf eine weitere Anwendung: Täglich eingenommen scheint der Wirkstoff auch vor Krebs zu schützen. Bereits Anfang des Jahres hatte eine Studie im Fachmagazin "Lancet" für Euphorie in der Medizinwelt gesorgt. Bei der Analyse mehrerer Studien, die den Zusammenhang zwischen einer ASS-Einnahme und dem Risiko für Gefäßerkrankungen untersucht hatten, stellten die Forscher fest, dass die Tabletten offenbar das Risiko senken, an Krebs zu sterben.

Die Erkenntnis an sich war nicht neu, seit etwa 20 Jahren existieren Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen ASS und der Krebssterblichkeit - allerdings mit verschiedenen Ergebnissen. Was an der neuen Untersuchung vor allem überraschte, war die Stärke des Effekts: Im Beobachtungszeitraum von fünf Jahren reduzierte das Schlucken der Tabletten das Risiko, an Krebs zu sterben, um bis zu 37 Prozent. "Die Studie war gut gemacht, das Ergebnis großartig", sagt Bernhard Wörmann, der medizinische Leiter der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO).

Aktuelle Studie ernüchternder

Vor dem Hintergrund wirkt das Ergebnis einer jetzt im "Journal of the National Cancer Institute" veröffentlichten Studie eher ernüchternd. Forscher um Eric Jacobs von der American Cancer Society hatten die Daten von mehr als 100.000 Frauen und Männern ausgewertet, die an der amerikanischen Cancer Prevention Study II teilgenommen hatten. Die Teilnehmer - zu Beginn der Studie waren die meisten mehr als 60 Jahre alt - wurden über einen Zeitraum von elf Jahren begleitet. In der Zeit starben mehr als 5000 von ihnen an Krebs.

Bei der Analyse der Todesfälle zeigte sich, dass die Personen, die täglich ASS schluckten, ein um 16 Prozent geringeres Risiko hatten, an Krebs zu sterben als der Rest - der Effekt war deutlich geringer als bei der anderen Studie. Vor allem Krebsarten, die den Magen-Darm-Trakt betreffen, traten seltener auf. "Das Ergebnis ist toll, man kann nun sicher sagen, dass Aspirin die Sterblichkeit an Krebs und das Ausmaß der Krebserkrankungen reduziert", sagt Wörmann. "Im Vergleich zur ersten Studie holt es uns allerdings in die Realität zurück. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo dazwischen."

Eine Schwäche der zweiten Studie etwa ist, dass sie nicht darauf zugeschnitten war, den Zusammenhang von Krebs und ASS-Gebrauch zu untersuchen. Stattdessen analysierten die Forscher die Daten der Cancer Prevention Study II im Nachhinein und überprüften, wie sich die Einnahme der Tabletten auf das Krebsrisiko auswirkt. Allein der Grund, warum die Personen die Tabletten eingenommen hatten oder auch von einer Einnahme absahen, könnte neben dem ASS-Gebrauch Auswirkungen auf die Krebshäufigkeit gehabt und das Ergebnis beeinflusst haben. Auf der anderen Seite jedoch spricht vor allem die große Anzahl der Teilnehmer für die Ergebnisse der Studie.

Achtung vor Nebenwirkungen

Michael Thun von der American Cancer Society tritt aufgrund der Ergebnisse dafür ein, die medizinischen Richtlinien zu überarbeiten und ASS zum Schutz vor Krebs zu empfehlen, wenn der Nutzen die Risiken überwiegt. Genau an dieser Stelle sieht Wörmann bisher jedoch noch eine zu große Wissenslücke. "Diese und auch die Untersuchung davor waren nur allgemeine Bewertungen", so der Krebsspezialist. Man könne jetzt grundsätzlich sagen, dass das Medikament vor Krebs schützen könne. "Es fehlt allerdings noch das Wissen darüber, wem die Tabletten wirklich nutzen", sagt Wörmann. "20-Jährige etwa haben ein viel geringeres Krebsrisiko. Sollen sie auch die Tabletten schlucken?"

Erst wenn weitere Untersuchungen detailliert Auskunft darüber geben, wer in welchem Alter, mit welchem Geschlecht, welcher Dosierung und dem Risiko für welche Krebsart von Acetylsalicylsäure profitiert, will Wörmann die Tabletten Gesunden zum Schutz vor einem Krebstod empfehlen. Denn Acetylsalicylsäure hat Nebenwirkungen: So steigt mit der Einnahme des Gerinnungshemmers das Risiko für schwere Blutungen im Magen, Darm oder Gehirn an. "Vor allem weil das Risiko nach der Einnahme sofort besteht und der Nutzen erst viel später eintritt, sollten beide gut gegeneinander abgewogen werden", schreibt John Baron von der University of North Carolina School of Medicine in einem Editorial zur aktuellen Studie.

mit Material von Reuters

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1.
inci2 15.08.2012
Zitat von sysopAspirin als Allzweckwaffe: Die Hinweise häufen sich, dass Acetylsalicylsäure neben Herzerkrankungen auch vor einem Tod durch Krebs schützen kann. Einfach einnehmen sollte man die Tabletten dennoch nicht: Zu ungenau sind noch die Ergebnisse, zu groß die Nebenwirkungen. Aspirin reduziert Krebsrisiko und schützt vor Krebstod - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/0,1518,849698,00.html)
da aspirin u.a. entzündungshemmend wirkt, könnte das nicht ein zeichen dafür sein, daß herzerkrankungen (hier gibt es dazu schon erkenntnisse) und krebs durch entzündliche prozesse ausgelöst werden?
2. Nein
lindareicher 15.08.2012
Zitat von inci2da aspirin u.a. entzündungshemmend wirkt, könnte das nicht ein zeichen dafür sein, daß herzerkrankungen (hier gibt es dazu schon erkenntnisse) und krebs durch entzündliche prozesse ausgelöst werden?
Nein, dann würden andere COX-Inhibitoren wie z.B. Ibuprofen und Diclofenac die gleiche Wirkung erzielen.
3. ..."das Ergebnis großartig"
cochon 15.08.2012
Zitat von sysopAspirin als Allzweckwaffe: Die Hinweise häufen sich, dass Acetylsalicylsäure neben Herzerkrankungen auch vor einem Tod durch Krebs schützen kann. Einfach einnehmen sollte man die Tabletten dennoch nicht: Zu ungenau sind noch die Ergebnisse, zu groß die Nebenwirkungen. Aspirin reduziert Krebsrisiko und schützt vor Krebstod - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/0,1518,849698,00.html)
..meint er da den Scheck von Bayer?
4. Untersucht?
ruhepuls 15.08.2012
Ja, aber wurde die Wirkstoffe auch entsprechend untersucht. Man kann ja nur etwas finden, wenn man auch danach sucht. Auch Curcumin (gelber Farbstoffe der Gelbwurz) ist ein Cox2-Hemmer und auch da wurden krebshemmende Wirkungen nachgewiesen. Allerdings hat Curcumin nicht die Nebenwirkungen von Aspirin (wenn man es unter dem Aspekt der "Krebsvorbeugung" betrachtet).
5.
Clausibel 15.08.2012
Zitat von cochon..meint er da den Scheck von Bayer?
ASS ist seit Jahrzehnen als Generikum erhältlich, eine 100er Packung zur Blutverdünnung kostet gerade mal 2€. Dafür lässt niemand einen Scheck rüberwachsen.
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Zur Autorin
  • Iris Carstensen
    Irene Berres, studierte Wissenschaftsjournalistin, hat sich auf Themen rund um den Körper spezialisiert. Sie ist Redakteurin im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.