Weltweite Analyse Luftverschmutzung verursacht jährlich Millionen Asthma-Notfälle

In immer mehr Städten drohen Dieselfahrverbote, um die Anwohner vor Stickstoffdioxid zu schützen. Jetzt haben Forscher erstmals berechnet, zu wie vielen Asthma-Notfällen dieser und zwei weitere Stoffe führen.

Asthmatiker in den Notaufnahmen: Die Grafik zeigt den Anteil der Notfälle durch Ozon (blau = null Prozent, dunkelrot = zwölf Prozent)
Susan C. Anenberg/ GW Milken Institute School of Public Health

Asthmatiker in den Notaufnahmen: Die Grafik zeigt den Anteil der Notfälle durch Ozon (blau = null Prozent, dunkelrot = zwölf Prozent)


Mehrere Millionen Menschen müssen jährlich in die Notaufnahmen, weil verschmutzte Luft bei ihnen eine Asthmaattacke ausgelöst hat. Jetzt haben Forscher erstmals abgeschätzt, wie viele Menschen genau davon betroffen sind. Demnach führt das Einatmen von Ozon, Stickstoffdioxid und Feinstaub jährlich zu - je nach Berechnung - 9 bis 33 Millionen Asthma-Notfällen.

"Millionen Menschen kommen mit Asthma in die Notaufnahmen, weil sie dreckige Luft eingeatmet haben", sagt Studienleiterin Susan Anenberg von der Milken Institute School of Public Health. "Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass Maßnahmen für eine saubere Luft die weltweite Belastung durch Asthma reduzieren und wesentlich zur Gesundheit der Atemwege beitragen könnte."

Für ihre Studie, die jetzt im Fachmagazin "Envrionmental Health Perspective" veröffentlicht wurde, sammelten die Forscher Daten aus vier Bereichen, die sie anschließend miteinander kombinierten. Im Detail nutzten sie

  • Satellitendaten zur weltweiten Luftverschmutzung,
  • Zahlen zur Häufigkeit von Asthma in der Bevölkerung,
  • Zahlen zur Häufigkeit von Notaufnahmebesuchen sowie
  • Zahlen dazu, wie stark verschiedene Stoffe in der Luft das Asthmarisiko steigern.

Alle Informationen stammten aus dem Jahr 2015.

Gase reizen die Atemwege

Den Berechnungen zufolge ist allein Ozon jährlich für zwischen 9 und 23 Millionen Asthma-Attacken in den Notaufnahmen verantwortlich, das wären 8 bis 20 Prozent aller Asthma-Notfälle weltweit. Bei Ozon handelt es sich um eine bestimmte Form des Sauerstoffs, die unter anderem durch das Zusammenspiel von Abgasen und Sonnenlicht entsteht. Das Gas reizt die Atemwege.

Fünf bis zehn Millionen Asthma-Notfälle (etwa vier bis neun Prozent aller Asthma-Fälle) führten die Forscher auf Feinstaub zurück. Dabei berücksichtigen sie nur ultrafeine Partikel (PM 2,5), die aufgrund ihrer Größe bis in die kleinen Bronchien und Lungenbläschen vordringen können.

Als dritten Stoff analysierten die Forscher die Auswirkungen von Stickstoffdioxid, das aktuell aufgrund von Dieselfahrverboten in der Diskussion steht. Das Reizgas führte den Berechnungen zufolge 2015 zu 0,4 bis 0,5 Millionen Asthma-Notfällen - was 0,4 Prozent aller Betroffenen entspricht. Stickoxide entstehen, wenn Kohle, Öl, Gas oder Holz verbrannt werden. In Städten stammt ein Großteil aus dem Verkehr.

Zwischen 12 und 30 Prozent aller Asthma-Notfälle

Zusammengenommen ist verschmutzte Luft demnach für zwischen 12 und 30 Prozent aller Asthma-Notfälle verantwortlich. Die große Spannweite aller Zahlen lässt sich unter anderem damit erklären, dass den Forschern vor allem beim Ausmaß des Asthma-Risikos durch die Stoffe verschiedene Werte aus verschiedenen Studien vorlagen. Das berücksichtigten sie bei ihren Ergebnissen.

Wichtig ist außerdem, dass nicht die komplette Luftverschmutzung auf das Verhalten der Menschen zurückgeht und damit vermeidbar wäre. Feinstaub etwa entsteht auch in der Natur, er kann zum Beispiel in Form von Staub oder Seesalz in den Körper eindringen. Zur Ozonbelastung tragen unter anderem Gewitter mit ihren Blitzen bei.

Komplett auf den Menschen zurückzuführen sind den Berechnungen zufolge nur 37 Prozent der Asthma-Notfälle durch Ozon. Bei Feinstaub ist der Einfluss des Menschen - und damit die Zahl der vermeidbaren Fälle - mit 73 Prozent deutlich höher.

Stickstoffdioxid: zurückhaltende Schätzung

Die Zahl der Asthma-Fälle durch Stickstoffdioxid sei bei der Rechnung wahrscheinlich noch unterschätzt, schreiben die Forscher. Bei ihren Daten konnten sie nicht berücksichtigen, dass manche Menschen sehr nah an großen Straßen leben und dort einer etwa dreifach höheren Konzentration ausgesetzt sind als Menschen, die weniger als einen halben Kilometer entfernt ihr Zuhause haben.

Andererseits ist es auch wahrscheinlich, dass manche Betroffene sowohl in der Feinstaub- als auch in der Stickstoffkategorie auftauchen, weil eine Kombination aus beiden Faktoren die Erkrankung ausgelöst hat. Feinstaub und Stickoxide sind eng miteinander verknüpft: Stickstoffdioxid trägt zur Feinstaubbelastung bei, daneben entstehen die winzigen Feinstaubpartikel beim Verkehr aber auch durch den Abrieb von Reifen und Bremsbelägen.

Die aktuelle Untersuchung ermöglicht einen ersten Eindruck, wie stark sich die Luftverschmutzung auf die Asthma-Rate auswirkt. Allerdings baue sie noch auf vielen Schätzungen und Unsicherheiten auf, schreiben die Forscher. Sie fordern, die wissenschaftlichen Methoden und zugrunde liegenden Daten in zukünftigen Studien noch weiter zu entwickeln. Wichtig ist das auf jeden Fall: Rund 95 Prozent der Weltbevölkerung leben in Gegenden mit schmutziger Luft.

irb



insgesamt 74 Beiträge
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Sternwald 24.10.2018
1. Aha, dafür die Stickoxid Panik
Die meisten Notfälle wegen Ozon und Partikel, nur ein winziger Bruchteil wegen Stickoxiden. Partikel kommen zum großen Teil von der Landwirtschaft, z.B. War das dann all die Panik wegen Diesel wert? Das war eine ziemlich lange Sommer-Winter-Sommerloch-Geschichte, die die Aufregung nicht wert war. Endlich wissenschaftlich bewiesen.
quark2@mailinator.com 24.10.2018
2.
Toll so eine nahezu komplett rote Weltkarte ... die sich dann auf Prozente von etwas bezieht, das nicht angegeben ist. Natürlich wird schlechte Luft sich negativ auf Asthma-Patienten auswirken. Aber das ändert nichts daran, daß wir hier in DE weitestgehend ganz tolle Luft haben. Sogar in den meisten Großstädten. Das weiß auch jeder, der schon gelebt hat, als die Schornsteine der Häuser noch an Kohleöfen hingen. Von den Autos ohne Kat ganz zu schweigen. Man sollte meinen, wir wären damals alle gestorben, wie die Fliegen. Ich freue mich ja auch über die saubere Luft. Aber warum nun gleich wieder das Kind mit dem Bad ausschütten ?
skylarkin 24.10.2018
3.
Noch nie seit Beginn der Industrialisierung war die Luft in unseren Städten so sauber, auch wenn uns Grüne und Umwelthilfe mit ihrem hysterischen Alarmismus das Gegenteil weismachen wollen. Wer sich die Tabellen zu den wichtigsten Luftschadstoffen über die letzten 15-20 Jahre im einzelnen ansieht wird das erkennen. Noch viel drastischer ist unsere Luft im Vergleich zu den 50er bis 80er Jahre sauberer geworden, als es noch keine Katalysatoren gab, in vielen Städten noch Kohleöfen aktiv waren und die Industrie völlig ungefiltert arbeiten konnte. Das mag weltweit ein Problem sein, in deutschen Städten hingegen kaum bzw. ein schwindenes Problem. Bitte mal reinschauen: https://www.umweltbundesamt.de/themen/luft/daten-karten/entwicklung-der-luftqualitaet
muunoy 24.10.2018
4. Propaganda
Was soll diese unwissenschaftliche Propaganda? Sollen solche Artikel mich als Chemiker davon überzeugen, dass die Diesel-Diskussion nicht vollkommen irre ist? Sorry, ist sie. Eine Begründung würde etwas länger dauern und naturwissenschaftlichen Sachverstand voraussetzen. Und in dieser irren Republik arbeiten Staat und staatsnahe Medien inzwischen völlig faktenfrei. Dem größten Brüller haben heute wieder so witzige Richter geliefert. Die urteilen, dass es in Mainz Fahrverbote geben müsse, weil an einer Stelle, wo ein normaler PKW gar nicht hin kommt (Busbahnhof am HBf von Mainz), zu hohe Konzentrationen an nitrosen Gasen gemessen wurden. Da empfehle ich Oldenburg, wo die Grenzwerte massiv während eines Marathon-Laufs überschritten wurden, als gar keine Autos fahren durften. Und dann fühlen sich Richter auch noch beleidigt, wenn man an ihrer geistigen Zurechnungsfähigkeit zweifelt.
upalatus 24.10.2018
5.
Zitat von skylarkinNoch nie seit Beginn der Industrialisierung war die Luft in unseren Städten so sauber, auch wenn uns Grüne und Umwelthilfe mit ihrem hysterischen Alarmismus das Gegenteil weismachen wollen. Wer sich die Tabellen zu den wichtigsten Luftschadstoffen über die letzten 15-20 Jahre im einzelnen ansieht wird das erkennen. Noch viel drastischer ist unsere Luft im Vergleich zu den 50er bis 80er Jahre sauberer geworden, als es noch keine Katalysatoren gab, in vielen Städten noch Kohleöfen aktiv waren und die Industrie völlig ungefiltert arbeiten konnte. Das mag weltweit ein Problem sein, in deutschen Städten hingegen kaum bzw. ein schwindenes Problem. Bitte mal reinschauen: https://www.umweltbundesamt.de/themen/luft/daten-karten/entwicklung-der-luftqualitaet
Sie haben recht, ich kenn den Kohlebrandgeruch in Kleinstädten und die Abgase der Autos damals auch noch. Hysterie ist sicher nicht gerechtfertigt. Aber wars nicht auch eine Art Hysterie, die zu dem heutigen besseren Zustand geführt hat, nicht nur was Luftverunreinigung betrifft? Und warum sollte man den im Vergleich besseren Zustand nicht weiter verbessern? Wenn man sich die Autoabgasthematik betrachtet, gehts ja auch um Verbesserungen/Optimierungen/Varianten der Mobilität an sich, parallele Entwicklung modernerer Arbeitsplatzmodelle, weniger Flächenverbrauch und weniger Lärm besonders im urbanen Raum. Um was in Gang zu bringen, brauchts leider bei den meisten Themen immer ein wenig Übertreibung, um eine allgemeine Zufriedenheit mit ideal empfundenen Istzuständen ins Wanken zu bringen.
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