Die 26-Jährige Frau fühlt sich normalerweise gesund. Zum Jahreszeitenwechsel zwischen Winter- und Sommermonsun allerdings hat die Inderin aus dem nördlichen Bundesstaat Uttar Pradesh regelmäßig Beschwerden wie ein Allergiker: Ihre Nase ist verstopft, sie bekommt nur noch schlecht Luft, der Brustkorb ist eingezwängt. Außerdem muss sie ständig niesen.
Die Mutter der jungen Inderin ist Asthmatikerin. Vielleicht leidet ja auch die Tochter unter der Lungenkrankheit, bei der sich die Patienten mit dem Atmen schwertun? Ram Avadh Singh Kushwaha und seine Kollegen von der King George's Medical University in der Hauptstadt Lucknow berichten im Fachmagazin "BMJ Case Reports" vom Besuch der jungen Frau in ihrer Abteilung für Lungenkrankheiten, bei dem sie nach der Ursache der regelmäßig wiederkehrenden Beschwerden fahnden.
Doch die Anamnese der Patientin gibt für die Mediziner nicht viel her: Über die Symptome hinaus ist nichts Auffälliges bekannt. Bei der körperlichen Untersuchung fällt den Ärzten auf, dass der Puls der Patientin etwas schnell ist, das Herz schlägt 114-mal in der Minute - 60 bis 100 Schläge gelten als normal. Zudem atmet die junge Frau auffallend schnell, sie nimmt 19 Atemzüge pro Minute, ein ruhender Erwachsener sollte mit 15 auskommen.
Unter genauer Beobachtung sehen die Ärzte, dass die rechte Körperhälfte sich bei der Atmung nicht so mitbewegt wie die linke. Sie klopfen die Lunge ab, um eventuelle Abweichungen vom erwarteten sonoren - laut und tief - Klopfschall der gesunden Lunge erkennen zu können. Tatsächlich klingt der Klopfschall auf der rechten Brustkorbseite dumpf. Beim Abhören mit dem Stethoskop sind die Atemgeräusche auf der rechten Seite zwar zu hören, aber leiser als auf der linken. Auf der linken Seite stört dagegen ein Rasseln das normalerweise klare Atemgeräusch.
Mit der rechten Lunge stimmt etwas nicht
Die Ärzte lassen den Brustkorb der Patientin röntgen. Im Bild sehen sie einen weißen Schatten auf der rechten Seite, nur ein winziger Teil der rechten Brustkorbhälfte scheint mit Luft in der Lunge gefüllt zu sein. Dass etwas mit der rechten Lunge nicht stimmt, ist spätestens jetzt klar. Noch etwas fällt auf der Aufnahme sofort auf: Das Herz sitzt nicht am richtigen Fleck, sondern offensichtlich in der rechten Körperhälfte. Als Nächstes wird die Patientin in den Computertomografen (CT) geschoben.
Die CT-Aufnahmen enthüllen eine kleine Sensation: Die 26-jährige Frau hat keinen rechten Lungenflügel. Auf den Bildern erkennen die Ärzte nicht nur, dass die rechte Lunge fehlt, sie sehen auch, wie die überblähte linke Lunge das Herz in die rechte Brustkorbhälfte verdrängt. Das auf dem Röntgenbild sichtbare luftgefüllte Lungenstück gehört ebenfalls zur linken Lunge, die sich bis in die rechte Körperhälfte ausgedehnt hat.
Bei einer Bronchoskopie können die Mediziner auch in der Luftröhre die Fehlbildung nachvollziehen: Auf Höhe des vierten Brustwirbels, dort wo sich die Luftröhre normalerweise in einen linken und einen rechten Hauptbronchus teilt, ist - nichts. Erst weiter unten zweigen die Bronchien für die beiden Lappen der linken Lunge ab.
Die fehlende Anlage eines Lungenflügels, Lungenagenesie genannt, ist extrem selten. Störungen bei der Entwicklung in den ersten Wochen der Schwangerschaft sind die Ursache. Ob die Auslöser genetisch oder äußere Einflüsse wie Vergiftungen oder Infektionen entscheidend waren, lässt sich später im Leben nicht feststellen. Die Hälfte der betroffenen Kinder wird tot geboren oder stirbt kurz nach der Geburt. Häufiger fehlt der linke Lungenflügel, das Fehlen des rechten ist schwerwiegender, da die Gefäße durch eine größere Verdrängung im Brustkorb stärker in Mitleidenschaft gezogen werden. Bei vielen Patienten ist aber nicht nur die Lunge fehlgebildet, es kommen noch andere Entwicklungsstörungen hinzu. Die meisten Betroffenen leiden unter Beschwerden wie regelmäßigen Infektionen. Dass eine Patientin, offensichtlich ohne größere Schwierigkeiten, 26 Jahre alt wird, bevor die Diagnose gestellt wird, ist die große Ausnahme, nicht die Regel.
Durch weitere Atemtests finden die indischen Ärzte heraus, dass die junge Frau tatsächlich an Asthma leidet. Mit Hilfe von Medikamenten, die die Bronchien weiten, behandeln sie die Beschwerden. Einen Monat später geht es der Patientin gut, einen Teil ihrer Medikamente kann sie bereits absetzen.
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