Ein rätselhafter Patient Gefährlicher Goldrausch

Ein 59-jähriger US-Amerikaner kommt zitternd und mit akuten Atemproblemen ins Krankenhaus. Die Spurensuche führt zu Fernsehdokus, Internetvideos - und waghalsigen Experimenten des Patienten.

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Noch aus früheren Thermometern bekannt: Das giftige Schwermetall Quecksilber
Corbis

Noch aus früheren Thermometern bekannt: Das giftige Schwermetall Quecksilber


Der 59-Jährige ist kurzatmig, fühlt sich schwach, immer wieder zittert er unkontrolliert. Mit diesen Beschwerden hat er ärztliche Hilfe gesucht und wird in einem nicht näher benannten lokalen Krankenhaus im US-Bundesstaat Iowa behandelt. Während der Mann in der Klinik ist, verschlechtert sich sein Zustand weiter, seine Atmung versagt. Die Ärzte intubieren ihn, damit er künstlich beatmet werden kann. Er wird auf die Intensivstation verlegt.

Hätte der Mann die Beschwerden etwa infolge einer schweren Lungenentzündung bekommen, wäre der Fall wohl nicht im Wochenreport der US-amerikanischen Seuchenschutzbehörde CDC gelandet. Die Ursache für die gefährlichen Symptome war jedoch eher ungewöhnlich, weshalb die CDC kürzlich darüber berichtet hat. Die Diagnose lautete: Atemversagen und chemische Lungenentzündung.

Im Goldrausch

Der Alleinstehende hatte bei sich zu Hause verschiedene Techniken ausprobiert, mit denen er wertvolle Metalle aus Elektronikabfällen gewinnen wollte. Am Tag, an dem seine Symptome einsetzten, hatte er eine neue Methode getestet, die er in einer Fernsehdokumentation gesehen hatte: Er wollte mithilfe von Quecksilber Gold aus Computerbauteilen extrahieren. Tatsächlich wird Quecksilber etwa in Peru beim illegalen Schürfen genutzt, um das Edelmetall aus zerkleinertem Erz auszuwaschen. Der Einsatz des giftigen Quecksilbers ist dabei nicht nur für die Umwelt verheerend, sondern auch für Menschen.

Zu dieser Erkenntnis musste auch der Schatzsucher in Iowa kommen. Wie die CDC beschreibt, hatte er elementares Quecksilber über einen Onlineversand bezogen. Das Extrahieren des Goldes mithilfe des giftigen Schwermetalls führte er kurzerhand in einer Pfanne auf seinem Herd durch. Immerhin: Er trug eine Atemschutzmaske. Aber die war offensichtlich nicht ausreichend.

Etwa fünf Minuten im Quecksilberdampf reichten aus, um ein starkes Kratzen im Hals zu verursachen. Das veranlasste ihn, die Filterkartusche in der Maske auszutauschen - und weiter zu köcheln. Weitere fünf Minuten später verspürte der Mann die bereits beschriebene Kurzatmigkeit und begann zu zittern.

Laut CDC-Bericht wurde im lokalen Krankenhaus am siebten Tag nach der Einweisung des Mannes bestimmt, welche Mengen an Arsen, Blei, Quecksilber und weitere Schwermetalle er im Blut hatte. Der Quecksilberwert lag bei 86 Mikrogramm pro Liter (µg/L). Nach Angaben des Umweltbundesamts ist ein Quecksilberwert von bis zu 5 µg/L unbedenklich, bereits bei einem Wert zwischen 5 und 15 µg/L sei eine gesundheitliche Beeinträchtigung "nicht ausreichend sicher ausgeschlossen". Bei mehr als 15 µg/L müsse man sofort etwas ändern, um die Belastung zu verringern.

Auf eine spezifische Therapie gegen die Quecksilbervergiftung verzichteten die Ärzte, dies ist durchaus mit sogenannten Komplexbildnern möglich. Diese Substanzen gehen Verbindungen mit dem Schwermetall ein, woraufhin es schneller aus dem Körper ausgeschieden wird. Warum diese nicht durchgeführt wurde, wird im Fallbericht der CDC nicht erklärt.

Der unglückliche Goldschürfer verbrachte insgesamt vier Wochen im Krankenhaus, bevor er in eine andere Einrichtung überwiesen wurde. Zu diesem Zeitpunkt war er weiterhin auf eine zusätzliche Sauerstoffzufuhr angewiesen, weil sich seine Lunge noch nicht erholt hatte.

Alle Chemikalien entsorgt

Als die Information über die Quecksilbervergiftung schließlich die Gesundheitsbehörde von Iowa erreichte, leitete diese eine Untersuchung ein. In einem Gespräch mit Behördenmitarbeitern beschrieb der Mann, was er alles ausprobiert hatte und dass er seine Familie gebeten hatte, die Küche aufzuräumen und zu reinigen. Die Behörde überprüfte, wie stark das Haus des Mannes noch mit Quecksilber belastet war, alle kontaminierten Gegenstände, ebenso wie alle entdeckten Chemikalien, wurden fachgerecht entsorgt. Der Mann hatte in seinen Schmelzexperimenten unter anderem Salz-, Schwefel- und Salpetersäure sowie Wasserstoffperoxid eingesetzt.

Die Autoren des CDC-Berichts sichteten einen zufälligen Satz von 30 Internetvideos, in denen Schmelzprozesse vorgeführt werden. Nur fünf davon hätten auf verborgene Gefahren hingewiesen oder dazu angeregt, die Arbeit im Freien zu verrichten beziehungsweise Schutzkleidung und Atemmasken zu tragen.

Zur Autorin
  • Nina Weber ist Biochemikerin und Krimiautorin mit einem Faible für kuriose Studien. Sie ist Redakteurin im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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stereotyp72 09.01.2016
1.
Gold ist in DE steuerfrei und 1 Gramm kostet derzeit etwa 33 EUR. Die Börsen bieten es als Xetra-Gold oder Euwax-Gold an, da kann man sich sogar aussuchen, ob es geliefert oder verwahrt werden soll. Alchemistische Experimente sind also völlig sinnlos.
yournamehere 09.01.2016
2. verbotene Gefahren?
Ich denke, es sollte "verborgene Gefahren" heissen... Vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. Die Redaktion.
butzibart13 09.01.2016
3. biologische Variante
Man versucht auch das Gold auf biologischem Wege zu isolieren mit Hilfe des sehr leichten tropischen Balsa-Holzes herauszulösen, so wie es angeblich in Kolumbien seit langer Zeit praktiziert wird. Wie gefährlich Quecksilber ist zeigt auch der Todesfall der Chemikerin Karen Wetterhahn, die 1997 elendiglich an einer Vergiftung mit der Horrorsubstanz Dimethylquecksilber gestorben ist.
brucewillisdoesit 09.01.2016
4. die arme Umwelt
"Der Einsatz des giftigen Quecksilbers ist dabei nicht nur für die Umwelt verheerend, sondern auch für Menschen." Und wo kommt das ganze Quecksilber, welches der Mensch verwendet wohl ursprünglich her ? ... Könnte das eventuell eben genau jene Umwelt sein, so daß die Menge an weltweitem Hg in der Umwelt vollkommen kostant ist ? Ok, es kommt i.A. dort nicht elementar vor, nur ist elementares Quecksilber auch nicht per se toxisch, sondern vor allem dann wenn es eingeatmet und über die Lunge in die Blutbahn gelangt. Dort wird es methyliert, ist in dieser Form liquor gängig und gelangt somit ins Gehirn was man in der Tat besser vermeiden sollte. Natürlich ist Quecksilber potentiell bedenklich, man sollte es wenn möglich seinem Organismus besser nicht zuführen (siehe Minamata) und wer künstlich den Dampfdruck durch Erwärmen in der Pfanne ohne Abzug in geschlossenen Räumen erhöht ist sowieso reif für den Darwin award, aber wie gesagt alles Hg, welches der Menschheit zur Verfügung steht kommt initial aus der Umwelt. Also hier von "verheerend für die Umwelt" zu reden ist schon etwas merkwürdig bis tendentiös, denn genau da kommt das Zeug ursprünglich her (ähnlich wie ein großteil aller radioaktiven Substanzen). Für die Umwelt ist Hg somit ganz sicher nicht bedenklich oder gar verheerend, sondern nur für einige der darin enthaltenen Organismen, und das auch nur dann, wenn gewisse Konzentrationen überschritten werden. Das eine wissenschaftlich vorgebildete Person ferner den Laienbegriff "giftig" anstatt toxisch verwendet (insbesondere weil beide Begriffe auch nicht synonym sind) ist ebenfalls recht befremdlich.
noalk 09.01.2016
5. Ich bin etwas verwirrt
Zitat von brucewillisdoesit"Der Einsatz des giftigen Quecksilbers ist dabei nicht nur für die Umwelt verheerend, sondern auch für Menschen." Und wo kommt das ganze Quecksilber, welches der Mensch verwendet wohl ursprünglich her ? ... Könnte das eventuell eben genau jene Umwelt sein, so daß die Menge an weltweitem Hg in der Umwelt vollkommen kostant ist ? Ok, es kommt i.A. dort nicht elementar vor, nur ist elementares Quecksilber auch nicht per se toxisch, sondern vor allem dann wenn es eingeatmet und über die Lunge in die Blutbahn gelangt. Dort wird es methyliert, ist in dieser Form liquor gängig und gelangt somit ins Gehirn was man in der Tat besser vermeiden sollte. Natürlich ist Quecksilber potentiell bedenklich, man sollte es wenn möglich seinem Organismus besser nicht zuführen (siehe Minamata) und wer künstlich den Dampfdruck durch Erwärmen in der Pfanne ohne Abzug in geschlossenen Räumen erhöht ist sowieso reif für den Darwin award, aber wie gesagt alles Hg, welches der Menschheit zur Verfügung steht kommt initial aus der Umwelt. Also hier von "verheerend für die Umwelt" zu reden ist schon etwas merkwürdig bis tendentiös, denn genau da kommt das Zeug ursprünglich her (ähnlich wie ein großteil aller radioaktiven Substanzen). Für die Umwelt ist Hg somit ganz sicher nicht bedenklich oder gar verheerend, sondern nur für einige der darin enthaltenen Organismen, und das auch nur dann, wenn gewisse Konzentrationen überschritten werden. Das eine wissenschaftlich vorgebildete Person ferner den Laienbegriff "giftig" anstatt toxisch verwendet (insbesondere weil beide Begriffe auch nicht synonym sind) ist ebenfalls recht befremdlich.
Meines Wissens kommt das Quecksilber nicht einfach so "aus der Umwelt", sondern aus Minen z.B. in China oder Russland. Auch gibt es sehr wohl Lagerstätten, wenn auch nicht viele, wo man es in elementarer Form - also gediegen - findet. Der meiste Quecksilbereintrag in die Umwelt findet bei der Kohleverbrennung und der illegalen Goldscheidung statt. Warum "giftig" und "toxisch" keine Synonyme sind, mögen Sie mir bitte mal darlegen.
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