Ein rätselhafter Patient Atemlos

Eine 45-jährige Frau mit starkem Übergewicht ringt plötzlich nach Atem und wird bewusstlos. Gibt es einen Zusammenhang mit einem Eingriff, den sie zwei Tage zuvor scheinbar gut überstanden hat?

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Eine 45-Jährige wird kurzatmig und mit hohem Puls auf die Intensivstation eines Krankenhauses im britischen Birmingham eingeliefert. Die stark übergewichtige Frau wirkt benommen und gleichzeitig fahrig.

Zwei Tage zuvor waren ihr unter Vollnarkose mehr als zehn Liter Fett aus den Beinen abgesaugt worden. Alles schien gut verlaufen zu sein. Die Frau war planmäßig aus der Narkose aufgewacht, es ging ihr gut, beschreiben der Arzt Adam Ali vom britischen Sandwell and West Birmingham Hospital und Kollegen ihren Fall im Fachmagazin "BMJ Case Reports".

Am zweiten Tag nach der Operation aber bekommt die Patientin plötzlich schlecht Luft, sie wird direkt auf die Intensivstation verlegt. Eine eingehende Untersuchung ist zunächst wenig auffällig: Die Herzgeräusche sind normal, die Pupillenreflexe ebenso, und die Wunden von der Operation an den Beinen scheinen gut zu verheilen.

Die Röntgenaufnahme der Lunge allerdings zeigt, dass beide Lungenflügel nicht ausreichend belüftet sind. Vermutlich hat sich Wasser angestaut. Außerdem ist auffällig: Die Patientin hat an beiden Oberarmen der Haut leichte, stecknadelkopfgroße Blutungen, in der Fachsprache Petechien.

Normalerweise erscheinen die luftgefüllten Lungenflügel dunkel auf einem Röntgenbild. Auf diesem Bild der Patientin erscheinen sie hell, vermutlich hat sich Wasser angestaut
BMJ

Normalerweise erscheinen die luftgefüllten Lungenflügel dunkel auf einem Röntgenbild. Auf diesem Bild der Patientin erscheinen sie hell, vermutlich hat sich Wasser angestaut

Wenn ein Patient nach einer Operation, auch wenn es nur ein relativ kleiner Eingriff wie das Absaugen von Fett ist, plötzlich Atemnot bekommt, kann das eine Reihe möglicher Ursachen haben: Ein sogenannter Pneumothorax kann der Grund sein, bei dem sich Luft zwischen dem inneren und äußeren Lungenfell ansammelt. Dadurch kann sich die Lunge nicht ausdehnen, was mitunter lebensbedrohliche Atemnot zur Folge hat. Oft wird ein Pneumothorax durch eine mechanische Verletzung ausgelöst, die auch während Operationen entstehen kann. Außerdem müssen die Ärzte Herzversagen in Erwägung ziehen, ebenso Komplikationen durch die Narkose oder eine Verlegung der Atemwege. Im Falle der 45-jährigen Patientin jedoch können die Mediziner all diese Ursachen ausschließen.

Bewusstlos und beatmet

Schon kurz nach dem Eintreffen auf der Intensivstation verschlechtert sich ihr Zustand weiter dramatisch: Der Blutdruck und der Puls sacken ab, innerhalb von Minuten wird sie immer schläfriger und reagiert nicht mehr auf Ansprache. Die Ärzte verabreichen ihr Atropin, eine hochwirksame Notfallsubstanz, die das Herz kurzfristig in eine Art Alarmzustand versetzt. Der Puls steigt wieder, die Ärzte intubieren und beatmen die mittlerweile bewusstlose Patientin, um ihren Kreislauf mit ausreichend Sauerstoff zu versorgen.

Die Mediziner machen umfassende weitere Untersuchungen, sie suchen nach Erregern im Blut und im Urin, weil die Frau bewusstlos ist, lassen sie auch eine Computertomographie-Aufnahme des Gehirns anfertigen. Dabei finden sie keine Auffälligkeiten.

Trotzdem bringt die Kombination der bisherigen Befunde die Ärzte auf die Spur einer seltenen Erkrankung: das sogenannte Fettemboliesyndrom, kurz FES (Fat Embolism Syndrome). Die sehr seltene, lebensgefährliche Komplikation kann nach operativen Eingriffen - wie etwa dem Einsetzen einer Hüftprothese oder eben auch dem Fettabsaugen - auftreten und tödlich enden. Die Patientin weist alle typischen Symptome auf: Sauerstoffmangel, Flüssigkeitsansammlung in den Lungen, Blutungen in den Oberarmen, Bewusstseinsverlust.

Bei einem FES gelangen Fetttröpfchen in die Blutbahn. Was genau sie im Gefäßsystem anrichten, ist noch nicht abschließend geklärt. Vermutet wird, dass sie zum einen Gefäße - etwa in den Lungen, in der Haut und im Gehirn - direkt blockieren. Zum anderen aktivieren sie das Gerinnungssystem des Blutes übermäßig, was zu einem enormen Verbrauch der sogenannten Gerinnungsfaktoren führt. Die Folge: Die Blutungsgefahr steigt, mehrere Organe gleichzeitig können versagen.

Die Therapie beschränkt sich darauf, den Kreislauf über längere Zeit so gut wie möglich zu unterstützen. Das geschieht auch im Falle der 45-jährigen Patientin: Sie muss acht Tage beatmet und auf der Intensivstation ständig überwacht werden. Dann bessert sich ihr Zustand deutlich, 14 Tage nach dem Auftreten des FES kann sie entlassen werden. Bei einer Nachuntersuchung zwei Monate später hat sich die Patientin den Ärzten zufolge gut erholt.

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