Gedankenschmiede

Autismus Wie Owen dank Filmen seine Sprache wiederfand

Von Johann Grolle, Boston

Owen Suskind: Filme für einen Zugang zur realen Welt

Owen Suskind: Filme für einen Zugang zur realen Welt


"Unser Kind verschwand", sagt Pulitzer-Preisträger Ron Suskind. Noch immer, gut 20 Jahre nachdem sein Sohn Owen autistisch wurde, ringt er um Fassung: Wie nur hat ein seelisches Leiden ihm sein Kind rauben können? Dass Disney-Filme die einzige Hoffnung darstellten?

Wie jeden Mittwoch hat sich eine Schar von Elite-Forschern aus dem MIT und der Harvard University im Hörsaal des McGovern Institute in Cambridge (US-Staat Massachusetts) versammelt, um einem Vortrag über Autismus zu lauschen. Wie kaum ein anderes Syndrom fasziniert dieses Leiden Psychiater und Neurobiologen, denn eine der erstaunlichsten Eigenheiten des Menschen ist davon betroffen: seine soziale Kontaktfähigkeit. Zusätzlich regt die epidemische Ausbreitung des Autismus das Forscher-Interesse. Die Häufigkeit des Syndroms nimmt, aus noch ungeklärten Gründen, in den USA rasant zu. (Mehr zu Autismus lesen Sie hier im aktuellen SPIEGEL).

Weil so enorm viel über Autismus geforscht wird, und weil kaum mehr einer den Überblick über die Flut der Veröffentlichungen zu behalten vermag, wurden die wöchentlichen Vorträge am MIT eingeführt. Für gewöhnlich ist dabei von Neuronen-Netzwerken und Gen-Mutationen die Rede, von Hirnentwicklung, EEG-Signalen und neuen Methoden der Frühdiagnose. Diesmal jedoch hatten die Wissenschaftler keinen Kollegen, sondern einen Vater zu Gast.

In den USA ist Ron Suskind als politischer Journalist bekannt, er hat Bestseller über Washingtons Machtelite, Terrorismus und Amerikas Rolle in der Welt geschrieben. In seinem jüngsten Buch "Life Animated" aber, das er bei seinem Vortrag in Cambridge vorstellte, tritt er in einer gänzlich anderen Rolle auf: als ein Vater, der verzweifelt darum ringt, Zugang in die verschlossene Welt seines Sohnes zu bekommen.

Nur eine Bemerkung, dann verstummte er wieder

Im Jahr 1994 hörte der damals zweieinhalbjährige Owen plötzlich auf zu sprechen. Rasant schmolz sein Wortschatz dahin, bis ihm nur noch ein Wort geblieben war, das er unermüdlich wiederholte: "Juice".

Vergeblich versuchten die Eltern, Kontakt zu Owen aufzubauen. Der Junge blieb unerreichbar. Nur ein Interesse schien es für ihn noch zu geben: Disney-Filme. Stundenlang hockte der Junge in seinem Zimmer und spulte, wieder und wieder, "Das Dschungelbuch", "Aladdin" und "Die kleine Meerjungfrau" vor und zurück. Durch nichts ließ er dabei erkennen, ob er den Sinn dieser Filme erfasste.

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Wie erschüttert aber waren die Eltern, als der inzwischen sechsjährige Owen nach knapp vier Jahren "juice" unvermittelt sein Schweigen brach. Walter, Owens großer Bruder, war am Abend seines neunten Geburtstags plötzlich wehmütig geworden, er hatte zu weinen begonnen. Da sagte Owen: "Walter will nicht groß werden. Wie Mogli oder Peter Pan." Nur diese Bemerkung, dann verstummte er wieder.

Was nun? Immer wieder hatte Suskind seinen Journalistenschülern gepredigt, dass es einen Zugang zu jedem Gesprächspartner gebe. Man müsse ihn nur finden. Nun stellte ihn der eigene Sohn auf die Probe.

Disney-Filme als einziger Zugang

Auf Zehenspitzen schlich der Vater damals in Owens Zimmer und stülpte sich die Handpuppe des Papageis Jago (eine Figur aus "Aladdin") über die Finger. Behutsam begann er ein Rollenspiel. Und Owen ließ sich darauf ein.

Es dauerte nicht lange, bis sich die Familie im Keller zu regelmäßigen Sitzungen traf, um Disney-Dialoge zu rekapitulieren. Und niemand konnte dies besser als Owen. Für die Familie begann eine Zeit, in der Vater, Mutter und Bruder langsam, Schritt um Schritt, einen Weg ins Reich des Autismus fanden.

"Life, Animated" erzählt die Geschichte, wie Owen dank Disney seine Sprache wiederfand; wie er begann, Rafiki, Balu und all die anderen Disney-Charaktere zu zeichnen; ja wie er sogar das Lesen lernte, indem er wieder und wieder die Abspänne von Disney-Filmen studierte. Zugleich aber beschreibt das Buch zwei Eltern auf der rastlosen Suche nach einem Platz, den ihr disneyvernarrter Sohn im Leben einnehmen könnte.

Denn auch nach der wundersamen Wiedergeburt seiner Sprache blieb Owen ein schwieriges Kind. Wohl glaubten Vater und Mutter in der Imitation aller Disney-Stimmen, im Memorieren sämtlicher Dialoge und im zeichnerischen Können Spezialtalente ihres Sohnes zu erkennen. Der IQ-Test jedoch wies Owen dennoch als geistig behindert aus. Vier Schulen besuchte er, und keine schien geeignet für ihn.

Wehrlos dem Mobbing ausgesetzt

Voller Groll berichtet Ron Suskind seinem Publikum im McGovern Institute von der schlimmsten Lektion, welche die Schule des Lebens für seinen Sohn bereithielt: Seine Eltern liebten ihn nicht, verkündete ihm William, ein Mitschüler. Eines Tages würden sie ihn allein zurücklassen. Aber wehe, so fügte William drohend hinzu, Owen rede mit irgendwem darüber: "Dann brenne ich dein Elternhaus ab."

Owen, unfähig die Drohungen des anderen einzuordnen, kapselte sich ab. Monatelang vermochte ihn selbst Disney nicht mehr aus seiner Verstocktheit zu locken. Wie viele Autisten war er weitgehend wehrlos dem Mobbing ausgesetzt.

Wird Owen jemals ohne den Schutz seiner Eltern solchen Widrigkeiten trotzen können? Geradezu rührend mutet der Eifer des Vaters an, mit dem er, allen Zweifeln und Hindernissen zum Trotz, für seinen sonderbaren Sohn eine Wunschkarriere als Drehbuchautor in Hollywood entwirft.

Denn Owen sieht und rezitiert nicht nur Disney-Filme, er hat im Geiste bereits seinen eigenen konzipiert. Sein Vater nutzte seinen Pulitzerpreis als Türöffner, um seinem Sohn eine Art Vorstellungsgespräch mit Don Hahn in den Universal Studios zu verschaffen. Eine Stunde lang fachsimpelten Produzent und Autist über den "König der Löwen" und "Die Schöne und das Biest". Am Ende ahnte der Vater trotzdem, dass eine Hollywood-Zukunft seines Sohnes Owen wohl ein Traum bleiben wird.

Ergriffen verlassen die Hirnforscher nach Suskinds Vortrag den Saal. Sie machen sich wieder daran, in ihren Labors zu erforschen, was wohl in Gehirnen von Menschen wie Owen Suskind vor sich gehen mag.



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18 Leserkommentare
Rosenblüte 29.08.2014
hotgorn 29.08.2014
PriseSalz 29.08.2014
alasiaperle 29.08.2014
marlon.werkhausen 29.08.2014
PriseSalz 30.08.2014
boeseHelene 30.08.2014
jb283 30.08.2014
RudolfErnenputsch 30.08.2014
slanesh 30.08.2014
vonwoderwestwindweht 30.08.2014
asperix 30.08.2014
PriseSalz 30.08.2014
Dario_AS 30.08.2014
hartmut_s 30.08.2014
asperix 30.08.2014
PriseSalz 31.08.2014
lilochilo 31.08.2014

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