Avastin Mittel gegen Brustkrebs floppt bei Studienanalyse

Die Idee klingt einfach und gut: Das Brustkrebsmedikament Avastin soll den Tumor verhungern lassen. Doch eine große Studienanalyse zeigt, dass der Wirkstoff das Leben der Patientinnen nicht verlängern kann. In Deutschland und Europa ist das Mittel dennoch im Einsatz.

Bösartiger Knoten in der Brust (Illustration): Manche Medikamente können das Wachstum von Tumoren verlangsamen
Corbis

Bösartiger Knoten in der Brust (Illustration): Manche Medikamente können das Wachstum von Tumoren verlangsamen


Es ist der größte Blockbuster des Schweizer Pharmaherstellers Roche: Avastin (Wirkstoffname Bevacizumab) ist in Europa für die Behandlung von verschiedenen Krebsarten im fortgeschrittenen Stadium zugelassen. 3000 bis 6000 Euro im Monat kostet das Medikament - je nach Krebsart. 2009 machte der Pharmariese mehr als vier Milliarden Euro Umsatz damit.

Doch in der letzten Zeit hat sich Avastin immer mehr zum Sorgenkind von Roche entwickelt. Zuletzt entzog die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA (Food and Drug Administration) dem Medikament die Zulassung zur Behandlung von Brustkrebs. Auch als Mittel gegen Prostatakrebs hatte der Wirkstoff die Studienziele verfehlt.

Jetzt bestätigt eine Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration die Entscheidung der FDA: Zwar könne das Krebsmittel bei Frauen mit metastasierendem Brustkrebs das Fortschreiten der Erkrankung leicht verzögern. Auf das Gesamtüberleben - also den Zeitraum zwischen Therapiebeginn und dem Tod der Patientin - hat der Wirkstoff allerdings keinen Einfluss.

Nutzen überwiegt Nebenwirkungen nicht

Zu dem gleichen Schluss war die US-Gesundheitsbehörde gekommen. Im November 2011 begründete sie den Entzug der Zulassung damit, dass der Nutzen des Medikaments gegenüber dem Schaden durch Nebenwirkungen nicht überwiegt. Zu den Nebenwirkungen gehören unter anderem Bluthochdruck sowie Erschöpfung, Müdigkeit und Durchfall. In seltenen Fällen können aber auch gefährliche Blutungen auftreten.

Bei der aktuellen Studie der Cochrane-Autoren um Anna Dorothea Wagner von der Universität Lausanne handelt es sich um eine Metaanalyse, also eine Arbeit, in der die bisherige Studienlage analysiert wird. Die Forscher werteten dafür sieben Studien mit insgesamt 4032 Patientinnen mit fortgeschrittenem Brustkrebs aus. Diese hatten entweder eine Chemotherapie oder zusätzlich Avastin erhalten.

Doch die Wirkung des Medikaments ist weiterhin umstritten - die europäische Zulassungsbehörde EMA ist bisher anderer Auffassung und hält den Nutzen für ausreichend. Avastin ist deshalb hierzulande in Kombination mit gängigen Chemotherapeutika zugelassen.

Bei dem Medikament handelt es sich um einen Antikörper. Dieser verlangsamt das Wachstum eines Tumors, indem er die Angiogenese, also die Neubildung von Blutgefäßen hemmt. Ab einer bestimmten Größe können die Krebszellen durch umliegendes Gewebe nicht mehr versorgt werden. Der Tumor gibt dann Botenstoffe ab, um die Blutgefäße zum Wachstum anzuregen und so mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt zu werden.

cib

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insgesamt 17 Beiträge
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wortmannin 11.07.2012
1. Nix Neues!
Viele der hochgelobten neuen zielgerichteten Krebsmedikamente erweisen sich bei näherer Betrachtung als ziemlich wirkungslos. Viele Zulassungsstudien sind frisiert und die Pharmaunternehmen halten Informationen über Nebenwirkungen zurück, wie z.B. kürzlich bei Roche herausgekommen ist. Es geht darum ein Paradigma am Leben zu erhalten, mit dem das gegenwärtige Management Karriere gemacht hat. Außerdem geht es natürlich um Milliardengewinne. Den Patienten wird letztendlich in vielen Fällen nichts weiter als Hoffnung verkauft. Für sehr viel Geld. Es gibt allerdings Ausnahmen wie z.B. Glievec. Dessen Erfolg in chronischer myeloischer Leukämie, eigentlich eine prämaligne Erkrankung, ließ sich aber nicht auf Bindegewebstumore übertragen, denn diese sind meist zu weit fortgeschritten und dadurch heterogen, um auf einen so selektiven Wirkstoff zu reagieren.
spon-facebook-10000061805 11.07.2012
2. Fragwürdige Zulassungskriterien
Man sollte wegen der nicht unerheblichen Kosten für das Gesundheitswesen im Allgemeinen aber auch insbesondere aufgrund der z.T. nicht unerheblichen Nebenwirkungen für den ohnehin schwer erkrankten und in seiner Lebensqualität eingeschränkten Patienten durchaus auch die Kriterien der Zulassung dieser Medikamente kritisch hinterfragen. Hier haben sich die Hersteller, die über die Lobbyisten gerne ihre Medikamentenzulassungen in den Markt drücken, den Begriff des "progressionsfreien Überlebens" einfallen lassen. Progressionsfrei, also ohne Fortschreiten der Grunderkrankung und noch das Überleben des Patienten - hört sich für den Laien ja erstmal phantastisch an. Nun könnte man meinen, die Patienten würden auch in Bezug auf ihre Lebenserwartung davon profitieren. Leider ist dem aber nicht so. Die Patienten sterben genauso früh oder spät wie nicht mit dem Medikament behandelte Patienten - der aus Sicht des Marketings schöne Begriff bedeutet nämlich letztendlich nur, dass man in den Kontrolluntersuchungen vorübergehend keinen Tumorprogress sieht, die Erkrankung aber in der Folge umso schneller voran schreitet. Dies bedeutet als letztlich eine gewinnorientierte Inkaufnahme der Nebenwirkungen ohne weitergehenden Nutzen für den Patienten...
Diwoka1 12.07.2012
3.
Zitat von wortmanninViele der hochgelobten neuen zielgerichteten Krebsmedikamente erweisen sich bei näherer Betrachtung als ziemlich wirkungslos. Viele Zulassungsstudien sind frisiert und die Pharmaunternehmen halten Informationen über Nebenwirkungen zurück, wie z.B. kürzlich bei Roche herausgekommen ist. Es geht darum ein Paradigma am Leben zu erhalten, mit dem das gegenwärtige Management Karriere gemacht hat. Außerdem geht es natürlich um Milliardengewinne. Den Patienten wird letztendlich in vielen Fällen nichts weiter als Hoffnung verkauft. Für sehr viel Geld. Es gibt allerdings Ausnahmen wie z.B. Glievec. Dessen Erfolg in chronischer myeloischer Leukämie, eigentlich eine prämaligne Erkrankung, ließ sich aber nicht auf Bindegewebstumore übertragen, denn diese sind meist zu weit fortgeschritten und dadurch heterogen, um auf einen so selektiven Wirkstoff zu reagieren.
Soweit mir bekannt ist , ist Glivec eines, wenn nicht das potentesten Mittel zur Behandlung von GIST (Gastrointestinalen Stromatumoren).
spiegel_135 12.07.2012
4. Konsequenzen?
Zitat von wortmanninViele der hochgelobten neuen zielgerichteten Krebsmedikamente erweisen sich bei näherer Betrachtung als ziemlich wirkungslos. Viele Zulassungsstudien sind frisiert und die Pharmaunternehmen halten Informationen über Nebenwirkungen zurück, wie z.B. kürzlich bei Roche herausgekommen ist. Es geht darum ein Paradigma am Leben zu erhalten, mit dem das gegenwärtige Management Karriere gemacht hat. Außerdem geht es natürlich um Milliardengewinne. Den Patienten wird letztendlich in vielen Fällen nichts weiter als Hoffnung verkauft. Für sehr viel Geld. Es gibt allerdings Ausnahmen wie z.B. Glievec. Dessen Erfolg in chronischer myeloischer Leukämie, eigentlich eine prämaligne Erkrankung, ließ sich aber nicht auf Bindegewebstumore übertragen, denn diese sind meist zu weit fortgeschritten und dadurch heterogen, um auf einen so selektiven Wirkstoff zu reagieren.
Alle Entscheidungsträger wissen das, aber es gibt keine Veränderungen im Zulassungsmodus für von der Krankenkasse bezahlte Medikamente. Solange die Nebenwirkungen nicht gravierend sind, können die Träume der Pharmaindustrie gerne an jeden finanziell Potenten verkauft werden. Sozialfinanzierte Krankenkassen sollten dagegen genauer hinschauen und endlich Positivlisten von eindeutig und im relevantem Maße wirksamen Medikamenten einführen. Aber das Geschrei von Mehrklassenmedizin würde sofort ertönen, obwohl die meisten Krebsmittel nicht wirksamer als Placebos sind, aber empfindlich teurer.
cainero 12.07.2012
5. Debakel für die Augenmedizin ?
Nun bin ich gespannt was die Augenärzte sagen. Avastin wurde ja als neues Wundermittel gegen das AMD - altersbedingtes Makulaödem - serienweise in die Augen an AMD erkrankter Patienten gespritzt. Übrigens ohne entsprechende Zulassung von den entsprechenden Behörden geduldet. Das vergleichbare Medikament Lucentis war und ist wesentlich teurer. Der Witz dabei : Die Pharmakonzerne Novartis und La Roche sind beide über Avastin und Lucentis verbandelt und haben mit Avastin sowie Lucentis eine Menge Geld verdient. Nun darf man gespannt sein was ihre PR-Fritzen zu dem Ergebnis dieser Studie schwurbeln.
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