Medizin und Ethik "Krank sind sie alle"

Die Behandlung des früheren iranischen Justizchefs in Hannover löste Empörung aus. Wie Ärzte mit solchen Fällen umgehen, erzählt ein Heidelberger Chirurg, der einst Hosni Mubarak operierte.

Operation (Archivbild)
DPA

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SPIEGEL ONLINE: Ein Krankenhaus in Hannover hat den Ajatollah Mahmud Shahroudi behandelt. Ihm werden mehrere Todesurteile in Iran vorgeworfen. Wie gehen Ärzte mit solchen Fällen um, Herr Büchler?

Büchler: Ich habe 2012 den damaligen ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak operiert. Mubarak hatte sich damals für uns als Spezialisten entschieden. Ich habe ihn in Heidelberg operiert, nachdem ich ihn vorher in Ägypten untersucht hatte. Offiziell reiste der Präsident für einen Besuch bei Kanzlerin Angela Merkel nach Deutschland. Das Auswärtige Amt hat uns damals beraten.


Markus Büchler, 62, arbeitet als Ärztlicher Direktor am Universitätsklinikum Heidelberg. Der Chirurg ist international bekannt für Operationen der Bauchspeicheldrüse.


SPIEGEL ONLINE: Vermittelt die Politik bei solchen prominenten Patienten immer?

Büchler: Nein. Ich habe Politiker aus dem Ausland behandelt, die standen plötzlich vor der Tür. Andere wurden von der Bundesregierung eskortiert. Ich habe auch schon auf Vermittlung der Bundesregierung einen chinesischen Dissidenten und Friedensnobelpreisträger in China untersucht. Es gibt mehrere Wege.

SPIEGEL ONLINE: Machen Sie sich als Arzt keine Gedanken darüber, wen Sie vor sich auf dem Operationstisch haben?

Büchler: Ich mache mir als Privatperson Gedanken. Als Arzt habe ich jedem Patienten, unabhängig von seiner Herkunft und seinem Ansehen, die bestmögliche Behandlung zukommen zu lassen. Ich gehe auch davon aus, dass sich jemand in Deutschland aufhalten darf, wenn er zur Behandlung kommt.

SPIEGEL ONLINE: Und die Vorgeschichte des Patienten?

Büchler: Ich habe früher einmal in der Chirurgie des Universitätsklinikums in Bern gearbeitet. Unsere Abteilung war auch zuständig für Patienten aus dem dortigen Gefängnis, darunter Mörder und andere Schwerverbrecher. Die wurden behandelt wie andere Menschen auch. Krank sind sie alle.

SPIEGEL ONLINE: Lehnen Sie auch Patienten ab?

Büchler: Ich lehne ab, wenn ich nicht helfen kann oder wenn es logistisch unsinnig ist. Ich würde nicht im Ausland operieren, sondern nur hier mit meinem Team. Als ich Mubarak operiert hatte, brach nach seiner Rückkehr in Ägypten die Revolution los. Ein Anwalt des Präsidenten bat mich, noch einmal nach Kairo zu reisen. Ich sollte attestieren, dass Mubarak noch immer krank ist, damit er aus dem Gefängnis freikommt. Das habe ich abgelehnt. Ich bin Arzt, kein Politiker.

SPIEGEL ONLINE: Können sich nur reiche Medizintouristen Eingriffe in Deutschland leisten?

Büchler: Wer auf eigene Initiative kommt, der muss sich das leisten können. Wir behandeln aber auch mittellose Kriegsopfer. Für sie gelten dieselben Grundsätze wie für den Präsidenten oder den Ajatollah.



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