Kläranlagen-Keime im Meer Vom Regen in die Jauche

Bei starkem Regen sind Kläranlagen oft überlastet. Sie öffnen ihre Schleusen, und das Abwasser fließt ungeklärt in nahe gelegene Flüsse - oder ins Meer: ein echtes Gesundheitsrisiko für Badegäste, zeigt eine Studie mit Surfern.

Badegäste in Timmendorfer Strand (Schleswig-Holstein)
DPA

Badegäste in Timmendorfer Strand (Schleswig-Holstein)

Von Inka Reichert


Kalifornien - nicht nur für Surfer der Inbegriff für Sonne, Wellen und Freiheit. Doch das Ergebnis einer neuen Studie trübt das sorglose Bild: Die internationale Surfer-Umwelt-Organisation Surfrider Foundation sammelte in Zusammenarbeit mit der University of California über zwei Jahre hinweg Gesundheitsdaten von 654 Surfern. Das Ergebnis: Im Durchschnitt wurden 30 von 1000 krank, wenn sie bis zu drei Tage nach starken Regenfällen ins Meer gingen. Dagegen wurden nur 18 von 1000 Surfern krank, die in diesen Tagen nicht im Meer waren.

"Kurz nachdem es geregnet hat, würde ich nicht ins Meer gehen", sagt Anne Leonard von der University of Exeter Medical School in England. Auch sie untersucht das Gesundheitsrisiko für Surfer und andere Badegäste durch Keime in Küstengewässern.

Das Problem: In vielen Entwässerungssystemen werden Regenwasser und Abwasser in einer Leitung zusammengeführt, auch Mischkanalisation genannt. "Bei starken Regenfällen haben viele Kläranlagen keine Kapazitäten für die zusätzlichen Wassermassen", erklärt Anne Leonard.

Stinkender Neoprenanzug

Damit das Abwasser nicht rückwärts die Toiletten wieder hochgespült wird und die Häuser überschwemmt, öffnen diese ihre Notausgänge: Alles Wasser fließt ungeklärt in anliegende Gewässer. Alleine in England gibt es laut des Wasserunternehmens South West Water 20.000 bis 30.000 solcher Notausgänge für Abwasser.

"Manchmal stinkt der Neoprenanzug nach Scheiße, wenn wir aus dem Wasser kommen", erzählt der spanische Surfer Oscar Garcia. Auch an seinem Strand in Galizien an der Nordküste Spaniens führt eine Abwasserpipeline direkt ins Meer. Ob in den USA, England, Spanien oder Deutschland - Mischwasserüberläufe sind ein weltweites Problem.

Galizien: Die Abwasserpipeline führt direkt ins Meer
Inka Reichert

Galizien: Die Abwasserpipeline führt direkt ins Meer

"Freie Badegewässer an Flussläufen, Binnenseen und im Küstenbereich der Meere können unter Umständen mit Krankheitserregern belastet sein", informiert auch das Bundesumweltministerium auf seiner Internetseite über die Folgen von Abwassereinleitungen in deutsche Gewässer.

"Mit dem Abwasser gelangen vor allem Bakterien und Viren ins Meer, die Magen-Darm-Beschwerden auslösen", sagt Anne Leonard. Die Keime rufen aber häufig auch Schleimhaut- und Ohrenentzündungen oder Hautreizungen hervor.

Die britische Forscherin findet zudem noch eine ganz besondere Art von Bakterien als Folge der Abwasserverschmutzung im Meer: Antibiotika-resistente Bakterien, auch als Krankenhauskeime bekannt. "In Wasserproben aus Küstengewässern haben wir diese Bakterien in geringer Konzentration vorgefunden. Beim Schwimmen im Meer können Badegäste diese Keime durchaus schlucken", sagt Anne Leonard.

Die Surfer in Kalifornien erkrankten laut der Surfrider-Studie mehrheitlich an Durchfall und Erbrechen, ausgelöst durch Noroviren. "Noroviren sind typisch für Verunreinigungen durch unbehandeltes Abwasser", sagt Wolfgang Seis vom Kompetenzzentrum Wasser in Berlin.

Überläufe 30 Mal pro Jahr

Im vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekt "Flusshygiene" wollen sie Modelle entwickeln, mit denen kurzzeitig auftretende Abwasserbelastungen in Flüssen besser vorhergesagt werden können. "In Berlin kommt es durchschnittlich 30 Mal pro Jahr zu Mischwasserüberläufen in Flüsse", sagt der Projektkoordinator.

Wattestäbchen sind nur der sichtbare Teil der Abwasserverschmutzung
Inka Reichert

Wattestäbchen sind nur der sichtbare Teil der Abwasserverschmutzung

Eine Kanalisation, in der Regen- und Abwasser voneinander getrennt sind, würde die Belastung deutlich verringern. Gebaut wurden solche Systeme zuletzt aber vor allem in den Neuen Bundesländern. Eine Mischwasserkanalisation im Nachhinein umzurüsten, ist teuer. Zudem weisen die Autoren der Surfer-Studie in Kalifornien darauf hin, dass selbst bei Trennsystemen Keime in Badegewässer gelangen, beispielsweise durch ungeklärten Regenabfluss oder undichte Abwasserkanäle.

Stattdessen werden jetzt vielerorts zusätzlich unterirdische Speicher gebaut, welche die großen Wassermassen bei Regen auffangen und solange zwischenspeichern, bis die Kläranlage wieder Kapazitäten hat.

Kontrollen erfassen Keime kaum

Dass Abwasser hoch infektiös ist, daran zweifelt niemand. Warnungen gäbe es trotzdem selten, erklärt Seis vom Kompetenzzentrum Wasser in Berlin. "Die Badegewässerkontrollen erfassen diese wenige Tage andauernden Belastungen kaum."

Laut der EU-Badegewässerrichtlinie müssen Badegewässer mindestens einmal im Monat auf ihre Wasserqualität kontrolliert werden. "In Berlin testen wir alle zwei Wochen", sagt er. Bakterien, die als Indikator zur Wasserqualität genutzt werden, sterben jedoch meist innerhalb weniger Tage in offenen Gewässern ab. Findet eine Wasserprobenentnahme nicht gerade zufällig zum Zeitpunkt und am Ort einer Mischwasserbelastung statt, wird sie nicht erfasst.

"Ein Badestrand kann laut offizieller Behörden exzellente Wasserqualität haben, und trotzdem wird man vom Wasser krank", bestätigt Anne Leonard. Anderes Land, gleiches Problem: Auch in England würden viele Abwasserüberläufe von den Wasserkontrollen "übersehen", sagt die Forscherin.

Da geeignete Alarmsysteme meist fehlen, raten die Autoren der Surfrider-Studie, das Meer mindestens 72 Stunden nach Regenfällen zu meiden. "Krankheitserreger wie Viren können unter Umständen noch länger im Wasser sein", erklärt Wolfgang Seis. Grundsätzlich sei vor allem an Stadtstränden am Meer oder an stadtnahen Flüssen zu Vorsicht geraten, empfiehlt er.

Wer hingegen in einem See badet, der nicht mal mit einem Fluss verbunden ist, muss sich keine Sorgen um Keime aus der Kläranlage machen.

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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
Msc 26.05.2017
1.
Man sehe sich das Bild an von einem überfüllten Strand, lese den Artikel, betrachte die benutzten Spritzen auf dem anderen Bild und frage sich dann warum nicht alle auf dem Bild direkt tot umgefallen sind. Vielleicht ist der Artikel auch einfach nur stark einseitig auf Panikmache aus? Das Ergebnis der Studie steht nämlich ganz am Anfang des Texts bereits: Das Erkrankungsrisiko steigt um ganze 0,1%. Das ist im Bereich der statistischen Schwankung.
gajagaja 26.05.2017
2. Überlastung von Kläranlagen
Die meisten Siedlungsgebiete entwässern im Mischsystem (vor allem im südlichen Teil Deutschlands). Die Kläranlagen sind nicht wie im Artikel dargestellt überlastet. Keine Kläranlage mit Mischsystem kann die gesamte bei stärkeren regenereignissen ankommende abwassermenge aufnehmen, da die Biologie in der Kläranlage keine zu große Spreizung der Belastung zwischen Regenwetter und trockenwetter verarbeiten kann - egal wie gross die Kläranlage bemessen ist. Deshalb werden sogenannte regenüberlaufbecken angeordnet, über die das nicht mehr rückhaltbare mischwasser entlastet wird. Auch Kläranlagen leiten keime ein. Es gibt z.b folgende Möglichkeiten das verkeimungsprobleme zu verhindern bzw. zu vermindern: uv-behandlung vor der Kläranlageneinleitung, Sandfilter an Kläranlagen und retentionsbodenfilter die den regenüberlaufbecken nachgeschaltet werden. Ausreichend grosse speicherräume zur Vermeidung von mischwasser Entlastungen sind in der Regel nicht realisierbar, da enorme Volumen erforderlich wären. Richtig ist, dass ein Umbau von misch- in Trennsystem in den meisten Fällen nicht mittelfristig realisierbar ist oder z.t. auch nicht möglich ist (z.b. wenn stark verunreinigtes Regenwasser von Gewerbe-/Industrieflächen einer Behandlung durch die Kläranlage bedarf). Noch eine Anmerkung: auch die Gewässerlebensgemeinschaften sind durch stoffliche und hydraulische Wirkungen betroffen...
sfk15021958 26.05.2017
3. Wenn wir wüßten,...
...was alles ungeklärt in Flüsse, Seen und Meer abgeleitet wird, wäre unser Badedrang sicherlich geringer. Millionen-Städte wie Sao Paulo haben Ende der 80iger Jahre ca. 60 Kubikmeter pro Sekunde (!) ins offene Meer abgeleitet. Und wer glaubt, dass dies sich gebessert hätte mit den sog. "ocean outfalls", der ist Optimist. Man kann sich nur wundern, dass die Meere das so lange tolerieren!
elmino 26.05.2017
4.
klingt schon etwas wie panikmache,ich lebe grossteils in italien dort gibt es keine einzige funktionierend kläranlage weil in allen haushalten chlor als reinigungsmittel verwendet wird.was funktioniert sind die 2 kammer gruben mit versickerung und getrennte abwasserleitungen sodass die wc direkt an der sickergrube angeschlossen sind und der überlauf der grube grossflachig versickern kann. letztes jahr habe ich im sommer gesehen wie die kacke direkt aus einer rohr ins meer eingeleitet wurde und das bei trockenem wetter an einem derwenigen freien strände zwischen rimini und riccione.
Hanz Gruber 26.05.2017
5. Vergleichbar?
Im ersten Teil des Artikels ist von einer Studie die Rede nicht aus Deutschland kommt. Es wurde die mickrige Zahl von 654 Surfern befragt (befrag, nicht getestet) und man ist zu dem Ergebnis gekommen das 0,1% mehr Erkrankungen nach Regen auftreten. Die Erkrankungen wurden nicht medizinisch erfasst und sind in der Menge nur als Rauschen zu verstehen. Fazit: Schlampige Studie die nur zur Panikmache taugt. Da ist dem Spiegel wohl der G7 Gipfel zu langweilig, so das noch etwas Panik in die Michelsuppe gestreut werden muss. Im Zweiten Teil des Artikels wird es dann richtig peinlich. Getrieben von einer nicht deutschen Studie wird ohne sinnvollen Vergleich die "Zustände" in deutschen Gewässern unter die Lupe genommen. Hätte die leihen-hafte Befragung der Surfer in deutschen Gewässern das gleiche Ergebnis gebracht? Oder ist das doch 1 zu 1 vergleichbar? Einzige Erkenntnis, welche im Artikel aber nicht erwähnt wird, Deutschland hat viel schärfere Regeln bezüglich Wasserschutz als z.B. Italien, Spanien oder USA. Also kein Grund zu Panik.
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