Unempfindlich gegenüber Alkohol Darmkeim entwickelt Schutz vor Hände-Desinfektion

Warum erkranken weltweit immer mehr Menschen an einem bestimmten Darmkeim? Bei der Suche nach der Ursache stießen Forscher auf eine gefährliche Entwicklung.

Händedesinfektion in einer Klinik in Freiburg
imago/ MITO

Händedesinfektion in einer Klinik in Freiburg


Ärzte desinfizieren sich in Kliniken immer wieder ihre Hände mit Alkohol, um Bakterien abzutöten und nicht von einem Patienten zum anderen zu tragen. In Australien haben sich jedoch erste Keime entwickelt, denen die gängigen Desinfektionsmittel kaum noch etwas anhaben können. Das berichten Forscher im Fachblatt "Science Translational Medicine", die Darmkeime vom Typ Enterococcus faecium aus zwei Kliniken in Melbourne untersucht haben.

Martin Exner, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene machen die Ergebnisse große Sorgen. "Bislang haben wir nur Antibiotikaresistenzen als Problem gesehen. Jetzt müssen wir uns auch mit Alkoholtoleranzen intensiv beschäftigen", sagt er. Der Experte glaubt, dass solche alkoholtoleranten Bakterien auch hierzulande auftauchen könnten. Noch gebe es jedoch keine Hinweise darauf.

In Kliniken weltweit ist es üblich, dass Angestellte ihre Hände und Arbeitsflächen mit alkoholischen Mitteln desinfizieren. Dabei kommt sowohl Ethanol als auch Isopropanol zum Einsatz. Die Mittel töten eigentlich eine Mehrzahl der Keime innerhalb kürzester Zeit ab. "Händedesinfektion gilt als eine der wichtigsten Maßnahmen gegen Krankenhauskeime", sagt Exner.

Immer mehr Infektionen. Warum?

Bei ihrer aktuellen Studie konzentrierten sich die Wissenschaftler um Sacha Pidot von der Universität Melbourne auf das Darmbakterium E. faecium, das auch in deutschen Kliniken vorkommt. Besonders problematisch sind Varianten des Bakteriums, die gegen mehrere Antibiotika resistent sind. Sie können insbesondere bei Patienten mit geschwächtem Immunsystem zu schwer behandelbaren Harnwegs- und Wundinfektionen sowie im schlimmsten Fall zu einer lebensgefährlichen Blutvergiftung führen.

Weil die Zahl der Infektionen mit E. faecium weltweit steigt, untersuchten Pidot und sein Team die Bakterien genauer. Dafür nutzten sie insgesamt 139 Proben von E. faecium, die zwischen 1997 und 2015 in zwei Kliniken in Melbourne genommen wurden.

  • In einem ersten Experiment untersuchten die Wissenschaftler, wie die verschiedenen Proben auf eine Lösung mit 23 Volumenprozent Isopropanol reagieren. Dabei zeigte sich, dass Bakterien, die nach dem Jahr 2010 isoliert wurden, wesentlich besser mit dem Alkohol klarkamen als früher isolierte Bakterien.
  • Allerdings sind gängige Desinfektionsmittel auf Basis von Isopropanol mit 70 Volumenprozent wesentlich höher dosiert. Um ihre Ergebnisse unter realistischeren Bedingungen zu testen, machten die Forscher ein weiteres Experiment mit Mäusen. Sie verunreinigten den Boden der Käfige mit verschiedenen E.-faecium-Stämmen und wischten ihn anschließend mit Tüchern aus, die mit 70-prozentigem Isopropanol imprägniert waren.
    Danach setzten sie die Mäuse für eine Stunde in die Käfige und prüften eine Woche später, bei welchen Tieren E. faecium im Darm vorkam. Dabei stellten die Forscher fest, dass ein E.-faecium-Stamm, der zuvor als alkoholtolerant identifiziert wurde, die Mäuse viel besser besiedeln konnte. Zudem fand das Team bei genetischen Untersuchungen Änderungen im Erbgut der Bakterien, die für die Alkoholtoleranz verantwortlich sein könnten.

Die Forscher weisen darauf hin, dass sie nur Aussagen über Bakterien in den Melbourner Krankenhäusern machen können. Deswegen seien nun Untersuchungen anderswo notwendig.

"Das muss man sehr ernst nehmen"

Die Arbeit seiner Kollegen sei wissenschaftlich sauber, sagt Martin Exner. "Die Studie ist sehr wichtig. Wenn wir sehen, dass Mikroorganismen gegen Basiswirkstoffe zur Händehygiene Toleranzen entwickeln, muss man das sehr ernst nehmen."

Exner verweist darauf, dass vor wenigen Monaten mehrere Krankenhäuser im Schweizer Kanton Bern mit einem Ausbruch von E. faecium zu kämpfen hatten. Dabei handelte es sich um den Sequenztyp ST796, der sich derzeit auch in Australien ausbreitet. Die in Melbourne gefundenen Bakterien dieses Typs wurden in der Studie von Pidot und seinem Team als ziemlich alkoholtolerant beschrieben.

Sind alkoholtolerante E. faecium also schon in Europa angekommen? Das müsse nun genauer untersucht werden, sagt Exner. Er kündigte eine intensive wissenschaftliche Auseinandersetzung zu den möglichen Konsequenzen an. "Ohne wirksame Desinfektionsmittel werden wir keine Chance haben, antibiotikaresistente Keime in den Griff zu bekommen."

Von Valentin Frimmer, dpa/irb



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