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Senkung des Antibiotika-Verbrauchs: Bakterien oder Viren? Neuer Bluttest soll es schnell zeigen

Verschnupft im Bett: Bei einer unkomplizierten Erkältung ist von Antibiotika abzuraten Zur Großansicht
Corbis

Verschnupft im Bett: Bei einer unkomplizierten Erkältung ist von Antibiotika abzuraten

Bei hartnäckigen Erkältungen stehen Ärzte vor einem Dilemma: Antibiotika verschreiben oder nicht? Die Mittel helfen nur gegen Bakterien, doch Schnupfen und Husten werden oft von Viren verursacht. Ein neuer Bluttest könnte bei der Diagnose helfen.

Sie sind verschnupft, husten, haben erhöhte Temperatur. Der Hals kratzt, der Kopf schmerzt: Vor allem in den Wintermonaten plagen viele Menschen Atemwegsinfekte. Fallen sie schwerer aus und verschwinden nicht schnell genug, geht es meist zum Arzt.

Der steht dann oft vor der Entscheidung: Antibiotika verschreiben oder nicht? Denn das Problem der Mediziner ist, dass sich anhand der Symptome kaum unterscheiden lässt, ob Viren oder Bakterien die Krankheit verursachen. Bei bakteriellen Infektionen helfen Antibiotika, gegen Viren, die überwiegend Auslöser von Erkältungsinfektionen sind, nutzen sie nicht. Doch Ärzte verschreiben die Mittel bei länger andauernden Beschwerden manchmal auf Verdacht, um Komplikationen wie etwa einer Lungenentzündung vorzubeugen.

Bald könnte ein neuer Bluttest das Dilemma der Mediziner beseitigen: Er soll schnell und zuverlässig beantworten, ob Viren oder Bakterien die Symptome verursachen, und könnte dazu beitragen, unnötigen Antibiotika-Gebrauch zu reduzieren. Forscher aus den USA berichten im Fachblatt "Science Translational Medicine" von der Entwicklung so eines Tests.

Analysiert werden dabei die Aktivierungsmuster bestimmter Gene: Ob das Immunsystem Viren oder Bakterien bekämpfen oder sich nicht mit einer akuten Infektion plagen muss, schlägt sich in der Aktivität des Erbguts nieder. Der Test schnitt in der Studie besser ab als der vielerorts gängige Procalcitonin-Test, schreibt das Team um Geoffrey Ginsburg von der Duke University in Durham, North Carolina.

Ihren Test prüften sie zunächst an fünf Datenbanken und danach an knapp 320 Patienten in Klinikambulanzen. Bei 115 von ihnen waren Viren Ursache der Atemwegsprobleme, bei 70 Teilnehmern ging die Infektion auf Bakterien zurück, 88 Patienten hatten eine nicht infektiöse Erkrankung. Dazu kamen 44 Gesunde als weitere Vergleichsgruppe.

In 87 Prozent der Fälle ermittelte das Verfahren zuverlässig die Ursache der Beschwerden. Der bislang am besten untersuchte Procalcitonin-Test (PCT), der noch nicht als Schnelltest zur Verfügung steht, kommt den Forschern zufolge auf eine Trefferquote von 78 Prozent.

Noch benötigt der Test relativ viel Zeit

Die Wissenschaftler wollen ihren Test nun so weiterentwickeln, dass er binnen einer Stunde ein Ergebnis liefert. Dies würde den Nutzen in der medizinischen Praxis deutlich steigern. Bisher dauere es bis zu zehn Stunden, heißt es in der Studie. Wann und ob der Bluttest marktreif sein wird, ist aber nicht bekannt - noch befinden sich die Untersuchungen in einer frühen Phase. Die Forscher selbst schreiben, es bestehe noch die technische Hürde, nun einen zuverlässigen, schnellen und bezahlbaren Test zu entwickeln.

Mathias Pletz, Direktor des Zentrums für Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene am Uniklinikum Jena, spricht von einer sehr durchdachten Studie. Er lobt, dass die Forscher Gruppen mit verschiedenem genetischem Hintergrund einbezogen hätten und auch kranke Menschen ohne eine Infektion. "Das Verfahren bietet einen Blick in die Zukunft", sagt der an der Studie nicht beteiligte Experte.

Zurzeit könne man sich aber auch anders behelfen, betont Pletz und verweist auf eine Studie aus Hannover. Dort hätten Ärzte Patienten zwar Rezepte für Antibiotika ausgestellt, aber mit der Bitte, sie nicht sofort einzulösen, sondern am Folgetag in der Praxis anzurufen - wenn das Ergebnis des PCT-Tests vorlag. Das Rezept sollten sie nur bei einer bestätigten bakteriellen Ursache einlösen. Dadurch sank der Antibiotika-Verbrauch deutlich: Statt 37 Prozent nahmen nur 22 Prozent die Mittel ein.

In Deutschland empfehlen Experten ohnehin, bei akuten Atemwegsinfektionen nicht routinemäßig Antibiotika zu verordnen.

Der unnötige Gebrauch von Antibiotika birgt Risiken - sowohl für den Patienten als auch für die öffentliche Gesundheit. "Die zunehmenden Resistenzen von Bakterien gegen Antibiotika sind ein großes Problem", bestätigt Pletz. Daher sei es ein dringendes Ziel, den Antibiotika-Verbrauch zu senken.

Wer hat's bezahlt?
Finanziert wurde die Studie von den US-amerikanischen National Institutes of Health sowie der Darpa, der Forschungsbehörde der US-Streitkräfte
Bakterien und Viren
Bakterien sind einzellige Lebewesen. Sie verfügen über ein eigenes Erbgut, haben einen Stoffwechsel und sind durch eine Außenwand von der Umwelt abgetrennt. Krankmachende Bakterien werden mit Antibiotika bekämpft . Diese Medikamente hemmen die Vermehrung der Erreger oder zerstören diese sogar, indem sie ihre Zellwand auflösen.
  • Viren sind keine Lebewesen im herkömmlichen Sinn. Sie verfügen nicht über die Zellmaschinerie, um sich selbst vermehren zu können. Sie befallen stattdessen Wirtszellen, in die sie ihr Erbgut einschleusen und nutzen dann deren Infrastruktur. Antibiotika helfen nicht gegen krankmachende Viren.
Zu den krankmachenden Bakterien zählen unter anderem die Durchfall auslösenden Salmonellen, der Tuberkulose-Erreger und der Magenkeim Helicobacter. Zu den krankmachenden Viren zählen unter anderem das HI-Virus, die Erkältung auslösenden Rhinoviren, die Grippe verursachenden Influenzaviren und die Herpesviren, die zu schmerzenden Lippenbläschen führen können.

wbr/dpa

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insgesamt 41 Beiträge
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1. Antibiotika bei Virusinfektion
Flyke 21.01.2016
Antibiotika bei Virusinfektion dient vorbeugend einer (zumeist schlimmer verkaufenden) Sekundärerkrankung durch Bakterien, da das Immunsystem bereits stark angeschlagen ist. Resistenzien bilden sich in der Regel bei vorzeitiger Absetzung der AB
2. Frage der Darstellung
ElLeton 21.01.2016
Ich habe in den letzten Jahren an 2 solchen "Leistungsbewertungsprüfungen" nach dem MPG mitgearbeitet - es gibt aktuell eine ganze Reihe davon. Das limitierende Problem ist (gerade bei den banalen oder leichten Infektionen), dass es sich fast immer um Mischinfektionen handelt. Quantitative Bestimmung ist nach wie vor mit diesen Tests nicht oder nur unzureichend möglich, dem Patienten hilft es da kaum - aber man kann eine Menge Geld damit machen.
3. es stellt sich die Frage...
Spiegelleserin57 21.01.2016
welche Bakterien werden erfaßt und wie lange dauert der Test. Einen Procalcitonintest bekommt man in einer Klinik auch innerhalb von Stunden. Bakterien können rasant schnell wachsen und ein Hausarzt wird diesen Test mit Sicherheit nicht anfordern da er wahrscheinlich teuer ist und das Ergebnis Tage dauert. Man bedenke auch dass Hausärzte in der Regel sparen müssen und sehr schnell dem Patient helfen sollen.
4. anbulant ein unnötiger Test
Robert Redlich 21.01.2016
Meine Vorredner haben schon sinnvolle Argumente gebracht, wieso so ein Test in der Praxis kaum Sinn macht. Viel wichtiger wäre es, die Verordnung von Antibiotika durch Ärzte und - noch wichtiger - Tierärzte einzuschränken. Bei einer Erkältung, einem fieberhaften Infekt, braucht niemand Antibiotika. Egal ob durch Viren oder (recht selten) durch Bakterien verursacht. Sekundärinfektionen wie z.B. Nebenhöhlenentzündung und Lungenentzündung hingegen sollte man keinen Test abwarten, sondern sofort Antibiotika geben und den Patienten belehren, diese unbedingt bis zum Ende zu nehmen. Es ist doch eigentlich ganz einfach.
5. Erst mal rational verordnen!
KlausF20 21.01.2016
Solche Tests braucht man nur in wenigen Fällen. Es könnten schon viele Antibotika-Dosen eingespart werden, wenn die Kollegen bei den ganz banalen grippalen Infekten über 1-2 Wochen die Patienten entsprechend aufklären und die Verschreibung zurückhalten würden. Abgesehen von Risikopatienten ist der Effekt der Antibiotika auch bei nachgewiesener bakterieller Beteiligung zu vernachlässigen. Und bei typischen Beschwerden liegt man zu 90% mit dem Tipp "Virusinfekt" richtig, da hilft ein Test mit 78% Genauigkeit nicht weiter (s. Bayes-Theorem). Patienten mit Immunschwäche oder schweren Begleiterkrankungen sind natürlich anders einzuordnen und entsprechend zu behandeln.
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