Ein rätselhafter Patient Mehr als eine Magenverstimmung

Mit Bauchschmerzen sucht ein 45-Jähriger in Belgien die Notaufnahme auf. Die Ärzte stellen schnell fest: Magen oder Darm sind nicht das Problem.

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Seit acht Tagen plagt den Mann Bauchweh. Egal ob er steht oder liegt, etwas gegessen hat oder nicht, ein- oder ausatmet: Die Schmerzen sind da. Seine ursprüngliche Vermutung, er habe sich bloß einen Magenkeim eingefangen, verwirft er deshalb - und geht in die Notaufnahme einer belgischen Klinik.

Sein Blutdruck ist zu hoch, Puls und Körpertemperatur aber sind normal, heißt es im Fallbericht im Fachblatt "Acta Clinica Belgica". Auch die Sauerstoffsättigung seines Blutes ist gut. Der Patient wirkt nicht krank, aber die Schmerzen setzen ihm zu, berichtet das Ärzteteam um Axel Van Damme von der Universität Ghent.

Sie erfragen seine bisherige Krankengeschichte. Der 45-Jährige raucht seit vielen Jahren, ist übergewichtig und hat zu hohe Blutfettwerte. Er berichtet zudem von einer schweren depressiven Episode, einer Zyste an einer Schultersehne sowie von der Halswirbelsäule ausstrahlenden Schmerzen, einer sogenannten Cervicobrachialgie. Medikamente nimmt er nach eigener Aussage keine, auch keine rezeptfreien.

Im Ultraschall zeigt sich, dass seine Leber verfettet ist, dies kann jedoch die Schmerzen nicht erklären.

Auffälliges EKG

Ursprünglich wollte der Notarzt einen Magen-Darm-Spezialisten hinzuzuziehen, doch nach einem EKG ändert sich der Plan: Der Herzrhythmus des Mannes ist auffällig. Der Patient wird deshalb in die Kardiologie überwiesen.

Tatsächlich bestätigt ein Bluttest, dass mit dem Herzen etwas nicht stimmt. Denn unter anderem ist der sogenannte Troponinwert erhöht, was auf einen Herzinfarkt hindeutet. Die Ärzte machen deshalb bei einer Herzkatheteruntersuchung die Herzkranzgefäße sichtbar, um herauszufinden, wo eine oder mehrere der Arterien verengt oder verschlossen sind. Tatsächlich hatte der Mann, wie schon vermutet, einen Infarkt.

Die Mediziner entdecken einen Engpass und öffnen diesen mit einem Stent. Das ist ein kleiner Gitterschlauch, der an der verengten Stelle im Gefäß platziert wird und dieses nun offenhält. Die Bauchschmerzen des Mannes verschwinden nach dem Eingriff. Er erholt sich ohne weitere Komplikationen.

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Die Ärzte verschreiben dem 45-Jährigen zudem mehrere Medikamente, die den Blutdruck senken. Sie empfehlen ihm darüber hinaus, mit dem Rauchen aufzuhören, abzunehmen und sich mehr zu bewegen.

Der Fall illustriert: Menschen können einen Herzinfarkt erleiden, ohne die als typisch beschriebenen starken Brustschmerzen zu spüren, die oft in einen oder beide Arme ausstrahlen und meist auch mit einem quälenden Gefühl der Enge oder einem starken Brennen verbunden sind. Bei bis zu einem Drittel der Betroffenen treten diese Schmerzen nicht auf, sondern sie plagen untypische Beschwerden - wie etwa Bauchweh, Übelkeit und Atemnot.

Bei Frauen ist das häufiger der Fall als bei Männern, was wahrscheinlich dazu beiträgt, dass Herzinfarkte bei Frauen im Schnitt später erkannt werden als bei Männern.

Für die Betroffenen ist es gefährlich, wenn ein Infarkt erst spät diagnostiziert und behandelt wird. Denn je länger Teile des Herzmuskels nicht durchblutet werden, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie unwiederbringlich absterben. Damit steigt die Gefahr, dass sich eine Herzschwäche oder Herzrhythmusstörungen entwickeln oder der Infarkt sogar tödlich endet.

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
wutbürger2010 21.04.2018
1. Studium und Praxis
"Bei älteren Patienten mit einer Blinddarm-Symptomatik (Appendizitis) muss stets auch an einen Myokardinfarkt gedacht werden". Dies lernt man bereits relativ früh während des Studiums der Humanmedizin. Nur liegen Theorie und Praxis oft weit auseinander. Daher ist dieser Fall eben auch ein interessanter Fall.
Dr. Stefanie Schürmann 22.04.2018
2.
Aufgrund der unspezifischeren Symptome wird der Myokardinfarkt bei den weiblichen Patienten oft später erkannt als bei den männlichen mit der Folge einer höheren Sterblichkeitsquote.
AZ1 23.04.2018
3.
Zitat von wutbürger2010"Bei älteren Patienten mit einer Blinddarm-Symptomatik (Appendizitis) muss stets auch an einen Myokardinfarkt gedacht werden". Dies lernt man bereits relativ früh während des Studiums der Humanmedizin. Nur liegen Theorie und Praxis oft weit auseinander. Daher ist dieser Fall eben auch ein interessanter Fall.
Würde man ihn mit seinen 45 Jahren schon als "älteren Patienten" ansehen?
le.toubib 23.04.2018
4. Das ist fachansicht:
Zitat von AZ1Würde man ihn mit seinen 45 Jahren schon als "älteren Patienten" ansehen?
Als Orthopäde ja, als Internist nein ... ;-)
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