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Bauchschmerzen bei Kindern: Harmlose Verstopfung oder gefährliche Blutung?

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Mädchen mit Bauchschmerzen: Die Ursachen sind vielfältig, oft harmlos - aber nicht immer Zur Großansicht
Corbis

Mädchen mit Bauchschmerzen: Die Ursachen sind vielfältig, oft harmlos - aber nicht immer

Zwicken, Ziehen, Erbrechen: Haben Kinder Bauchschmerzen, steckt oft etwas Harmloses dahinter. Mitunter sind die Ursachen aber doch gravierender. Bei welchen Anzeichen sollten Eltern mit dem Kind zum Arzt - und wann sofort in die Klinik?

Dass es dem Mädchen nicht gut geht, sieht Andreas Busch sofort. Immer wieder habe sie Bauchweh, erzählt die 14-Jährige dem Oberarzt in der Ambulanz für Gastroenterologie, Hepatologie und Ernährung der Uni-Kinderklinik in Tübingen. "Seit mehr als einem Jahr gehen wir von Arzt zu Arzt, aber keiner hat herausgefunden, was es ist", sagt das Mädchen. Die 14-Jährige erzählt, sie spüre die Schmerzen im gesamten Bauch, sie träten nie nachts auf. Ihr Stuhlgang sei völlig normal, andere Beschwerden habe sie auch nicht.

Busch hat sofort einen Verdacht: Funktionelle Bauchschmerzen. "Das sind Schmerzen, bei denen kein Organ wirklich krank ist", sagt er, "aber trotzdem haben die Kinder etwas." Der Arzt ist der Meinung, Kinder würden zu häufig "in die Psychokiste" gesteckt. "Kinder mit funktionellen Bauchschmerzen haben primär keine psychischen Probleme, sondern ihr Darm reagiert empfindlicher als bei anderen Kindern", sagt Busch.

Bei ihnen verursacht schon eine leichte Dehnung des Darms durch Stuhl Schmerzen, während andere das gar nicht spüren. Gleichwohl hätten manche Kinder aber tatsächlich Bauchweh durch psychische Probleme, sagt Busch. "Die Schmerzen sind dann aber in der Regel nicht so stark, und die Kinder haben noch andere Beschwerden, zum Beispiel keinen Appetit mehr oder Schlafstörungen."

Die Ursachen eingrenzen

ALARMSIGNALE BEI BAUCHSCHMERZEN
Folgende Symptome bei Kindern könnten auf eine ernstzunehmende Krankheit an einem Organ hinweisen:
  • · wiederkehrendes Erbrechen
    · länger als zwei Wochen Durchfall
    · Blut im Stuhl
    · Kind wächst nicht richtig
    · Verzögerte Pubertät
    · Leistungsknick
    · Bauchschmerzen, die das Kind nachts wecken
    · Fieber
    · Gelenkschmerzen
    · Bei Mädchen: Ausbleibende Regelblutung, Schmerzen bei der Menstruation
    · Schmerzen beim Wasserlassen
    · Magen-Darm-Krankheiten in der Familie
Eine Liste von Kinder-Gastroenterologen finden Sie hier.

Bevor er die Diagnose funktionelle oder psychisch verursachte Bauchschmerzen stellt, muss er mit Blut- oder anderen Untersuchungen Krankheiten an Organen ausschließen - vor allem wenn ein Kind noch bestimmte andere Beschwerden hat, etwa dass die Schmerzen auch nachts auftreten oder es immer wieder erbricht. "Diese Alarmzeichen sagen uns, dass ein Organ nicht richtig funktioniert", sagt Marc Sidler, Oberarzt an der Uni-Klinik Basel und niedergelassener Kinderarzt.

Sidler sieht in seiner Praxis täglich Kinder mit Bauchweh. Akute Bauchschmerzen würden oft durch eine Magen-Darm-Grippe verursacht, sagt er, bei chronischen komme es auf das Alter der Kinder und den Ort der Schmerzen an. Bei Kleinkindern, die nicht richtig wachsen, immer wieder erbrechen und Durchfall haben, stecke oft eine Nahrungsmittel-Unverträglichkeit dahinter, zum Beispiel gegen Gluten.

Bei Schulkindern mit chronischen Schmerzen im Oberbauch denkt er eher an eine Magenschleimhautentzündung, bei Jugendlichen unter anderem an chronisch-entzündliche Darmkrankheiten. "Weiß der Kinderarzt nicht weiter, sollte man sich zum Kinder-Gastroenterologen überweisen lassen", sagt Busch. "Die Erwachsenen-Gastroenterologen kennen sich oft mit den speziellen Darmproblemen bei Kindern nicht so gut aus."

Manchmal ist schnelles Handeln nötig

Wann aber genügt ein niedergelassener Arzt und wann sollte man sofort in die Klinik fahren? "Treten die Schmerzen plötzlich auf, sind sie offensichtlich sehr schlimm, und kommt noch Erbrechen hinzu: sofort in die Klinik", sagt Stefan Holland-Cunz, Chef-Kinderchirurg an der Uni-Klinik in Basel.

Kürzlich habe ihm eine aufgeregte Mutter in der Notaufnahme erzählt, ihr zehn Monate alter Junge sei plötzlich blass geworden, habe die Beinchen angezogen und angefangen zu schreien. Nach wenigen Minuten habe er wieder gespielt, um kurze Zeit später wieder zu brüllen. Nach einem Ultraschall konnte Holland-Cunz die Eltern beruhigen: Ein Stück Darm hatte sich in ein anderes geschoben. Diese sogenannte Invagination löste der Kinderradiologe rasch mit einem Einlauf. Plötzliches, heftiges Erbrechen und starke Bauchschmerzen können aber auch ein Zeichen dafür sein, dass der Darm abgeklemmt ist, etwa durch Verwachsungen nach einer früheren Operation.

Eine erste Idee hat Holland-Cunz oft schon mit seiner Frage, wie die Fahrt in die Klinik gewesen sei. "Klagt eine 13-Jährige über fürchterliche Bauchschmerzen, fand aber die Autofahrt okay, denke ich an die beginnende Menstruation", sagt der Kinderchirurg. "Sagt sie aber, jede Welle habe fürchterlich weh getan, läuten bei mir die Alarmglocken." Dann ist es vielleicht eine Blinddarmentzündung.

Diagnose oft erst nach Tagen

Der siebenjährige Junge, der kürzlich mit dem Rad gestürzt war, hatte nur leichtes Bauchweh, Holland-Cunz behielt ihn trotzdem eine Nacht in der Klinik. Am nächsten Tag sah er, dass sich die Bauchspeicheldrüse entzündet hatte. "Auch Blutungen aus Milz und Leber sind oft erst nach einer gewissen Zeit zu erkennen", sagt er.

In der Weihnachtszeit etwa kann er dagegen viele der Kinder gleich wieder nach Hause schicken - oft haben sie Bauchweh durch Verstopfung. "Viel Schokolade, wenig Ballaststoffe und Bewegung: Da wird der Stuhl bei jedem zu fest." Andreas Busch und Marc Sidler sehen immer häufiger Kinder mit chronischer Verstopfung. "Das liegt am Lebensstil mit zu viel Weißbrot, zu wenig Obst und Gemüse und wenig Bewegung", sagt Busch. "Mich wundert, dass immer weniger auf gute Ernährung geachtet wird - dabei kann man sich heute im Internet doch gut informieren."

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ZUR AUTORIN
  • Felicitas Witte
    Felicitas Witte fragt, bis selbst die besten Experten keine Antwort mehr haben. Die Ärztin und Journalistin prüft jede Studie auf Herz und Nieren und erklärt, was von angeblich bahnbrechenden neuen Therapien zu halten ist.

    Homepage von Felicitas Witte

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