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Behandlung von Rückenschmerzen: "Keine ausreichende Kommunikation"

Physiotherapie: Idealerweise tauschen sich Ärzte, Physiotherapeuten und Psychologen über die Behandlung des Patienten aus Zur Großansicht
DPA

Physiotherapie: Idealerweise tauschen sich Ärzte, Physiotherapeuten und Psychologen über die Behandlung des Patienten aus

Was läuft falsch in der Behandlung von Rückenschmerzen? Wann sollten Patienten mehr als nur den Orthopäden aufsuchen? Der Schmerzmediziner Rainer Sabatowski erklärt, warum Kreuzschmerz-Geplagte oft falsch behandelt werden - und wie sie Hilfe finden können.

ZUR PERSON
Rainer Sabatowski ist Professor und Leiter des Schmerzzentrums an der Universität Dresden.
SPIEGEL ONLINE: Viele Menschen mit unspezifischen Rückenschmerzen machen eine Odyssee von Arzt zu Arzt ohne Besserung- was läuft falsch in deren Behandlung?

Sabatowski: Diese Menschen gehen erst zum Hausarzt, wenn der nach längerer Zeit nicht weiterkommt, schickt er den Patienten zum Orthopäden. Irgendwann wird Physiotherapie verschrieben. Aber diese Behandlungen finden immer in separaten Sektoren statt - meistens gibt es zwischen ihnen keine ausreichende Kommunikation über die Behandlung.

SPIEGEL ONLINE: Obwohl das doch in der Nationalen Versorgungsleitlinie steht...

Sabatowski: Es sollte eine ausreichende Kommunikation geben, aber de facto gibt es sie nicht. Wenn Sie ein Rezept für Physiotherapie haben, gehen Sie damit zu einer Praxis, von der Sie gehört haben, dass sie besonders gut sei - oder zu einer in der Nähe von Wohnort oder Arbeitsplatz. Ob aber der Physiotherapeut das gleiche Konzept verfolgt wie der Arzt, ist überhaupt nicht gesagt. Es gibt eine Studie, die zeigt, welche negativen Konsequenzen das haben kann.

SPIEGEL ONLINE: Was wurde darin untersucht?

Sabatowski: Patienten mit chronischen Rückenschmerzen sind in einem Schmerzzentrum medizinisch untersucht worden. Sie bekamen je ein Rezept für Physiotherapie und Psychotherapie, den Therapeuten sollten sie sich selbst suchen. Am Ende konnte kein signifikanter Behandlungserfolg festgestellt werden, weil einfach jeder für sich behandelt hat und es keine ausreichende Kommunikation über den Patienten gab.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich das ausgewirkt?

Sabatowski: Im schlimmsten Fall kamen verschiedene Konzepte zum Einsatz. Der Physiotherapeut sagte, die Schmerzen kämen von dem Muskel, der Orthopäde meinte, die Ursache sei ein Wirbel, und der Psychologe behauptete, die Problematik sei ein psychologischer oder sozialer Faktor. Es wurde gar nicht der Versuch unternommen, diese verschiedenen Meinungen, die ja alle ihre Berechtigung haben, zu einem integrativen Ansatz zu formen. Dagegen ist die Wirksamkeit der multimodalen Therapie, wenn also Mediziner, Physiotherapeuten und Psychologen sich austauschen und zusammenarbeiten, gut belegt. Das dezentrale Konzept der Behandlung in verschiedenen Praxen dagegen, was ja leider die Regel ist in Deutschland, funktioniert häufig nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man beim Orthopäden erzählt, welche Theorien der Physiotherapeut hat, bekommt man oft den Eindruck, das interessiert den überhaupt nicht.

Sabatowski: Es ist nicht so, dass der Orthopäde etwas Falsches sagt, wenn er bei Patienten zum Beispiel degenerative Veränderungen an der Wirbelsäule erkennt - er sieht sie auf den Röntgen- und MRT-Bildern. Es ist auch nicht falsch, was Physiotherapeut und Psychologe sagen. Die Frage ist nur: Wie bekomme ich die Befunde zusammen zu einem Bild, das man in ein integriertes Therapiekonzept übersetzen kann.

SPIEGEL ONLINE: Sind Orthopäden auf das Skelettsystem fixiert?

Sabatowski: Das wird sicherlich nicht bei allen so sein, es gibt da sehr große Unterschiede, aber insgesamt drängt sich der Eindruck auf, dass komplexe Krankheitsbilder von Ärzten wenig differenziert wahrgenommen werden.

SPIEGEL ONLINE: Was empfehlen Sie Patienten?

Sabatowski: Wenn man das erste Mal Rückenschmerzen hat, sollte man zum Hausarzt gehen. Der guckt sich das an, und wenn er ausgeschlossen hat, dass etwas Schlimmes hinter den Schmerzen steckt, wird er Sie beraten, was Sie machen sollen. In der Regel sind die Schmerzen nach vier bis sechs Wochen verschwunden, sie brauchen keine weitere Behandlung. Wenn das nicht funktioniert, wäre der nächste Schritt, dass Sie zum Orthopäden gehen. Falls die Probleme auch mit den normalen orthopädischen Behandlungsmethoden nicht in den Griff zu bekommen sind und wenn der Schmerz droht, chronisch zu werden, sollte man sich in einem Schmerzzentrum vorstellen.

SPIEGEL ONLINE: Nach welcher Zeit ist ein Schmerz als chronisch anzusehen?

Sabatowski: Legt man die Hand auf die heiße Herdplatte, sagt einem der Schmerz, dass man sie besser dort wegnehmen sollte. Ein Knochenbruch schmerzt, damit man merkt, dass die Extremität geschont werden muss. Das ist die Warnfunktion des Schmerzes. Wenn er die verloren hat, wenn er bleibt, ohne dass auf eine akute Gefährdung des Körpers hingewiesen werden muss, dann ist Schmerz chronisch. Man liest oft auch Zeitangaben, also dass er nach drei oder sechs Monaten chronisch wird - das ist aber eine künstliche Klassifikation. Man braucht diese Einteilung für wissenschaftliche Studien. Die Zeit, nach der ein Schmerz als chronisch anzusehen ist, kann individuell sehr unterschiedlich sein.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt für den Patienten auch: Wenn man länger als drei Monate Rückenschmerzen hat, sollte man sich in einem Schmerzzentrum vorstellen?

Sabatowski: Spätestens dann sollte ein Patient in einem speziellen Zentrum untersucht werden, wo die verschiedenen Therapieformen integrativ angewandt werden. Sie müssen nicht unbedingt in einem Haus untergebracht sein, aber der Schmerztherapeut sollte nicht alleine arbeiten, sondern gut mit Physiotherapeuten und Psychotherapeuten vernetzt sein.

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Das Interview führte Frederik Jötten

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1. Schöne Traumwelt
lachina 13.02.2014
Recht hat der Mann, aber wo findet so eine Behandlung denn statt? Hausarzt, Orthopäde und Physiotherapeut werkeln munter vor sich hin; am meisten Vertrauen habe ich zu letztzerem, weil er mich zweimal die Woche sieht und mich mehr anfasst als beide zuvor. Es hat 8 (!) Jahre und 4 Rücken- OP gedauert, bis ein Schmerzzentrum überhaupt mal angedacht wurde - und das auch nur, weil ich mich informiert und die Ärzte auf diese Möglichkeit hingewiesen habe. Die Schmerzklinik, die im übrigen sehr gut war und mir viel geholfen hat, hat Wartelisten von einem dreiviertel Jahr.
2.
DieButter 13.02.2014
Zitat von lachinaRecht hat der Mann, aber wo findet so eine Behandlung denn statt? Hausarzt, Orthopäde und Physiotherapeut werkeln munter vor sich hin; am meisten Vertrauen habe ich zu letztzerem, weil er mich zweimal die Woche sieht und mich mehr anfasst als beide zuvor. Es hat 8 (!) Jahre und 4 Rücken- OP gedauert, bis ein Schmerzzentrum überhaupt mal angedacht wurde - und das auch nur, weil ich mich informiert und die Ärzte auf diese Möglichkeit hingewiesen habe. Die Schmerzklinik, die im übrigen sehr gut war und mir viel geholfen hat, hat Wartelisten von einem dreiviertel Jahr.
Diese Einstellung teilen viele, nur gehen die, wie sie auch, zum Falschen. Der Schuldmedizintherapeut versucht hauptsächlich somatische Krankheiten zu heilen. Wenn es ihnen aber um (körperliche) Zuwendung geht, nehmen sie bitte 100 € und stecken sie sie dem dafür zuständigen Esotheriker/Masseur/Animateur in den Hals und verschonen sie bitte Leute, die seriös arbeiten.
3. ANOA-Kliniken
dequincey 13.02.2014
Zitat von sysopDPAWas läuft falsch in der Behandlung von Rückenschmerzen? Wann sollten Patienten mehr als nur den Orthopäden aufsuchen? Der Schmerzmediziner Rainer Sabatowski erklärt, warum Kreuzschmerz-Geplagte oft falsch behandelt werden - und wie sie Hilfe finden können. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/behandlung-von-rueckenschmerzen-keine-ausreichende-kommunikation-a-952793.html
Bei anhaltenden Beschwerden des muskuloskeletalen Systems, wozu auch die Rückenschmerzen gehören, sollten Patienten eine ANOA-Klinik aufsuchen. ANOA ist die Arbeitsgemeinschaft nicht operativer orthopädischer Akut-Kliniken http://www.anoa-kliniken.de/level9_cms/index.php Das Konzept der multimodalen Schmerztherapie ist ein ANOA Konzept und wird in manchen Kliniken seit dreißig Jahren mit Erfolg angewandt. Einen ganz wesentlichen, im Grunde der wichtigste Aspekt wurde von Kollege Sabatowski nicht erwähnt. Die Eigentherapie des Patienten durch rückengerechtes Verhalten, gezieltes, möglichst tägliches Eigentraining und ein gesundes Körpergewicht. Daran scheitern leider auf Dauer sehr viele Patienten.
4. Was für ein Witz
tuvalu2004 13.02.2014
Kein Orthopäde hat groß Interesse einen Kassenpatienten mit chronischen Rückenschmerzen zu behandeln. Lediglich akute Schmerzen (Hexenschuß) wird mit Spritzen etc. behandelt. Auf meine Frage wie es denn weiter geht nach der Spritze, dass würde ja öfters auftreten mit den Schmerzen, antwortete mir ein Orthopäde: "Dann suchen Sie mal einen Fachmann auf." Heißt, kommen sie nicht wieder, bringt mir kein Geld. Anders sieht das natürlich bei Privatpatienten aus, da sind chronische Krankheiten Gold wert.
5. Jeder nur ein Kreuz
verhetzungsschutz 13.02.2014
Zitat von sysopDPAWas läuft falsch in der Behandlung von Rückenschmerzen? Wann sollten Patienten mehr als nur den Orthopäden aufsuchen? Der Schmerzmediziner Rainer Sabatowski erklärt, warum Kreuzschmerz-Geplagte oft falsch behandelt werden - und wie sie Hilfe finden können. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/behandlung-von-rueckenschmerzen-keine-ausreichende-kommunikation-a-952793.html
Bei ständigen Rückenschmerzen führt kein Weg am qualifizierten Staatstherapeuten vorbei, weil nur dieser die notwendige Erfahrung hat, um beispielsweise eine chronische Leistungsallergie ausschließen zu können. Um ihnen möglichst schnell und zielführend helfen zu können, erhalten Sie dann eine Überweisung zum Integrationszentrum. Dort werden Sie nicht nur untersucht, sondern erhalten ein ständiges Coaching, um Ihnen den Rücken zu stärken. Wichtig ist, daß der Schmerz konsequent überwacht wird und daß der Integrationsfachmann ihre laufenden Erfolge mit Ihnen bespricht. Leider wissen die wenigsten Menschen, mit ihrem Kreuz verantwortungsvoll umzugehen...
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