Behandlungsfehler Beweisführung vor Gericht ist oft kompliziert

Tausende Patienten werden jährlich in Deutschland Opfer von Behandlungsfehlern. Oft ist die Beweisführung vor Gericht kompliziert. So wie im aktuellen Fall einer Frau, die seit einer Schönheits-OP im Wachkoma liegt.

Ärzte im OP-Saal:  Die Aufklärung von Behandlungsfehlern ist ein kompliziertes Verfahren
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Ärzte im OP-Saal: Die Aufklärung von Behandlungsfehlern ist ein kompliziertes Verfahren


Es war ein fataler Fehler in einer Schönheitsklinik: Eine Medizinstudentin verabreicht einer frisch operierten Patientin ein Narkosemittel. Seither liegt die zweifache Mutter im Wachkoma - seit dem Juni 2011. Fast drei Jahre danach hatten jetzt Richter über das folgenschwere Versehen zu entscheiden. Der Ehemann verlangt Schadensersatz von mehr als 800.000 Euro für die Pflege seiner Frau.

Die Klinik, der operierende Arzt und die Medizinstudentin müssen haften, so entscheidet das Gericht am Dienstag. In welcher Höhe, das soll nach einer weiteren Beweisaufnahme festgelegt werden.

Der Fall sei besonders tragisch, weil kein klassischer Behandlungsfehler vorliege, sagt Rechtsanwältin Michaela Bürgle. "Es ist nicht so, dass einem Arzt das Messer ausgerutscht ist." Vielmehr habe eine Verkettung von Fehlern zu der falschen Nachbehandlung und der Schädigung der Patientin geführt.

Bürgle vertritt Patienten in ganz Deutschland, pro Jahr nimmt sie nach eigenen Angaben rund 150 neue Fälle an. Es geht nicht nur um Fehler bei Schönheitsoperationen, sondern etwa auch um Geburtsschäden oder um Beschwerden über künstliche Kniegelenke.

INFORMATIONEN FÜR BETROFFENE
Was ist ein Behandlungsfehler?
Ein Behandlungsfehler liegt vor, wenn ein Arzt einen Patienten nicht ordungsgemäß - das heißt nicht sorgfältig oder entsprechend der anerkannten medizinischen Standards - behandelt hat. Auch eine fehlende, falsche oder lückenhafte Aufklärung des Patienten über die Risiken eines medizinischen Eingriffes gilt als Behandlungsfehler.
An wen wende ich mich?
Das Aktionsbündnis Patientensicherheit rät dazu, zuerst das Gespräch mit dem behandelnden Arzt oder dem leitenden Klinikdirektor zu suchen. In vielen Kliniken existieren auch Beschwerdestellen, an die sich Patienten wenden können.

Weitere wichtige Ansprechpartner sind laut Bundesgesundheitsministerium die Krankenkassen: Viele können eine außergerichtliche Rechtsberatung vermitteln oder ein Gutachten durch den medizinischen Dienst der Krankenversicherung einholen. Dieses ist für Ärzte und Krankenhäuser zwar nicht bindend, kann aber bei einem Gerichtsverfahren nützlich sein.

Ebenfalls Hilfe bieten Verbraucherzentralen, Selbsthilfegruppen oder Patientenberatungsstellen. Die Unabhängige Patientenberatung Deutschland betreibt unter der Rufnummer 0800-0117722 ein bundesweites kostenloses Beratungstelefon.
Welche Rolle spielen die Schlichtungsstellen der Ärztekammern?
Die Schlichtungsstellen und Gutachterkommissionen der Ärztekammern sind neben der Krankenkasse die wichtigsten Anlaufstellen, wenn ein Patient ein Gutachten zu seinem Fall wünscht. Ihr Ziel ist es, Meinungsverschiedenheiten außergerichtlich zu klären. Die Kommissionen behandeln etwa ein Viertel aller vermutlichen Arztfehler.

Die Kommissionen haben für Patienten den Vorteil, dass ihre Arbeit für sie kostenlos ist, allerdings wird ihnen vorgeworfen, dass sie nicht komplett unabhängig sind, da sie zu den Ärztekammern gehören. Vorsitzender der Gutachterkommission ist ein Jurist, der die Befähigung zum Richteramt haben muss, hinzu kommen zwei ärztliche Mitglieder, von denen mindestens einer im gleichen Fachgebiet arbeiten muss wie der betroffene Arzt.

Das Einschalten der Schlichtungsstellen und Gutachterkommissionen ist freiwillig, die Fälle sollten noch nicht Gegenstand eines gerichtlichen Verfahrens sein und dürfen in der Regel nicht länger als fünf Jahre zurückliegen. Sind Patient oder Arzt mit dem Ergebnis nicht einverstanden, können sie anschließend noch vor Gericht ziehen.
Wie läuft ein Gerichtsverfahren ab?
Um den Verdacht eines Behandlungsfehlers zu klären, benötigen die Patienten die Dokumentation ihrer Behandlung. Jeder Patient hat grundsätzlich den Anspruch darauf, in die Akten einzusehen und Kopien zu erhalten.

Zieht der Patient vor Gericht, muss grundsätzlich er beweisen, dass er durch eine fehlerhafte Behandlung einen Gesundheitsschaden davongetragen hat. Das Gericht unterstützt ihn jedoch bei der Aufklärung und geht den Vorwürfen nach.
Weitere Informationen
Liste des Aktionsbündnisses Patientensicherheit mit Einrichtungen, die im Schadensfall helfen: http://www.aktionsbündnis-patientensicherheit.de

Broschüre "Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen bei den Ärztekammern - ein Wegweiser der Bundesärztekammer": http://www.aktionsbuendnis-patientensicherheit.de

Broschüre "Patientenrechte in Deutschland" des Bundesgesundheitsministeriums: http://www.bmg.bund.de

Die Gesamtzahl der Behandlungsfehler lässt sich laut Bundesgesundheitsministerium nur schätzen - die Annahmen reichen von 40.000 bis 170.000 jährlich. Auch für Schönheitsoperationen gebe es keine bundesweiten Zahlen zu Komplikationen und Fehlern, heißt es vom Berufsverband DGPRÄC, der Deutschen Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen. Im Jahr 2011 zählte die Gesellschaft rund 138.500 ästhetische Operationen. Es gebe aber eine Grauzone, da Schönheits-OPs zum Teil auch von fachfremden Medizinern ausgeführt würden, sagt Sprecherin Kerstin van Ark.

Vermuten Patienten eine fehlerhafte Behandlung, können sie sich an Schlichtungsstellen der Landesärztekammern wenden. Dort untersuchen Gutachter den Fall. Die Schlichtungsstelle für Arzthaftpflichtfragen der norddeutschen Ärztekammern beispielsweise ist für zehn Bundesländer zuständig. Geschäftsführer Johann Neu sagt: "In den vergangenen fünf Jahren wurden von uns knapp 15.000 beanstandete Eingriffe geprüft." Nur ein Prozent sei auf Schönheitsoperationen entfallen. Nicht alle Patienten wenden sich allerdings laut DGPRÄC an die Schlichtungsstellen.

Vor Gericht hänge der Erfolg von Klagen wegen Behandlungsfehlern generell davon ab, ob der Patient seine Vorwürfe beweisen kann, sagt Bürgle. Das sei nicht immer einfach.

Bei dem Mainzer Fall verlief die eigentliche Operation ohne Komplikationen. Strukturelle Probleme in der Organisation der Klinik hätten allerdings die Fehler bei der Nachbehandlung verursacht. Das bestätigten Gutachter im Laufe des Prozesses. In seiner Urteilsbegründung schloss sich der Richter der Einschätzung der Sachverständigen an (Az.: 2 O 266/11). Diese hatten unter anderem kritisiert, dass die Betreuung einer frisch operierten Patientin keinesfalls einer Studentin alleine hätte anvertraut werden dürfen.

Susanne Popp, dpa

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insgesamt 33 Beiträge
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God 15.04.2014
1. Ist überhaupt nicht kompliziert !!!!!!
Nur durch die Lügen der falschen Gutachter wird es kompliziert ! In den OPs selber weiß jeder bescheid, wer gepfuscht hat, wer was kann und wer nicht ! Fragt mal Udo Ludwig vom Spiegel !! Siehe seine Bücher ! Ein Mann vom Fach aus dem OP: Dr.med. X.X ! P.S. In den USA bekommen die Patienten viel schneller Recht ! Warum ?? Und die Approbation der Pfuscher ist auch schneller weg und für immer ! und die Strafen sind härter und gerechter, denn es geht nicht um Finanzdelikte sondern um MENSCHENLEBEN !! In Deutschland liegt es einzig und alleine an der korrupten Justiz !!!!!!!!
Putenbuch 15.04.2014
2. Beweislastumkehr
Es wäre m. E. wünschenswert für alle, eine dauerhafte Beweislastumkehr im Gesetz zu verankern. Dass der Patient, also der Laie, dem Arzt den Fehler zu beweisen hat ist einfach absurd und führt meiner Meinung auch zu der Fülle der Fehlbehandlungen, frei nach dem Motto: Das kann der mir eh nie nachweisen. Die jetzige Beweislastlage ist geradezu eine Aufforderung zum Pfusch. Sie entspricht auch nicht den sonstigen Standards im Verbraucherschutz. Als Verbraucher ist man weit besser gegen betrügerische Kaufleute geschützt, als als Patientent vor schlampig behandelnden Ärzten.
God 15.04.2014
3. Unverantwortlich !
Studentin heisst hier PJlerin ! Da hätte man sich vorher über deren Kenntnis und Fähigkeit informieren müssen ! Ich habe an der chirurgischen Universitätsklinik Heidelberg unter Prof. Herfarth in den 90er Jahren als PJ eine Station oft fast alleine geführt, weil mein Stationsarzt volles Vertrauen zu mir hatte. Es ist nie was passiert ! So kann man auch arbeiten, wenn man gründlich studiert, und ich habe während des theoretischen Studiums noch 5,5 Jahre nebenher auf Intensivstationen Geld verdient in der Pflege ! Also Praxis parallel mit Studium. Im Endeffekt hängt die Arbeit aber von der Begabung und Charakter ab, viele wollen nur Arzt werden, weil Papi es auch war und weil es angeblich Ruhm und Ehre bringt ! Das sind meist die falschen und schlechten Ärzte, genauso wie die 1er Kandidaten !
TS_Alien 15.04.2014
4.
Da ist er wieder, der falsche Korpsgeist. Dabei müssten aufrechte Ärzte und Polizisten und Juristen dafür sorgen, dass die Luschen und Kriminellen unter ihnen aussortiert werden. Da das nicht geschieht, darf man mit gutem Recht allen Beteiligten einen miesen Charakter zuordnen.
Ratzbär 15.04.2014
5. Satzzeichen
Zitat von GodNur durch die Lügen der falschen Gutachter wird es kompliziert ! In den OPs selber weiß jeder bescheid, wer gepfuscht hat, wer was kann und wer nicht ! Fragt mal Udo Ludwig vom Spiegel !! Siehe seine Bücher ! Ein Mann vom Fach aus dem OP: Dr.med. X.X ! P.S. In den USA bekommen die Patienten viel schneller Recht ! Warum ?? Und die Approbation der Pfuscher ist auch schneller weg und für immer ! und die Strafen sind härter und gerechter, denn es geht nicht um Finanzdelikte sondern um MENSCHENLEBEN !! In Deutschland liegt es einzig und alleine an der korrupten Justiz !!!!!!!!
Zunächst einmal sollten Sie sich beruhigen, dann vielleicht mal ein paar Belege vorlegen. Ach so: Satzzeichen sind keine Rudeltiere! ;-)
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