Krankenkassen: Die Behandlungsfehlerstatistik 2011 im Detail

Knapp 12.700 Beschwerden von Patienten haben die Gutachter der Medizinischen Dienste der Krankenkassen für das Jahr 2011 überprüft. Die meisten Beschwerden gibt es über Orthopäden und Unfallchirurgen. Begründet sind die Vorwürfe aber vor allem bei Zahnmedizinern, Frauenärzten und in der Pflege.

Bestätigte Behandlungsfehler

Dem Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) wurden 2011 insgesamt 12.686 Behandlungsfehlervorwürfe gemeldet. Davon wurden 4068 (32,1 Prozent) bestätigt. Von diesen wiederum waren 75,1 Prozent ursächlich für einen gesundheitlichen Schaden des Patienten.


Praxis und Krankenhaus

Der Großteil der Beschwerden richtete sich gegen Ärzte, die ihre Patienten in der Klinik behandelt haben. Von den 12.686 Gutachten des MDK wurden 8509 (67 Prozent) im stationären Bereich erstellt, 4177 (33 Prozent) für ambulante Behandlungen. In den Kliniken steckten hinter 30 Prozent der Beschwerden tatsächlich Behandlungsfehler, in den Arztpraxen waren 36,1 Prozent der Vorwürfe begründet.


Betroffene Fachgebiete (gesamt)

Die meisten Vorwürfe über Behandlungsfehler richten sich gegen Orthopäden und Unfallchirurgen (gemeinsam 3539 Fälle), von denen 30,2 Prozent berechtigt sind. Es folgen die Chirurgie (außer Unfallchirurgie/Orthopädie) mit 2343 Fällen (29,2 Prozent bestätigt), Zahnmedizin (1123 Fälle, 42,8 Prozent bestätigt), Gynäkologie (1103 Fälle, 33,6 Prozent bestätigt), Innere Medizin (1090 Fälle, 27,2 Prozent bestätigt) und die Pflege (642 Fälle, 50,8 Prozent bestätigt).

Sorgen bereiten dem Medizinischen Dienst die Fachgebiete mit besonders hohen Bestätigungsquoten: Zahnmedizin (inklusive Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie), Gynäkologie und die Pflege.


Betroffene Fachgebiete (ambulant)

Im ambulanten Bereich treffen die meisten Beschwerden die Zahnmedizin (936 Fälle, 46,3 Prozent bestätigt), Orthopädie/Unfallchirurgie (902 Fälle, 32,9 Prozent bestätigt), Chirurgie (530 Fälle, 31,7 Prozent bestätigt), Innere Medizin (341 Fälle, 24,9 Prozent bestätigt), Augenheilkunde (249 Fälle, 38,2 Prozent bestätigt) und Allgemeinmedizin (179 fälle, 44,1 Prozent bestätigt).

Auch hier gilt: Ein besonderes Augenmerk will der MDK künftig auf die Fachrichtungen mit hohen Bestätigungsquoten richten. Das sind Zahnmedizin, Gynäkologie/Geburtshilfe und Allgemeinmedizin.


Betroffene Fachgebiete (stationär)

Im stationären Bereich treffen die meisten Beschwerden die Orthopädie/Unfallchirurgie (2637 Fälle, 29,3 Prozent bestätigt), Chirurgie (1813 Fälle, 28,5 Prozent bestätigt), Gynäkologie und Geburtshilfe (818 Fälle, 31,4 Prozent bestätigt), Innere Medizin (749 Fälle, 28,3 Prozent bestätigt), die Pflege (522 Fälle, 53,6 Prozent bestätigt), Neurochirurgie (420 Fälle, 29,8 Prozent bestätigt), Urologie (254 Fälle, 21,7 Prozent bestätigt), HNO (202 Fälle, 21,8 Prozent bestätigt), Zahnmedizin (187 Fälle, 25,7 Prozent bestätigt) sowie Anästhesiologie und Intensivmedizin (180 Fälle, 35,0 Prozent bestätigt).

Die Fächer mit den prozentual meisten bestätigten Vorwürfen sind hier Gynäkologie/Geburtshilfe, die Pflege sowie Anästhesiologie und Intensivmedizin.


Krankheiten mit den meisten Behandlungsfehlern

Die meisten Beschwerden gibt es bei Kniegelenksarthrose (604 Fälle, 26,3 Prozent bestätigt), Hüftgelenksarthrose (504 Fälle, 27,8 Prozent bestätigt), Zahnkaries (287 Fälle, 46,7 Prozent bestätigt), Bruch des Oberschenkels (290 Fälle, 38,3 Prozent bestätigt), Entzündung des Zahnnervs (217 Fälle, 49,8 Prozent bestätigt), Bruch des Unterschenkels (241 Fälle, 35,3 Prozent bestätigt), Druckgeschwür (223 Fälle, 36,3 Prozent bestätigt), sonstigen Zahnkrankheiten (209 Fälle, 34,9 Prozent bestätigt), Bruch des Unterarms (170 Fälle, 39,4 Prozent bestätigt) und Bandscheibenschäden (202 Fälle, 28,7 Prozent bestätigt).

Spitzenreiter der Krankheiten mit der prozentual höchsten Bestätigungsquote sind hier Zahnkaries, Entzündungen des Zahnnervs und Unterarmbrüche.

dba/Quelle: Medizinischer Dienst der Krankenversicherung

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INFORMATIONEN FÜR BETROFFENE
Was ist ein Behandlungsfehler?
Ein Behandlungsfehler liegt vor, wenn ein Arzt einen Patienten nicht ordungsgemäß - das heißt nicht sorgfältig oder entsprechend der anerkannten medizinischen Standards - behandelt hat. Auch eine fehlende, falsche oder lückenhafte Aufklärung des Patienten über die Risiken eines medizinischen Eingriffes gilt als Behandlungsfehler.
An wen wende ich mich?
Das Aktionsbündnis Patientensicherheit rät dazu, zuerst das Gespräch mit dem behandelnden Arzt oder dem leitenden Klinikdirektor zu suchen. In vielen Kliniken existieren auch Beschwerdestellen, an die sich Patienten wenden können.

Weitere wichtige Ansprechpartner sind laut Bundesgesundheitsministerium die Krankenkassen: Viele können eine außergerichtliche Rechtsberatung vermitteln oder ein Gutachten durch den medizinischen Dienst der Krankenversicherung einholen. Dieses ist für Ärzte und Krankenhäuser zwar nicht bindend, kann aber bei einem Gerichtsverfahren nützlich sein.

Ebenfalls Hilfe bieten Verbraucherzentralen, Selbsthilfegruppen oder Patientenberatungsstellen. Die Unabhängige Patientenberatung Deutschland betreibt unter der Rufnummer 0800-0117722 ein bundesweites kostenloses Beratungstelefon.
Welche Rolle spielen die Schlichtungsstellen der Ärztekammern?
Die Schlichtungsstellen und Gutachterkommissionen der Ärztekammern sind neben der Krankenkasse die wichtigsten Anlaufstellen, wenn ein Patient ein Gutachten zu seinem Fall wünscht. Ihr Ziel ist es, Meinungsverschiedenheiten außergerichtlich zu klären. Die Kommissionen behandeln etwa ein Viertel aller vermutlichen Arztfehler.

Die Kommissionen haben für Patienten den Vorteil, dass ihre Arbeit für sie kostenlos ist, allerdings wird ihnen vorgeworfen, dass sie nicht komplett unabhängig sind, da sie zu den Ärztekammern gehören. Vorsitzender der Gutachterkommission ist ein Jurist, der die Befähigung zum Richteramt haben muss, hinzu kommen zwei ärztliche Mitglieder, von denen mindestens einer im gleichen Fachgebiet arbeiten muss wie der betroffene Arzt.

Das Einschalten der Schlichtungsstellen und Gutachterkommissionen ist freiwillig, die Fälle sollten noch nicht Gegenstand eines gerichtlichen Verfahrens sein und dürfen in der Regel nicht länger als fünf Jahre zurückliegen. Sind Patient oder Arzt mit dem Ergebnis nicht einverstanden, können sie anschließend noch vor Gericht ziehen.
Wie läuft ein Gerichtsverfahren ab?
Um den Verdacht eines Behandlungsfehlers zu klären, benötigen die Patienten die Dokumentation ihrer Behandlung. Jeder Patient hat grundsätzlich den Anspruch darauf, in die Akten einzusehen und Kopien zu erhalten.

Zieht der Patient vor Gericht, muss grundsätzlich er beweisen, dass er durch eine fehlerhafte Behandlung einen Gesundheitsschaden davongetragen hat. Das Gericht unterstützt ihn jedoch bei der Aufklärung und geht den Vorwürfen nach.
Weitere Informationen
Liste des Aktionsbündnisses Patientensicherheit mit Einrichtungen, die im Schadensfall helfen: http://www.aktionsbündnis-patientensicherheit.de

Broschüre "Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen bei den Ärztekammern - ein Wegweiser der Bundesärztekammer": http://www.aktionsbuendnis-patientensicherheit.de

Broschüre "Patientenrechte in Deutschland" des Bundesgesundheitsministeriums: http://www.bmg.bund.de

Spektakuläre Kunstfehler
Verwechselt
Eine 78-Jährige wird im März 2008 im Krankenhaus Münchberg (Bayern) das Opfer einer Verwechslung am OP-Tisch. Statt der erforderlichen Operation am Bein wird der Frau fälschlicherweise ein künstlicher Darmausgang gelegt.
Mangelnde Hygiene
Ein vorbestrafter Schönheitschirurg wird im Dezember 2005 zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt. Das Landgericht Nürnberg-Fürth sah es als erwiesen an, dass der Mann Frauen bei Brustvergrößerungen und Fettabsaugungen nicht kunstgerecht und mit mangelnder Hygiene operierte. Einer Patientin schnitt er auf dem Wohnzimmerboden in die Brust, um Eiter zu entfernen. Nach dem Tod einer Patientin war der Arzt zuvor bereits vom Amtsgericht Wernigerode zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden. Nach der Haftentlassung verlegte er seine Praxis nach Nürnberg.
Übersehene Infektion
Das Landgericht Bielefeld spricht einem früheren Jugendfußballer nach einem Kunstfehler 1,36 Millionen Euro Schadenersatz zu. Er hatte eine Klinik auf entgangene Einnahmen als Profispieler verklagt. Der damals 18-Jährige hatte 1993 einen Meniskusabriss und einen Kreuzbandriss erlitten. Eine Infektion im Knie behandelten die Ärzte zu spät. Das Gericht wertete das als groben Behandlungsfehler.
Misslungene Herz-OP
Sechs Jahre nach dem Tod einer Patientin wird ein 67 Jahre alter Klinikbesitzer aus Straubing (Bayern) im März 2005 wegen Totschlags und Körperverletzung zu drei Jahren Haft verurteilt. Bei der Herz-OP einer 55-Jährigen wurde eine Schlagader verletzt. Obwohl der Chefarzt Komplikationen bemerkte, ließ er die lebensgefährlich Verletzte erst nach sechs Stunden in eine größere Klinik bringen. Grund für die Verzögerung waren laut Landgericht Regensburg persönliche Differenzen mit einer nahe gelegenen Konkurrenz-Klinik.
Zu später Kaiserschnitt
Die Eltern eines Kindes, das durch einen Kunstfehler behindert zur Welt gekommen ist, erhalten 400.000 Euro Schmerzensgeld. Das sieht ein im Januar 2003 vor dem Landgericht Hannover geschlossener Vergleich vor. Der Junge wurde in der Klinik in Hannover zu spät per Kaiserschnitt geboren. Er ist seither taub, blind, spastisch gelähmt, kann nicht sprechen und muss künstlich ernährt werden.
Vergessenes Operationsbesteck
Ein Chefarzt am Krankenhaus Radolfzell (Baden-Württemberg) vergisst ein Operationsbesteck im Bauch einer Patientin. Das 30 Zentimeter lange Instrument wird erst neun Monate später auf einer Röntgenaufnahme entdeckt. Der Mediziner wird 1999 für seinen Fehler zu einer Geldstrafe von 24.000 Mark (rund 12.300 Euro) verurteilt.