Ich war nicht darauf vorbereitet, vielleicht bald sterben zu müssen. Ich hatte mich auf das Wochenende gefreut, aufs Tanzen und Freunde treffen. Es war Freitagnachmittag, ein paar Minuten nach 17 Uhr, als der Hals-Nasen-Ohren-Arzt meinen Hals von außen abtastete. Eine Hautärztin hatte mich an ihn verwiesen, ich hatte einen seltsamen Knubbel unter dem Unterkiefer, den sie nicht einordnen konnte. Ich spürte die Fingerkuppen des HNO-Arztes auf meiner Haut. Dann ließ er die Hände sinken und blickte mich ernst an. "Das haben Sie nicht verdient." Er schüttelte den Kopf. "In ihrem Alter ein Tumor in der Speicheldrüse - ich sehe da nur eine Chance: Operation am Montag."
Seine Worte trafen mich wie ein Baseballschläger, benommen saß ich vor ihm, hörte nur noch das Rauschen meines Blutes im Kopf. Mein Blick schweifte durch den Raum und blieb an einem bunten Gemälde hängen. Wie oft werde ich noch Farben sehen? Wie viele Tage noch leben, bis alles für mich erlischt? "Wie lange habe ich noch?" hörte ich mich sagen. "Das kann etwas Bösartiges sein, muss aber nicht " sagte der Arzt, jetzt klang er schon wieder seltsam zuversichtlich. So also hört es sich an, wenn sie die Todgeweihten beruhigen wollen - mein Gott wie armselig und unglaubwürdig, dachte ich.
"Der Eingriff ist nicht ungefährlich"
Er drückte mir ein Blatt in die Hand, eine Einverständniserklärung für die Operation mit einem Schaubild. "Ich entferne Ihnen den Tumor", sagte er. "Der Eingriff ist nicht ungefährlich, hier verläuft der Trigeminus-Nerv, wenn der verletzt wird, bleibt ihr Gesicht gelähmt - aber ich passe schon auf!" Er zeigte mir, wo ich unterschreiben solle. "Montagmorgen 8 Uhr in der Klinik - nüchtern."
Langsam erwachte ich aus meiner Lähmung. "Verlassen Sie sich jetzt allein auf das, was Sie ertastet haben? Sollten wir nicht wenigstens noch irgendein Bild machen?" Widerwillig schrieb er mir eine Überweisung für eine Kernspintomografie, den OP-Termin verschob er auf Montagnachmittag.
Ich war froh, Privatpatient zu sein, denn so bekam ich tatsächlich einen Kernspintermin für kommenden Montagmittag - da wusste ich noch nicht, dass meine Versicherung in Wirklichkeit mein Problem war. Das Wochenende war gar nicht schön. Ich redete mit befreundeten Ärzten - sie fanden das Verhalten ihres Kollegen katastrophal und rieten mir, unbedingt noch einen anderen Spezialisten aufzusuchen, bevor ich mich unters Messer legen sollte.
Dann: ein salziger Geschmack im Mund
Plötzlich während eines Telefongesprächs am Sonntagabend hatte ich einen salzigen Geschmack im Mund, danach sah es für mich so aus, als ob der Knubbel am Hals verschwunden wäre. Das Kernspintomografiebild am Folgetag zeigte: kein Befund. Ich sagte die OP ab, ich war glücklich. Der zweite HNO-Arzt, bei dem ich mich am gleichen Abend vorstellte, tastete, schaute die Bilder an - und fand ebenfalls nichts.
"Der Gang zwischen Speicheldrüse am Zungengrund und Mund war bei Ihnen wohl ein paar Tage verstopft", sagte er. "Gestern hat er sich dann geöffnet und das salzige Sekret ist Ihnen in den Mund gelaufen." Nach dem Glück kam die Wut. Wenn ich nicht rechtzeitig aus meinem Schock erwacht wäre und auf weitere Diagnostik gedrängt hätte, läge ich jetzt frisch operiert im Krankenhaus! Der erste HNO-Arzt hätte mir den Hals aufgeschnitten, riskiert, dass mein Gesicht gelähmt bleiben würde, ohne sich ein genaueres Bild zu machen. Einfach, weil er mit der Operation viel Geld hätte verdienen können, weil ich privat krankenversichert war.
Als ich die Geschichte später bei einem Termin meinem neuen HNO-Arzt erzählte, schüttelte der nur den Kopf. "Das ist nicht das erste Mal, dass ich so etwas von dem Kollegen höre", sagt er. "Ich verstehe nicht, dass der noch seine Approbation hat - warum beschweren sich die Leute nicht?" Ja, ich hatte mich nicht beschwert, ich wusste nicht wo, ich hatte zu tun, jetzt war es zu spät - und ich bin mitverantwortlich, dass dieser Arzt immer noch praktiziert, wahrscheinlich weiterhin zum Wohle seiner Geldbörse und nicht seiner Patienten.
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