Wir machen uns mal frei: Operation Privatpatient

Ärztin untersucht Patient: Eine voreilige Diagnose kann zur unnötigen OP führen - am besten holt man mehrere Meinungen ein Zur Großansicht
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Ärztin untersucht Patient: Eine voreilige Diagnose kann zur unnötigen OP führen - am besten holt man mehrere Meinungen ein

Als er zum Arzt kam, war Kolumnist Frederik Jötten noch gesund. Als er ging, war er ein potentieller Krebspatient mit einem Operationstermin drei Tage später: Der Arzt hatte einen Tumor in seiner Speicheldrüse diagnostiziert - eine lukrative Fehlentscheidung.

Ich war nicht darauf vorbereitet, vielleicht bald sterben zu müssen. Ich hatte mich auf das Wochenende gefreut, aufs Tanzen und Freunde treffen. Es war Freitagnachmittag, ein paar Minuten nach 17 Uhr, als der Hals-Nasen-Ohren-Arzt meinen Hals von außen abtastete. Eine Hautärztin hatte mich an ihn verwiesen, ich hatte einen seltsamen Knubbel unter dem Unterkiefer, den sie nicht einordnen konnte. Ich spürte die Fingerkuppen des HNO-Arztes auf meiner Haut. Dann ließ er die Hände sinken und blickte mich ernst an. "Das haben Sie nicht verdient." Er schüttelte den Kopf. "In ihrem Alter ein Tumor in der Speicheldrüse - ich sehe da nur eine Chance: Operation am Montag."

Seine Worte trafen mich wie ein Baseballschläger, benommen saß ich vor ihm, hörte nur noch das Rauschen meines Blutes im Kopf. Mein Blick schweifte durch den Raum und blieb an einem bunten Gemälde hängen. Wie oft werde ich noch Farben sehen? Wie viele Tage noch leben, bis alles für mich erlischt? "Wie lange habe ich noch?" hörte ich mich sagen. "Das kann etwas Bösartiges sein, muss aber nicht…" sagte der Arzt, jetzt klang er schon wieder seltsam zuversichtlich. So also hört es sich an, wenn sie die Todgeweihten beruhigen wollen - mein Gott wie armselig und unglaubwürdig, dachte ich.

"Der Eingriff ist nicht ungefährlich"

Er drückte mir ein Blatt in die Hand, eine Einverständniserklärung für die Operation mit einem Schaubild. "Ich entferne Ihnen den Tumor", sagte er. "Der Eingriff ist nicht ungefährlich, hier verläuft der Trigeminus-Nerv, wenn der verletzt wird, bleibt ihr Gesicht gelähmt - aber ich passe schon auf!" Er zeigte mir, wo ich unterschreiben solle. "Montagmorgen 8 Uhr in der Klinik - nüchtern."

Langsam erwachte ich aus meiner Lähmung. "Verlassen Sie sich jetzt allein auf das, was Sie ertastet haben? Sollten wir nicht wenigstens noch irgendein Bild machen?" Widerwillig schrieb er mir eine Überweisung für eine Kernspintomografie, den OP-Termin verschob er auf Montagnachmittag.

Ich war froh, Privatpatient zu sein, denn so bekam ich tatsächlich einen Kernspintermin für kommenden Montagmittag - da wusste ich noch nicht, dass meine Versicherung in Wirklichkeit mein Problem war. Das Wochenende war gar nicht schön. Ich redete mit befreundeten Ärzten - sie fanden das Verhalten ihres Kollegen katastrophal und rieten mir, unbedingt noch einen anderen Spezialisten aufzusuchen, bevor ich mich unters Messer legen sollte.

Dann: ein salziger Geschmack im Mund

Plötzlich während eines Telefongesprächs am Sonntagabend hatte ich einen salzigen Geschmack im Mund, danach sah es für mich so aus, als ob der Knubbel am Hals verschwunden wäre. Das Kernspintomografiebild am Folgetag zeigte: kein Befund. Ich sagte die OP ab, ich war glücklich. Der zweite HNO-Arzt, bei dem ich mich am gleichen Abend vorstellte, tastete, schaute die Bilder an - und fand ebenfalls nichts.

"Der Gang zwischen Speicheldrüse am Zungengrund und Mund war bei Ihnen wohl ein paar Tage verstopft", sagte er. "Gestern hat er sich dann geöffnet und das salzige Sekret ist Ihnen in den Mund gelaufen." Nach dem Glück kam die Wut. Wenn ich nicht rechtzeitig aus meinem Schock erwacht wäre und auf weitere Diagnostik gedrängt hätte, läge ich jetzt frisch operiert im Krankenhaus! Der erste HNO-Arzt hätte mir den Hals aufgeschnitten, riskiert, dass mein Gesicht gelähmt bleiben würde, ohne sich ein genaueres Bild zu machen. Einfach, weil er mit der Operation viel Geld hätte verdienen können, weil ich privat krankenversichert war.

Als ich die Geschichte später bei einem Termin meinem neuen HNO-Arzt erzählte, schüttelte der nur den Kopf. "Das ist nicht das erste Mal, dass ich so etwas von dem Kollegen höre", sagt er. "Ich verstehe nicht, dass der noch seine Approbation hat - warum beschweren sich die Leute nicht?" Ja, ich hatte mich nicht beschwert, ich wusste nicht wo, ich hatte zu tun, jetzt war es zu spät - und ich bin mitverantwortlich, dass dieser Arzt immer noch praktiziert, wahrscheinlich weiterhin zum Wohle seiner Geldbörse und nicht seiner Patienten.

INFORMATIONEN FÜR BETROFFENE
Was ist ein Behandlungsfehler?
Ein Behandlungsfehler liegt vor, wenn ein Arzt einen Patienten nicht ordungsgemäß - das heißt nicht sorgfältig oder entsprechend der anerkannten medizinischen Standards - behandelt hat. Auch eine fehlende, falsche oder lückenhafte Aufklärung des Patienten über die Risiken eines medizinischen Eingriffes gilt als Behandlungsfehler.
An wen wende ich mich?
Das Aktionsbündnis Patientensicherheit rät dazu, zuerst das Gespräch mit dem behandelnden Arzt oder dem leitenden Klinikdirektor zu suchen. In vielen Kliniken existieren auch Beschwerdestellen, an die sich Patienten wenden können.

Weitere wichtige Ansprechpartner sind laut Bundesgesundheitsministerium die Krankenkassen: Viele können eine außergerichtliche Rechtsberatung vermitteln oder ein Gutachten durch den medizinischen Dienst der Krankenversicherung einholen. Dieses ist für Ärzte und Krankenhäuser zwar nicht bindend, kann aber bei einem Gerichtsverfahren nützlich sein.

Ebenfalls Hilfe bieten Verbraucherzentralen, Selbsthilfegruppen oder Patientenberatungsstellen. Die Unabhängige Patientenberatung Deutschland betreibt unter der Rufnummer 0800-0117722 ein bundesweites kostenloses Beratungstelefon.
Welche Rolle spielen die Schlichtungsstellen der Ärztekammern?
Die Schlichtungsstellen und Gutachterkommissionen der Ärztekammern sind neben der Krankenkasse die wichtigsten Anlaufstellen, wenn ein Patient ein Gutachten zu seinem Fall wünscht. Ihr Ziel ist es, Meinungsverschiedenheiten außergerichtlich zu klären. Die Kommissionen behandeln etwa ein Viertel aller vermutlichen Arztfehler.

Die Kommissionen haben für Patienten den Vorteil, dass ihre Arbeit für sie kostenlos ist, allerdings wird ihnen vorgeworfen, dass sie nicht komplett unabhängig sind, da sie zu den Ärztekammern gehören. Vorsitzender der Gutachterkommission ist ein Jurist, der die Befähigung zum Richteramt haben muss, hinzu kommen zwei ärztliche Mitglieder, von denen mindestens einer im gleichen Fachgebiet arbeiten muss wie der betroffene Arzt.

Das Einschalten der Schlichtungsstellen und Gutachterkommissionen ist freiwillig, die Fälle sollten noch nicht Gegenstand eines gerichtlichen Verfahrens sein und dürfen in der Regel nicht länger als fünf Jahre zurückliegen. Sind Patient oder Arzt mit dem Ergebnis nicht einverstanden, können sie anschließend noch vor Gericht ziehen.
Wie läuft ein Gerichtsverfahren ab?
Um den Verdacht eines Behandlungsfehlers zu klären, benötigen die Patienten die Dokumentation ihrer Behandlung. Jeder Patient hat grundsätzlich den Anspruch darauf, in die Akten einzusehen und Kopien zu erhalten.

Zieht der Patient vor Gericht, muss grundsätzlich er beweisen, dass er durch eine fehlerhafte Behandlung einen Gesundheitsschaden davongetragen hat. Das Gericht unterstützt ihn jedoch bei der Aufklärung und geht den Vorwürfen nach.
Weitere Informationen
Liste des Aktionsbündnisses Patientensicherheit mit Einrichtungen, die im Schadensfall helfen: http://www.aktionsbündnis-patientensicherheit.de

Broschüre "Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen bei den Ärztekammern - ein Wegweiser der Bundesärztekammer": http://www.aktionsbuendnis-patientensicherheit.de

Broschüre "Patientenrechte in Deutschland" des Bundesgesundheitsministeriums: http://www.bmg.bund.de

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insgesamt 48 Beiträge
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1. Bei Orthopäden normal
EL2666 17.08.2012
Zitat von sysopAls er zum Arzt kam, war Kolumnist Frederik Jötten noch gesund. Als er ging, war er ein potentieller Krebspatient mit einem Operationstermin drei Tage später: Der Arzt hatte einen Tumor in seiner Speicheldrüse diagnostiziert - eine lukrative Fehlentscheidung. Behandlungsfehler: Überdiagnose als Privatpatient - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/0,1518,850438,00.html)
Schmerzhafte Schulter wegen Überlastung. Vorstellung beim Orthopäden: 1. Röntgen 2. Ultraschall 3. Kernspin 4. Spritzenkur Kosten 1.-4.: 1500 €, Erfolg null. 5. Belegarztorthopäde plant OP (ohne OP kriegen wir das nicht mehr hin) 6. 2.Meinung eingeholt, Orthopäde rät dringend von OP ab. 7. Kortisontherapie 3 Wochen + Krankengym. 3 Wochen, alles wieder gut. Kosten 2. Orthopäde 130 €. Wäre doch gleich so gegangen, oder nicht ? Die überwiegende Anzahl dieser Typen bereichern sich auf Patienten- und Kassenkosten und sonst gar nichts. Deshalb: Immer 2. oder 3. Meinung einholen. Grüße mit intakter Schulter
2.
Wofgang 17.08.2012
Knubbel am Fuß! 1.Ortopäde -> Arthrose, kann man nichts machen 2.Orthopäde -> Knick-Senk-Spreizfuß, Einlagen. Allgemeinarzt erzählt ->"So sind die Othopäden halt!" Ein mal punktiert, kein Erfolg. Solange der Knubbel nicht größer wird, ignorieren. Pragmatische, zeit- und kostengünstige Lösung! :-)
3. Auch bei mir
kafka01 17.08.2012
wurden schon solch Fantasiediagnosen festgestellt. Vor mehr als 10 Jahren wollte mich ein Arzt am Steißbein operieren. Als ich kurz darauf wegen einer anderen Sache ins Krankenhaus kam wurde diese angebliche Diagnose nochmals untersucht und da war überhaupt nichts - die Schmerzen kamen einfach vom zu langen Sitzen. Auch Zahnärzte sind sehr kreativ wenn es darum geht, Inlays zu legen. Bei einem neuen Zahnarzt vorgestellt, wollte der gleich 4!!!! notwendige Inlays legen. Ein anderer Zahnarzt hatte die Diagnose dann auf ein einziges korrigiert. Diese Art von Betrug ist schon sehr dreist und müsste eigentlich strengstens geahndet werden, da es an sich nicht nur Körperverletzung sondern auch Betrug an der Gesellschaft darstellt.
4.
njamba 17.08.2012
Zitat von WofgangKnubbel am Fuß! 1.Ortopäde -> Arthrose, kann man nichts machen 2.Orthopäde -> Knick-Senk-Spreizfuß, Einlagen. Allgemeinarzt erzählt ->"So sind die Othopäden halt!" Ein mal punktiert, kein Erfolg. Solange der Knubbel nicht größer wird, ignorieren. Pragmatische, zeit- und kostengünstige Lösung! :-)
. Ein bekannter und befreundeter (Arzt!) erzählt mir: wir Ärzte sind Krankheits-Manager und keine Heiler. Wenn Du dich nicht bewegts (sagt er mir) , dann komme zu mir ich werde deine Krankenheiten für paar Wochen managen, danach musst kommst Du nochmal zu mir. Wenn Du das alles nicht willst, dann steh um 6.00Uhr Morgens auf gehen laufen (gehen, walken jogging egal). Seitdem ich seinem Rat befolge, geht´s mir auch besser. Er sagte(der Arzt) aber auch: ich freue mich, wenn ich paar Euros im Monat verdienen kann. Also: Die Ärzte wissen ganzgenau bei welchen Patieten sie rumexperimentieren können und bei welchen nicht.
5. Die Privatkassen sind selber schuld
c54 17.08.2012
Ich verstehe nicht, dass die privaten Krankenkassen bei solchen Abrechnungen nicht genauer hinschauen, denn solche unnötigen OPs und Therapien bei privat Versicherten sind doch längst üblich! Als privat Versicherter wird man doch bei jedem Arztbesuch auf irgend etwas hingewiesen, das man therapieren könnte/sollte. Weicht irgendein Wert ein bisschen von der Norm ab - "oh, da sollten wir aber was unternehmen!" Meistens ist das nur teurer Pipifax. Die Kassen sollten solche Ärzte erkennen und schlicht auf die schwarze Liste derer setzen, deren Leistungen sie nicht bezahlen.
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Frederik Jötten

Spektakuläre Kunstfehler
Verwechselt
Eine 78-Jährige wird im März 2008 im Krankenhaus Münchberg (Bayern) das Opfer einer Verwechslung am OP-Tisch. Statt der erforderlichen Operation am Bein wird der Frau fälschlicherweise ein künstlicher Darmausgang gelegt.
Mangelnde Hygiene
Ein vorbestrafter Schönheitschirurg wird im Dezember 2005 zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt. Das Landgericht Nürnberg-Fürth sah es als erwiesen an, dass der Mann Frauen bei Brustvergrößerungen und Fettabsaugungen nicht kunstgerecht und mit mangelnder Hygiene operierte. Einer Patientin schnitt er auf dem Wohnzimmerboden in die Brust, um Eiter zu entfernen. Nach dem Tod einer Patientin war der Arzt zuvor bereits vom Amtsgericht Wernigerode zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden. Nach der Haftentlassung verlegte er seine Praxis nach Nürnberg.
Übersehene Infektion
Das Landgericht Bielefeld spricht einem früheren Jugendfußballer nach einem Kunstfehler 1,36 Millionen Euro Schadenersatz zu. Er hatte eine Klinik auf entgangene Einnahmen als Profispieler verklagt. Der damals 18-Jährige hatte 1993 einen Meniskusabriss und einen Kreuzbandriss erlitten. Eine Infektion im Knie behandelten die Ärzte zu spät. Das Gericht wertete das als groben Behandlungsfehler.
Misslungene Herz-OP
Sechs Jahre nach dem Tod einer Patientin wird ein 67 Jahre alter Klinikbesitzer aus Straubing (Bayern) im März 2005 wegen Totschlags und Körperverletzung zu drei Jahren Haft verurteilt. Bei der Herz-OP einer 55-Jährigen wurde eine Schlagader verletzt. Obwohl der Chefarzt Komplikationen bemerkte, ließ er die lebensgefährlich Verletzte erst nach sechs Stunden in eine größere Klinik bringen. Grund für die Verzögerung waren laut Landgericht Regensburg persönliche Differenzen mit einer nahe gelegenen Konkurrenz-Klinik.
Zu später Kaiserschnitt
Die Eltern eines Kindes, das durch einen Kunstfehler behindert zur Welt gekommen ist, erhalten 400.000 Euro Schmerzensgeld. Das sieht ein im Januar 2003 vor dem Landgericht Hannover geschlossener Vergleich vor. Der Junge wurde in der Klinik in Hannover zu spät per Kaiserschnitt geboren. Er ist seither taub, blind, spastisch gelähmt, kann nicht sprechen und muss künstlich ernährt werden.
Vergessenes Operationsbesteck
Ein Chefarzt am Krankenhaus Radolfzell (Baden-Württemberg) vergisst ein Operationsbesteck im Bauch einer Patientin. Das 30 Zentimeter lange Instrument wird erst neun Monate später auf einer Röntgenaufnahme entdeckt. Der Mediziner wird 1999 für seinen Fehler zu einer Geldstrafe von 24.000 Mark (rund 12.300 Euro) verurteilt.