Ärztliche Behandlungsfehler "Unglücklich gelaufen"

Wie reagiert ein Arzt, wenn man ihn mit einem Behandlungsfehler konfrontiert? Frederik Jötten hat es getan, nachdem er infolge einer Allergietherapie einen Schock erlitten hatte.

Einsicht in die Krankenakte: Es sollte nichts zu verbergen geben
Corbis

Einsicht in die Krankenakte: Es sollte nichts zu verbergen geben


Der Arzttermin war mir so unangenehm gewesen, dass ich ihn Monate hinausgeschoben hatte. Aber ich hatte mir vorgenommen, wegen des Behandlungsfehlers nicht zu schweigen. Ich machte also einen Termin bei dem Hautarzt, der mir im Zuge einer Hyposensibilisierung eine Nacht in der ärztlichen Notaufnahme beschert hatte. Es war mir suspekt vorgekommen, dass er die injizierte Pollendosis gesteigert hatte, obwohl ich nach der vorangegangenen Dosis bereits einen geschwollenen Oberarm gehabt hatte. Vor allem aber hatte er mich nach der Injektion sofort nach Hause geschickt, anstatt mich - wie vorgeschrieben - mindestens eine halbe Stunde zur Beobachtung in der Praxis zu behalten.

Der Arzt in der Notaufnahme hatte mich auf den Fehler hingewiesen und gesagt: "Wenn Sie Anzeige erstatten möchten, hier haben Sie es schriftlich." Jetzt saß ich mit seinem Schrieb in der Hand im Wartezimmer des Hautarztes. Anzeige - das kam mir übertrieben vor. Zwar war ich durch den Behandlungsfehler geschädigt worden. Allerdings nur für einen Abend. Danach ging es mir wieder gut. Aber den Arzt selbst wollte ich damit konfrontieren, außerdem wusste ich noch nicht, wie stark er die Allergendosis gesteigert hatte.

"Das kann passieren"

Im Behandlungszimmer sagte ich zu ihm: "Nach der letzten Injektion musste ich mit einem allergischen Schock in die Notaufnahme." Als Beleg gab ich ihm die Notfall-Überweisung. Er erschrak, antwortete aber aber kühl:

"Das kann passieren, in fünf Prozent der Fälle."

"Sie haben doch gesagt, ich könne sofort nach Hause gehen."

Er errötete. "Ja, weil die Leute es immer so eilig haben."

Tolle Begründung! Der Arzt öffnete ein Bildschirmfenster, auf dem ich sehen konnte, was er mir gespritzt hatte. Er hatte die Dosis verdreifacht, obwohl ich ihm kurz vorher meinen dick geschwollenen, roten Oberarm gezeigt hatte, in den er mir die Injektion gegeben hatte.

HYPOSENSIBILISIERUNG - FRAGEN AN DEN EXPERTEN
"Wir können ab jetzt vorsichtiger steigern", sagte er als einzige Reaktion auf den allergischen Schock.

"Moment! Der Notarzt sagte mir, ich solle sofort mit der Therapie aufhören. Bevor ich weitermache, möchte ich mir eine zweite Meinung einholen."

Das beeindruckte ihn nicht sonderlich. Nervös wirkte er erst, als ich ihn um einen Ausdruck des Injektionsschemas bat: "Das muss meine Sprechstundenhilfe machen", sagte er, "warten Sie bitte im Wartezimmer, ich habe noch einen Patienten."

Manipulation an Daten?

Mir kam das seltsam vor. Ich hatte Angst, er würde jetzt etwas am Computer manipulieren: "Ich würde ganz gern hier warten." Daraufhin ging er raus. Ich schaute durch die Glastür. Statt der Sprachstundenhilfe saß der Hautarzt selbst vor dem Computer am Empfang und hackte hektisch auf der Tastatur herum. Ich ging zu ihm.

"Was machen Sie da?"

"Äh, ich schreibe nur ein paar Abkürzungen auf, damit Sie wissen, was gemeint ist."

Von einem anderen Patienten war nichts zu sehen. Er war anscheinend nur aus dem Zimmer gegangen, um meine Akte nachzubearbeiten!

Zu gern wäre ich hinter den Tresen gegangen, um ihm über die Schulter zu schauen. Er tippte weiter. Drei Minuten später druckte er mir einen Zettel voller unverständlicher Abkürzungen aus, keine einzige war erklärt. Dafür stand in der untersten Zeile "0,3" wo ich eben am Bildschirm noch "0,7" gesehen hatte.

"Es steigert nicht gerade mein Vertrauen, wenn Sie aus dem Zimmer gehen und Einträge in meiner Akte ändern. Warum stand dort eben noch eine 0,7?"

"Selbst wenn dort eine 0,7 gestanden hätte, wäre das auch nicht schlimm."

Ich fand sein Verhalten unglaubwürdig. Er brachte mich zur Tür mit den Worten, er wisse, dass das unglücklich gelaufen sei, er könne verstehen, wenn ich ihm nicht mehr vertraue. In diesem Moment wirkte er sehr schuldbewusst. Ich brach die Hyposensibilisierung ab und ging nicht mehr zu dem Arzt.

Eine Rechnung bekam ich nie.

DIESE RECHTE HABEN SIE ALS PATIENT

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insgesamt 24 Beiträge
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samschuster 25.02.2015
1. lustig
ich musste gerade an den anderen spon-artikel denken, in dem es um den nie zufriedenen deutschen kunden geht... warum ist der autor erst hinterher so nachfrage-freudig, warum hat er nicht vorher so penetrant darauf bestanden, im wartezimmer bleiben zu dürfen, warum ging er einfach auf anraten seines arztes, dem er da eh schon nicht mehr getraut hat??? warum hat er sich einfach eine höhere dosis spritzen lassen, obwohl er bedenken hatte??? hätte er vorher so ein tamtam gemacht, hätte der arzt sein fehlerchen evt bemerkt?! stattdessen wieder mal ein reisserischer artikel... soll doch jeder selber medizin studieren und es besser machen!
athanasia 25.02.2015
2. Ärzte halt...
Viele verlieren bei mir immer mehr Vertrauen. Ich gehe wirklich sehr selten zum Arzt und nur wenn ich wirklich krank bin und alleine nicht mehr zurecht komme. Und trotzdem habe ich viele kennen gelernt, bei denen ich mich nie richtig ernst genommen fühlte. Kaum ein Arzt nimmt sich Zeit für eine vernünftige Anamnese. Beispielsweise macht es als Allergologe durchaus Sinn, denn Patienten vor einem Allergietest zu fragen, mit welchen Allergenen (z.B. welche Tierhaare) er in Kontakt kommt. Oder den Patienten zu fragen, was er beruflich macht, um sich auf ihn einstellen zu können, einen Eindruck zu haben, wieviel Vorwissen er hat oder ob man etwas ausführlicher erklären sollte. Womit wir beim nächsten Thema wären: Patienten Dinge erklären und ihnen genau sagen, wozu Medikamente, die verschrieben werden, gut sind. Erstaunlich viele Ärzte verlieren hierzu kein Wort, obwohl sie nach Patientenrechtegesetz dazu verpflichtet sind, ohne dass der Patient nachfragt. Hätte der Arzt im Artikel seinen Patient ernst genommen und ihm zugehört, wäre das vermutlich nicht passiert.
firefly 25.02.2015
3. Arzt ist ein anspruchsvoller Beruf
Arzt ist ein anspruchsvoller Beruf und nur sehr wenige sind dafür wirklich geeignet. Selbst "Dr. House" wäre überfordert, wenn er für jeden Patienten nur 5 Minuten hätte. Unter Ärzten geht man davon aus, dass mehr als 85% der Behandlungen nicht dem Optimum entsprechen und 15% der Behandlungen sogar kontraindiziert sind. Das Problem ist, dass das Wissen in der Medizin in den letzten 30 Jahren explodiert ist. Wie die Medizin die sie anwenden im Detail funktioniert wissen die meisten Mediziner nicht mehr. Deshalb arbeiten sie nach dem Schema "Wenn A, dann B". Das Denken ist den Medizinern schon lange abgenommen worden. Das ist auch teilweise gut so, denn wenn jeder Arzt machen würde was er denkt, dann würden wir noch viel mehr Fehlbehandlungen haben. Natürlich passen nicht alle Fälle in ein solches Schema. Dann gibt es Ärzte die nicht nachdenken und trotzdem das Schema anwenden und es gibt Ärzte die versuchen nachzudenken. Das Ergebnis ist oftmals das selbe.
obsurfer 25.02.2015
4. Ähnliche Fälle habe ich massenhaft erlebt!
Falls ein Journalist oder Buchautor noch "einschlägiges" Material dazu braucht - nur bei mir melden! SPON darf meine Kontaktdaten weitergeben! Zur Zeit vor allem mit Zahnärzten...
practicus 25.02.2015
5. genau deshalb
führe ich keine Desensibilisierungsbehandlungen mehr durch: Trotz Aufklärung über die Risiken bleibt kein Patient die vorgeschriebene halbe Stunde in der Praxis. Auch die Autorin ging ja, obwohl sie die Vorschrift mit den 30 Minuten kannte! Nachträgliche Änderungen in der Dokumentation sind natürlich eine Sauerei, und der Umgang des Arztes mit der Situation war natürlich erbärmlich. Der Rat des Arztes aus der Notaufnahme - zur Anzeige bringen - war durchaus gerechtfertigt - "Mitschuld" durch Nichteinhalten der Wartezeit hin oder her. Ich habe schon mehrfach Patienten zu rechtlichen Schritten bei eklatanten Fehlern geraten, die zu Schmerzensgeldern von 15.000 bis 30.000 € führten!
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