Behandlungsfehler Wie bekommen Betroffene eine Entschädigung?

Aufgrund von 1744 Behandlungsfehlern im Jahr 2015 haben Patienten laut Bundesärztekammer Anspruch auf Entschädigung. Der Weg zu ihrem Recht ist für die Betroffenen aber beschwerlich.

Von Timo Stukenberg

OP-Saal (Archivbild)
DPA

OP-Saal (Archivbild)


Helmut Köpf hat schon den höchsten Berg Afrikas, den Kilimandscharo, bestiegen. Er kletterte im Himalaya und in den Anden. Doch seit einer Operation am Halswirbel ist er querschnittgelähmt. "Ich kann nicht mal mehr einen Schritt in der Ebene machen", sagt Köpf. Die Klinik Immenstadt, die ihn zweimal untersucht und letztlich operiert hat, habe ihn falsch behandelt.

Mehr als 11.800 Vorwürfe von Behandlungsfehlern haben die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen bei den Ärztekammern 2015 registriert. In 1744 Fällen bestätigten die Gutachter den Verdacht der Geschädigten und stellten einen Anspruch auf Entschädigung fest.

Doch bis dahin ist es ein steiniger Weg für Patienten, sagt Rechtsanwalt Heiner Willems, der Betroffene gegenüber Ärzten und Kliniken vertritt. Der Nachweis ist kompliziert, die Prozesse dauern lange, die finanziellen Risiken sind groß. Das schreckt viele Betroffene davon ab, ihr Recht durchzusetzen.

Beweislast liegt beim Patienten

Im Juli 2014 brachte ein Notarzt den damals 72-jährigen Helmut Köpf in die Klinik Immenstadt. Köpf hatte starke Schmerzen im Nacken. Eiter hatte seinen Halswirbel zerfressen. Am nächsten Vormittag schickte ihn das Krankenhaus jedoch ohne Befund wieder nach hause.

Nur wenige Tage später wurde der Mann wieder mit starken Schmerzen eingeliefert. Diesmal beginnen die Chirurgen der Klinik mit einer Operation am Halswirbel. Doch während der OP wird Köpf in das Krankenhaus Kempten verlegt, wo spezialisierte Neurochirurgen übernehmen und ihn 13 Stunden operieren. Als er wieder aufwacht, ist er ab der Bauchmitte gelähmt.

Hätte die Klinik Immenstadt die Gefahr schon bei der ersten Untersuchung erkennen müssen? Warum wurde Köpf nicht direkt an die Spezialisten in der Kemptener Klinik überwiesen?

Damit ein Behandlungsfehler im juristischen Sinn vorliegt, muss der Patient nicht nur seinen Schaden nachweisen. Er muss auch belegen, dass der Arzt einen Fehler gemacht und dass dieser zum Schaden geführt hat. Mit einer Ausnahme: Vergisst der Operateur zum Beispiel OP-Besteck im Bauch des Patienten, liegt der Verdacht auf einen groben Behandlungsfehler vor, erklärt Rechtsanwalt Willems. Dann muss der Arzt nachweisen, dass ihm kein Fehler unterlaufen ist.

Positives Gutachten ist keine Garantie

Die Gutachten der Schlichtungsstellen können dem Patienten im Prozess helfen einen Fehler nachzuweisen. Eine Garantie für einen erfolgreichen Prozess ist das allerdings nicht. Vor Gericht wird in jedem Fall ein neues Gutachten erstellt.

Regina Behrendt von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen empfiehlt Patienten, zuerst die eigene Krankenkasse zu kontaktieren. Sie sollen ihre Versicherten seit 2013 bei Verdacht auf einen Behandlungsfehler beraten.

Eine Umfrage der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen unter 50 Krankenkassen aus dem Jahr 2014 zeigt: Eine Erstberatung bieten fast alle Kassen an. Bei Verdacht auf einen Behandlungsfehler beschaffen rund drei von vier Kassen Unterlagen von der Behandlungsseite. 70 Prozent der Kassen beauftragen immer den Medizinischen Dienst der Krankenkassen mit einem Gutachten.

Viele Patienten schreckt die Aussicht auf jahrelange Prozesse

Einigen sich Betroffene und Ärzte nicht außergerichtlich, können Patienten nur klagen. Tim Neelmeier, Richter am Landgericht Itzehoe und bis 2015 Anwalt für Arzthaftungsrecht, beurteilt die Chancen für Patienten aus seiner Erfahrung eher düster. "Über die Hälfte der gerichtlichen Arzthaftungsprozesse gehen ungünstig für den Patienten aus", sagt er.

Der Betroffene hat gegenüber dem Arzt und dessen Versicherung erhebliche Nachteile vor Gericht, sagt Richter Neelmeier. Der Patient kann zwar seine Behandlungsunterlagen einfordern. Doch das reiche zum Beispiel bei Krankenhausinfektionen oft nicht aus, erklärt Neelmeier. Dass sich Keime auf einer Station verbreiten, liege häufig an überlastetem Personal. Krankenpfleger haben zu wenig Zeit, um sich ausreichend die Hände zu desinfizieren, wenn sie von einem Bett zum nächsten eilen. Doch den Nachweis für eine zu knappe Personalausstattung, zum Beispiel im Belegplan der Station, müssten Krankenhäuser nicht herausgeben, sagt Neelmeier.

Viele Patienten schreckt die Aussicht auf jahrelange Prozesse und ein erhebliches finanzielles Risiko ab. So geht es auch Helmut Köpf. "Ich hoffe, dass es nicht zu einem Prozess kommt und wir uns gütlich einigen", sagt er. Verliert er vor Gericht, müsste er die Kosten aus seiner privaten Altersvorsorge bezahlen.



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kasam 16.03.2016
1. Wer im Krankenhaus arbeitet, der weiss das es für
Aussenstehende kaum möglich ist, irgend etwas was falsch gelaufen ist zu beweisen. Deshalb ist es ja so eingerichtet worden. Und wenn etwas bewiesen ist, dauert so lange, bis der Patient verstorben ist. Man könnte es einfach ändern, aber die Versicherungslobby will ja Profite machen und nicht zahlen----das ist der einzige Grund---und die Gesetzgebung wird davon auch ein bisschen profitieren--Ein geschmiertes System läuft halt am Besten---
DieButter 16.03.2016
2.
"Köpf hatte starke Schmerzen im Nacken. Eiter hatte seinen Halswirbel zerfressen." Eiter zerfrisst erstmal gar nichts, sondern ist bloß abgestorbenes Zellmaterial. Die entscheidende Frage ist vielmehr, wurde schon bei der ersten Aufnahme festgestellt, dass der Patient eine Spondylitis hat? Geht leider nicht aus dem Artikel hervor. Und ab hier wird es medizinisch interessant: "Diesmal beginnen die Chirurgen der Klinik mit einer Operation am Halswirbel. [...] Als er wieder aufwacht, ist er ab der Bauchmitte gelähmt." Bei einem Eingriff auf Halsebene, ist der Patient nicht nur ab Bauchmitte gelähmt. Never ever. Nicht möglich.
realist4 16.03.2016
3. Man ist machtlos gegen die Ärztemafia
Mein Bruder verstarb 3 Monate nach einer Bypassoperation. Schon nach der Operation gab es Probleme aber es wurde absolut nichts gemacht und er wurde nach Hause geschickt. Ich will jetzt nicht den Fall aufrollen, welcher selbst den Hausarzt erschütterte. Fazit: und war der Weg auch zu beschwerlich, man verliert fast immer.
paps 16.03.2016
4. Querschnitt?
Es kommt sicherlich darauf an, was der Herr für eine Erkrankung hatte. Daraus kann man schliessen, ob eine OP zu einem früheren Zeitpunkt Besserung gebracht hätte. Falls der Patient nach der HWS-OP eine Querschnittslähmung ab Bauchnabel hat, liegt entweder ein ganz schlimmer Behandlungsfehler vor(Chirurg hat Hals mit Thorax verwechselt) oder es liegt NICHT an der OP. Das wäre sehr seltsam.
gantenbein3 16.03.2016
5. Beim Thema Behandlungsfehler
...arbeiten Ärzte, Politiker, Gerichte, Sachverständige Versicherungen und die Verfasser einschlägiger Kommentare Hand in Hand gegen die PatientInnen zusammen; selbstverständlich nicht konspirativ oder gar mafiös aber stillschweigend durchaus. Man hat es im medizinischen Bereich mit einem miesen Klüngel zu tun, in dem zwar vielleicht nicht eine Hand die andere wäscht aber doch jeder weiß, dass er sich beim Vertuschen und Aus-der-Verantwortung-stehlen auf den jeweils anderen verlassen kann. Jenseits der glasklaren Fälle, wie z.B. bei einer in der Bauchhöhle zurückgelassenen Schere, haben die PatientInnen nur geringe Chancen, recht zu bekommen und angemessen entschädigt zu werden. Das ist auch durchaus so gewollt. Denn alles andere würde teuer. Und das will man nicht. Außerdem haben die ÄrztInnen ihren Ruf und ihr Image zu verteidigen. Schwarze Flecken auf den weißen Kitteln sehen nunmal schlecht aus. Für mich rangieren insbes. KlinikärztInnen in puncto Berufsethos bis zum Beweis des Gegenteils ungefähr auf der Stufe von Gebrauchtwagenverkäufern.
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