Ein rätselhafter Patient: Absturzparty

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Der Rettungsdienst bringt einen aggressiven Patienten in die Notaufnahme. Der Mann ist eine Treppe hinuntergestürzt und offensichtlich betrunken. Doch das erklärt nicht, warum seine Lippen blau sind - obwohl die Sanitäter ihm Sauerstoff geben. Was ist passiert?

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Corbis

Party: Wirkungen, die der Alkohol nicht erklärt

Aileen McCabe und ihre Kollegen haben Schwierigkeiten, den Patienten zu untersuchen. Der Rettungsdienst hat ihnen einen 39-jährigen Mann in die Notaufnahme des irischen Waterford Regional Hospital gebracht. Dieser war eine Treppe hinuntergestürzt, nachdem er größere Mengen Alkohol getrunken hatte. Bei dem Sturz hatte er sich den Kopf angeschlagen, jetzt klagt er über Kopfschmerzen. Auf das Behandlungsteam wirkt er nicht nur betrunken, er ist auch streitlustig - und hat blaue Lippen.

Die Mediziner versuchen, den Mann zu untersuchen. Er gibt an, sich an alles erinnern zu können - demnach war er vermutlich nicht bewusstlos. Für die Ärzte ist das ein Hinweis, wie schwer seine Kopfverletzung sein könnte. Allerdings ist der Patient desorientiert. Regelmäßiger Alkoholmissbrauch ist bei ihm bereits bekannt, berichten die Ärzte im Fachmagazin "BMJ Case Reports". Von den Ärzten nach dem Gebrauch illegaler Drogen gefragt, verneint er.

Die meisten Untersuchungsergebnisse sind nicht außergewöhnlich: Das Herz des Patienten schlägt 101-mal pro Minute, die Körpertemperatur ist mit 36,7 Grad Celsius normal und der Blutdruck bei 135 zu 87 Millimeter Quecksilbersäule (mmHg) ebenfalls. Ungewöhnlich und beunruhigend ist dagegen, dass ein Pulsoxymeter, das die Sauerstoffsättigung im Blut misst, nur 86 Prozent anzeigt - obwohl der Patient über eine Maske Sauerstoff bekommt.

Beim Abhören der Lunge erscheint den Ärzten alles normal. An der Stirn sehen sie eine blutige Verletzung, die vermutlich vom Treppensturz herrührt. Hinweise auf einen Schädelbruch finden sie dagegen keine.

Die blauen Lippen (Zyanose) und die niedrige Sauerstoffsättigung sind Alarmzeichen für die Ärzte. Weder, dass der Mann betrunken ist, noch der Treppensturz können allein erklären, wieso das Blut des Patienten trotz der Behandlung nur so wenig des lebenswichtigen Elements transportiert.

Zwar kommen als Erklärung dafür Krankheiten der Lunge in Frage, zum Beispiel eine Lungenentzündung oder eine Lungenembolie, bei der ein Blutgerinnsel eine Arterie in der Lunge verstopft und so in diesem Bereich der Lunge verhindert, dass Sauerstoff ins Blut gelangen kann. Doch für beides gibt es bei diesem Patienten keine Hinweise.

Sehr viel wahrscheinlicher erscheint den Ärzten eine andere Möglichkeit, selbst wenn der Patient das abstreitet: Verschiedene Drogen und einige Medikamente könnten die niedrige Sauerstoffsättigung und die blauen Lippen erklären. Weil der Patient die verdächtigen Medikamente nicht nimmt, tippen die irischen Ärzte auf Drogen.

Das Blut gibt Aufschluss

Sie nehmen dem Mann arterielles Blut ab - in den vom linken Herzen wegführenden Arterien strömt das in der Lunge mit Sauerstoff angereicherte Blut. Mit dem Blut führen die Ärzte eine Blutgasanalyse durch, die Aufschluss über die Atmung des Patienten gibt. Tatsächlich stoßen sie bei ihrem Patienten auf einen Wert, der alles andere als normal ist: Der Transportstoff für Sauerstoff im Blut, das Hämoglobin, hat sich zu 14 Prozent in Methämoglobin gewandelt.

Während Hämoglobin in der Lage ist, Sauerstoffmoleküle von der Lunge in alle anderen Organe zu transportieren, hat Methämoglobin diese Fähigkeit verloren. Die beiden Moleküle unterscheiden sich nur dadurch, dass ein Eisenatom im Hämoglobin ein Elektron verliert - schon entsteht Methämoglobin.

Normalerweise sind höchstens zwei Prozent des Hämoglobins im Blut eines Menschen in Methämoglobin umgewandelt. Zwar gibt es einige Erbkrankheiten, die zu dauerhaft erhöhten Werten führen können, doch diese Patienten haben typischerweise keine Beschwerden. Tritt eine solche Methämoglobinämie akut auf, gibt es deshalb normalerweise auch einen aktuellen Auslöser - und der wahrscheinlichste ist eine illegale Partydroge.

Zunächst geben die Ärzte ihrem Patienten ein Mittel, das über verschiedene Reaktionen aus Methämoglobin wieder Hämoglobin entstehen lässt: Methylenblau. Mit dem knallblauen Farbstoff kann man zum Beispiel Wolle färben - und eine Methämoglobin-Vergiftung behandeln. Als der Patient wieder nüchtern ist, und seine Methämoglobin-Blutwerte wieder normal sind, befragen die Ärzte ihn auf der Suche nach dem Auslöser seiner Atemnot erneut.

Dieses Mal gibt der Mann zu, neben Alkohol auch illegale Drogen geschnüffelt zu haben. Er hat in der Nacht zuvor sogenannte Poppers genommen. Diese Stoffe aus der Gruppe der Alkylnitrite entfalten für wenige Minuten eine berauschende Wirkung - und lösen Nebenwirkungen wie Herzrasen, Erbrechen und Herz-Kreislauf-Zusammenbrüche aus. Methämoglobinämien wie die des Patienten nach dem Gebrauch von Poppers haben auch schon zu Todesfällen geführt.

Die irischen Mediziner entlassen ihren Patienten und geben ihm den Tipp, künftig auf Poppers zu verzichten. Alkylnitrite waren im neunzehnten Jahrhundert als Medikamente verwendet worden - zur Behandlung der Herzschmerzen einer Angina pectoris. Mittlerweile setzten sich allerdings andere Medikamente durch.

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insgesamt 40 Beiträge
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1. Titellos
UnitedEurope 16.02.2013
Wenn man nicht weiter weiß: Intox geht immer :)
2. Sehr bedauerlich . . .
blaubaer46 16.02.2013
Zitat von sysopDer Rettungsdienst bringt einen aggressiven Patienten in die Notaufnahme. Der Mann ist eine Treppe hinuntergestürzt und offensichtlich betrunken. Doch das erklärt nicht, warum seine Lippen blau sind - obwohl die Sanitäter ihm Sauerstoff geben. Was ist passiert? Betrunkener Patient mit Atemnot: Illegale Drogen erklären Beschwerden - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/betrunkener-patient-mit-atemnot-illegale-drogen-erklaeren-beschwerden-a-883712.html)
. . . dass dieser "39-jährige Patient" vermutlich nicht zur Kostenübernahme seiner Alkohol- und Drogen-Exzesse herangezogen wird und dies die irische "Solidargemeinschaft" übernehmen darf! Andernfalls wäre er wohl etwas klamm in der Kasse für den wöchentlichen Party-Stoff.
3. Die Freiheit des Menschen...
praktisch 16.02.2013
...besteht eben auch darin, dass er Drogen nehmen kann. Die Allgemeinheit sollte das respektieren und die Süchtigen ihrer Sucht nachgehen lassen. Dem, der sich aus seiner Sucht befreien will, soll die Gesellschaft helfen aber allen anderen nicht. Wer sich in Gefahr begibt, soll darin auch umkommen dürfen. Manch einer lernt es erst, wenn er dicht an der Grube gestanden hat.
4. Wenn man Ihre Meinung zu Ende denkt
Augustusrex 16.02.2013
Zitat von praktisch...besteht eben auch darin, dass er Drogen nehmen kann. Die Allgemeinheit sollte das respektieren und die Süchtigen ihrer Sucht nachgehen lassen. Dem, der sich aus seiner Sucht befreien will, soll die Gesellschaft helfen aber allen anderen nicht. Wer sich in Gefahr begibt, soll darin auch umkommen dürfen. Manch einer lernt es erst, wenn er dicht an der Grube gestanden hat.
heißt das, das man einem Junkie mit Überdosis sterben lassen soll anstatt ihm zu helfen. Verstehen Sie das unter Respekt vor dem Drogenkonsum?
5. Lösung
der_pirat 16.02.2013
Zitat von sysop... in den vom linken Herzen wegführenden ... Betrunkener Patient mit Atemnot: Illegale Drogen erklären Beschwerden - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/betrunkener-patient-mit-atemnot-illegale-drogen-erklaeren-beschwerden-a-883712.html)
Da haben wir es doch: Der Mann hat zwei Herzen!
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Zum Autor
  • Dennis Ballwieser ist Arzt. In München machte er Narkose, in Hamburg schreibt er über Medizin. Er ist Redakteur im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.
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